Das lange Interview mit Alexander Nym

"Es war der ausgestreckte Mittelfinger"

Sie schlafen in Särgen und rösten kleine Kinder – zwei der Vorurteile gegenüber Anhängern der „schwarzen Szene“. Was wirklich dran ist und warum „Gothics“ die Schwarzkittel nicht gut beschreibt, erklärt Kulturwissenschaftler Alexander Nym bei m19.
Kulturwissenschaftler Alexander Nym gab auch ein wortloses Interview bei mephisto 97.6

Als Alexander Nym an diesem Abend das Studio betritt, tendiert seine Kleidung eher in Richtung grau – nicht schwarz, wie vermutet. Dennoch ist der 41-jährige Teil der „schwarzen Szene“ - irgendwie: „Naja, es ist wie eine chronische Krankheit, die man nie wieder los wird“, erklärt der Kulturwissenschaftler. Er sei nicht mehr so tief in der Szene wie früher, aber das Interesse ist natürlich immer noch vorhanden.

Alexander Nym (re.) im Gespräch mit Moderator Magnus Folten

„Alles ist möglich“

Dabei gibt es „die Szene“ eigentlich gar nicht, sagt der Gast unseres langen Interviews. Waver, Gothics, Punks, Romantiker, Industrialmusik-Fans – sie alle und noch mehr können sich als Teil der ehemaligen Jugendbewegung verstehen. Da aber die Vorliebe für die Farbe Schwarz der kleinste gemeinsame Nenner ist, spricht er trotzdem von der „Schwarzen Szene“, sagt Alexander Nym. Der Begriff fasse die Vielschichtigkeit der Szene besser, als zum Beispiel der Begriff „gothic“, der sich nur auf den gotischen Bereich bezieht. Eine gemeinsame Ideologie der „Schwarzkittel“ gibt es nicht; die Mitglieder definieren sich sehr unterschiedlich: über eine Vorliebe für Mystisches, Romantisches, eine bestimmte Vorstellung von Ästhetik oder auch über eine favorisierte Musikrichtung.

Ein Anti-Raum zur Mainstream-Gesellschaft

Alexander Nym hat sein Buch über die Szene wegen dieser vielen verschiedenen Ausprägungen daher auch „Schillerndes Dunkel“ genannt. Darin beschäftigt er sich vor allem mit den Ursprüngen der Szene. Die „schwarze Szene“ beschreibt er dabei als so facettenreich, wie die Mainstream-Gesellschaft – nur eben in dunkel.

Ohne eine Affinität zu der Szene hätte er das Buch aber wahrscheinlich nicht geschrieben. Doch mit etwa 13 Jahren kristallisierte sich bei ihm ein „dunkler“ Musikgeschmack heraus; die Umstellung auf ausschließlich schwarze Kleidung war „auch alltagspraktisch, weil man sich morgens nicht mehr fragen musste: 'was ziehe ich nur an?'“. Damit entzog sich Alexander Nym einerseits dem sozialen Druck, immer die angesagten Marken tragen zu müssen – andererseits fiel er damit auf wie ein (un-)“bunter Hund“ und zog sich gerade deswegen Ärger zu:

Ich hab dafür schon auch körperlich einiges einstecken müssen, aber das hat meine Haltung eher noch bestärkt

erklärt Alexander Nym im langen Interview.

25 Jahre WGT

Heute sei die Situation für junge Anhänger oft einfacher, als zu seiner Jugendzeit. Durch vermehrte Berichte in den Medien zum Beispiel seien „Schwarzkittel“ der Mainstream-Gesellschaft nicht mehr so fremd. „Die, die damals von Anfang an dabei waren, stehen heute kurz vor der Rente oder sind es schon.“, sagt Nym. Die einstige Jugendbewegung hat überdauert – auch wenn besonders auf dem Land teilweise noch Schwarzkittel angegangen würden; einfach, weil sie nicht ins Bild des Dorfes passen würden.

So kann die Akzeptanz der Szene von Ort zu Ort unterschiedlich sein. In Leipzig gebe es durch das Wave Gotik Treffen (WGT) die besondere Situation, dass jedes Jahr zu Pfingsten rund 20.000 Besucher in die Stadt kommen.

Alexander Nym wird in diesem Jahr wieder beim WGT dabei sein. Heute hat er allerdings einen anderen Blick als in den ersten Jahren. Nach seinem Studium der Kulturwissenschaft sieht er seitdem wie ein Feldforscher auf das Fest – wissenschaftlicher, aber nicht weniger fasziniert: „Das ist schon ein Wahnsinn, was da in diesen Tagen logistisch geleistet wird. Und es ist zum Großteil absolut friedlich!“

 

Warum das Wave Gotik Treffen nun nicht mehr Wave Gothic Treffen heißt, wie ausgerechnet Leipzig Veranstaltungsort wurde und warum Rechtsextreme -oft irrtümlicherweise- glauben, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und der Schwarzen Szene gebe, hören Sie im langen Interview mit dem Kulturwissenschaftler Alexander Nym.

Kulturwissenschaftler Alexander Nym im langen Interview über die "schwarze Szene"

Redaktion: Ariane Dreisbach, Christoph Schäfer

Regie: Christine Warnecke

Kulturwissenschaftler Alexander Nym im langen Interview über die "schwarze Szene"

 

 

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Christine Warnecke
30.03.2016 - 18:32