Todesstrafe

"Es war ein echter Kampf!"

Seine Geschichte handelt von Willkür, Hoffnung und Todesangst. Der US-Amerikaner Ray Krone saß zehn Jahre unschuldig im Gefängnis, zwei Jahre davon im Todestrakt. Zwölf Jahre nach seiner Entlassung erzählt er in Leipzig, was ihm passiert ist.
Der ehemalige Todeskandidat, Ray Krone, eröffnet die Ausstellung zur Todesstrafe in Leipzig.

Ray Krones Blick wandert durch den Hörsaal der Universität Leipzig und heftet sich an einzelne Gesichter. Manchmal erhebt er seine Stimme und spannt einen Bogen zwischen zwei Sätzen. Das passiert, wenn er über die Willkür des amerikanischen Justizsystems spricht oder über den Staatsanwalt, der an seiner Unschuld zweifelte. Gleich darauf überwiegt ein trauriger Blick. Besonders, wenn er über die Zeit im Todestrakt spricht, über die Hoffnungslosigkeit, seine Unmacht. Es ist, als könnte er es zwölf Jahre nach seiner Entlassung immer noch nicht fassen, was ihm passiert ist.

Zehn Jahre, drei Monate und acht Tage

29. Dezember 1991, sein "Schicksalstag", wie er den Moment nennt, an dem er die blutüberströmte Kim Ancona fand. Er kannte sie flüchtig aus der Bar, in der sie gearbeitet hatte und in der er in regelmäßigen Abständen Dart spielte. Nach seiner Zeit bei der US-Airforce, in der er, wie er sagt, sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen, ließ er sich in Phoenix, im Bundesstaat Arizona nieder. Dort fand er eine Anstellung bei der Post, und da er nicht verheiratet war, habe er viele "Spielzeuge" besessen, sagt er nicht ohne ein Lächeln, und meint damit seine Autos. Und eben weil er nicht verheiratet war, glaubte die Polizei schon bald, dass er Kim Anconas fester Freund gewesen sein musste. "Ich kannte nicht einmal ihren Nachnamen", gibt er zu.

Doch Ray Krone kooperierte mit der Polizei, schon alleine deswegen, weil er sich als "gesetzestreuen Mann" bezeichnet. Er ertrug das erste Verhör, in dem ein sogenannter Bissexperte über zwei Stunden hinweg einen Gipsabdruck von Ray Krones Zähnen nahm. Bei einem Unfall verletzte sich der damals 35-Jährige, seitdem weisen seine vorderen Schneidezähne eine Fehlstellung auf. Damals ahnte er noch nicht, wie verhängnisvoll ihm dieses Bissgutachten werden sollte. Als er anschließend nach Hause geschickt wurde, glaubte Krone schon, er habe es überstanden. Ein fataler Irrglauben. "Ich war naiv, ich habe geglaubt, dass System will mich wirklich schützen." Eine Illusion, wie sich kurz darauf herausstellen sollte.

Zwei Tage später bekam er erneut Besuch von der Polizei, diesmal hatten die Beamten jedoch einen richterlichen Beschluss zur Festnahme dabei. "Ich verstand die Welt nicht mehr, ich hatte doch mit ihnen kooperiert!" Was anschließend folgte, lässt einen Unbeteiligten schon beim Zuhören schaudern. "Ich hatte weder eine psychische Störung noch ein Alkoholproblem, was sich strafmindernd ausgewirkt hätte, also steckten sie mich in den Todestrakt nach Phoenix", sagt Krone. Dort sollte er zwei Jahre verbringen. Bei jedem Freigang, erzählt er, habe er gehofft, wenigstens einen Hund bellen zu hören oder ein Auto, das vorbeifährt, ein Zeichen aus der "Welt da draußen". "Ich hatte zwei Stunden jeden Tag, in denen ich einfach nur die Sonne auf meiner Haut genossen habe, damit ich nicht verrückt werde."

Amnesty International schätzt, dass in den USA aktuell 3049 Menschen zum Tode verurteilt sind, die meisten von ihnen warten in Kalifornien (743), Florida (404) und Texas (277) auf ihre Hinrichtung. Insgesamt sehen 32 von 50 Bundesstaaten die Todesstrafe in ihren Strafgesetzen vor, doch auch nach Bundesrecht kann diese verhängt werden, zum Beispiel für einen Terroranschlag. Nach der Verkündung des Todesurteils können die Betreffenden Berufung einlegen. Dieses Verfahren in zweiter Instanz vor dem Obersten Gerichtshof dauert im Durchschnitt 14 Jahre, so Amnesty.

"Mein Team sind meine Familie und Freunde"

Für Ray Krone war es ein DNA-Test, der zumindest sein Todesurteil aufhob. Die Kleidung des Opfers wurde untersucht und bewies, dass Krone die Frau nie angefasst hatte. In den 1990er Jahren wurden DNA-Analysen noch nicht offiziell als Beweismittel vor Gericht zugelassen. Der zuständige Staatsanwalt berief sich weiterhin auf das Bissgutachten, Krone bekam rund 40 Jahre Gefängnis für Kidnapping und Mord. "Ich wäre bei meiner Entlassung 81 Jahre alt gewesen", sagt der heute 57-Jährige. Erst als sein Anwalt die DNA-Probe mit einer bundesweiten Datenbank verglich, konnte der Mörder gefunden werden. Kenneth Phillips war bereits polizeibekannt, weil er ein siebenjähriges Mädchen vergewaltigt und erwürgt hatte.

2002, in dem Jahr, in dem der DNA-Test offiziell als Beweismittel vor Gericht zugelassen wurde, erhielt Ray Krone seine Freiheit zurück. Nach rund zehn einhalb Jahren, die er unschuldig im Gefängnis verbrachte. Laut dem Death Penalty Information Center war er der 100. unschuldige Gefangene, der entlassen wurde. "Es gibt immer noch rund 150 Ray Krones in den USA. Das sind Frauen und Männer, die, wie ich, unschuldig im Todestrakt sitzen."

"Es liegen noch viele Kämpfe vor uns"

Und für diese Frauen und Männer setzt er sich heute ein. Zwölf Jahre nach seiner Entlassung lebt Ray Krone in Philadelphia. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des Projekts Witness to Innocence, einer Bewegung gegen die Todesstrafe. Er und andere ehemalige TodeskandidatInnen wollen durch ihre Geschichten auf die Willkür der amerikanischen Justiz aufmerksam machen. Ein Land, das sich auf die Menschenrechte berufe, brauche ein Rechtssystem, in dem Unschuldige wieder freigesprochen werden können, sagt er. "Wir können nicht länger Gott spielen." 

mephisto 97.6-Redakteurin Birgit Raddatz im Gespräch mit Ray Krone.
 
 

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Zwischen 1977 und 2013 sind in den USA 1360 Frauen und Männer exekutiert worden.

Weltweit existiert die Todesstrafe in 58 Staaten, mindestens 20 davon haben 2013 auch Menschen hingerichtet.

Mindestens 778 Menschen weltweit wurden 2013 hingerichtet, die tatsächliche Zahl liegt laut Amnesty International viel höher.

Die meisten Menschen werden vermutlich in China hingerichtet. Die Volksrepublik behandelt die Todesstrafe jedoch als Staatsgeheimnis, weshalb keine aktuellen Zahlenangaben möglich sind.