Frisch gepresst: Tristan Brusch

Euer bester Freund, die Schlagergöttin

Der Vater Violinist, die Mutter Pianistin. Da blieb Tristan Brusch fast nichts anderes übrig, als selbst Musik zu schreiben. Mit „Das Paradies“ veröffentlicht er sein Debütalbum und verdreht deutschem Pop den Kopf.
Tristan Brusch
Kirmes im Kopf: Tristan Brusch veröffentlicht mit „Das Paradies“ ein schillerndes Trahspop-Meisterwerk.

Hinter fähigen Menschen stehen meist andere fähige Menschen. Auch oder ganz besonders in der Musik. So verdankt die deutsche Musikszene dem Sänger, Songschreiber und Komponisten Tristan Brusch zahlreiche Glanzstücke. Brusch griff unter anderem der deutsch-polnischen Liedtexterin Balbina, den Orsons und besonders dessen Mitglied Maeckes unter die Arme, indem er die Musik für ihre Alben schrieb. Nur vereinzelt gab es Solo-Veröffentlichungen: 2008 erschien mit „My Ivory Mind“ das erste Album des gebürtigen Tübingers, damals noch auf Englisch. Mit der EP „Fisch“ folgte 2015 das erste deutschsprachige Release.

Drei Jahre später steht und glänzt jetzt „Das Paradies“ in den Plattenläden. Laut Brusch kann das Paradies alles sein. Ein Ort oder ein Zustand, seinetwegen auch ein Puff. Als Szenerie für sein Album hatte der Wahlberliner dann aber doch einen ganz bestimmten Ort im Sinn: den Rummelplatz. Denn der ist bunt und zieht Menschen an. Gleichzeitig ist er irgendwie hässlich – zu viel Kitsch, alles ist merkwürdig klebrig und insgesamt riecht es immer nach einer Mischung aus Zuckerwatte und Kotze. Eine Stimmung, die sich Brusch zu Nutzen macht.

Pop, der scheppert

Das ganze Album über spielt Brusch mit diesen sich beißenden Gegensätzen. Im Opener „Zuckerwatte“ zählt er all die Dinge auf, die ihn eigentlich unausstehlich machen – und freut sich, dass seine bessere Hälfte trotzdem bei ihm bleibt:

Und ich sage dir: Ich bin diese eine verbotene Tür
Es duftet nach Zuckerwatte, Rauch, verschüttetem Bier
Wenn du dich traust, verschütt' ich mich dir

Tristan Brusch in „Zuckerwatte“

In „Trümmer“ brüllt Brusch gegen erdrückende Erwartungshaltungen an, auf „Dispoqueen“ besingt er mit Charlotte Brandi Polyamorie und „Loch“ beschäftigt sich mit der Suche nach einem Ort für sich selbst und die dazugehörigen Ecken und Kanten. Ähnlich abwechslungsreich wie die Themen ist auch die Klangwelt des Albums. Selbst gelangweilt von der Geschliffenheit heutiger Pop-Musik hat Tristan Brusch auf einfach alle Songs auf die Platte gepackt, die ihm wichtig waren. Ob die zueinander passen und das Album in sich stimmig ist, war ihm dabei erstmal egal. Im Endeffekt ist es aber genau das: in sich geschlossen und perfekt ausgewogen. Detailverliebte, spitzfindige Melodien und Bruschs chaotischer Pomp wirken beim ersten Hören verwirrend, beim zweiten aufregend und beim dritten durchschlagend.

Ein Genie auf dem Rummelplatz

„Selbst Dein einfachster Song wird komisch für die Leute sein“ – so oder so ähnlich hat Orsons-Mitglied Tua das halbfertige Album kommentiert und damit Tristan Bruschs Schaffen treffend zusammengefasst. „Das Paradies“ lässt keinen Zweifel an dessen musikalischem Genie. Sein Trashpop ist wie der Rummel, den er darstellen soll: spannend und grell, aber auch ein bisschen gruselig. Er will sich mit den besten und den schlimmsten Seiten seinerselbst auseinandersetzen und tut das mit Bravour. Bleibt zu hoffen, dass Tristan Brusch demnächst die oftmals eingefahrene deutsche Musikwelt auf den Kopf stellt und die ein oder andere Ikone von ihrem Thron rüttelt. Denn wie betonte er schon gegenüber Diffus:

Ich will auf jeden Fall auf den großen Schlagerbühnen landen. Und ich will, dass Helene Fischer nicht mehr Schlagergöttin ist, sondern ich die neue Schlagergöttin bin.

Tristan Brusch

Die Rezension zum Nachhören gibt's hier:

Musikredakteurin Ariane Seidl über „Das Paradies“ von Tristan Brusch. Moderiert von Lukas Raschke.
Musikredakteurin Ariane Seidl über „Das Paradies“ von Tristan Brusch. Moderiert von Lukas Raschke.

 

 

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Tristan Brusch: Das Paradies

Tracklist:

1) Zuckerwatte
2) Karussell
3) Trümmer
4) Ich lass dich nie los*
5) Neujahrsschnee
6) Die fetten Jahre
7) Dispoqueen (feat. Charlotte Brandi)*
8) Nicht mehr Zuhaus
9) Pustefix
10) Hier kommt euer bester Freund*
11) Tier

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 08.06.2018
Downbeat/Warner

Tristan Brusch auf Tour:

Die neuen Songs gibt's bald auch live zu hören. Am 31. Oktober spielt Tristan im Leipziger Naumanns, die kompletten Tourdaten gibt's hier.