Film-Empfehlung

"Es sagt auch keiner 'jetzt ist Krieg'."

Thomas Heise erzählt im Interview von seinem neuen Dokumentarfilm und seiner eigenen Biografie.
Thomas Heises neuer Film kommt am 10. Oktober in die Kinos.
Thomas Heises neuer Film kommt am 10. Oktober in die Kinos.

"Heimat ist ein Raum aus Zeit." So lautet der Titel des neuen Dokumentarfilms von Thomas Heise. Der Titel fasst präzise das Nebeneinander und Ineinander der im Film erzählten Geschichten zusammen. Es sind die Geschichten der Familie des Filmemachers selbst, deren letzter Überlebender er ist. Die Familiengeschichte wird vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart verfolgt. Dabei ändert der Film auch den Blick von Geschichte überhaupt. Denn Geschichte aus Sicht der Menschen, die sie erleben, ist nie so eindeutig wie die Geschichte in Schulbüchern.

Thomas Heise ist 1955 in Ostberlin geboren. In der DDR konnte er aber keinen einzigen Film veröffentlichen. Erst nach der Wende wurde er bekannt – unter anderem durch seinen Film „Stau. Jetzt Geht’s los“. Darin beschäftigte sich Heise mit rechtsradikalen Jugendlichen in Halle. Heises Interesse gilt stets den Rändern der Gesellschaft – dem, was man sonst nicht sieht.

Neuerzählung deutscher Geschichte

Auch in seinem neuen Film erfährt man von dem, was in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht auftaucht: Unfertige Lebensläufe, Überarbeitungen von Briefen, verlassene Wehrmachtsgebäude, Affären der eigenen Eltern, einer U-Bahnfahrt während der friedlichen Revolution. Dabei verbinden sich historische Ereignisse mit alltäglichen Sorgen.

Heise liest im Film aus dem Off selbst Tagebucheinträge, Briefe und Notizen seiner Familie. Dazu sieht man auf der Leinwand, wie die Kamera über alte Dokumente, Ruinen und Schutthaufen fährt. Ton und Bild tragen sich gegenseitig – und das erstaunlicherweise über herausfordernde dreieinhalb Stunden, die der Film dauert.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gelingt es Heise besonders gut, die deutsche Geschichte neu zu erfassen. Eine der Schlüsselszenen besteht aus quälend langsam durchs Bild laufenden Listen der in Konzentrationslagern Deportierten – darunter auch Familienmitglieder Heises, deren Namen rot unterstrichen sind. Dazu erzählen Heises Familienmitglieder in Briefen von der Unberechenbarkeit der Abtransporte. Keiner weiß, ob es heute, morgen oder in einem Jahr geschieht, und doch wissen alle, was auf sie zukommt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs klaffen immer größere Lücken im Film. Diese Lücken sind vielleicht Heises ausführlichere Beschäftigung mit DDR und Wendezeit in anderen Filmen, oder aber auch eine politische Zurückhaltung angesichts hitziger Diskussionen rund um den Osten geschuldet. Vielleicht lässt der Film aber auch Lücken in der DDR- und Wendegeschichte, weil Heise weniger Distanz zu dieser Zeit hat: Er hat sie schließlich selbst erlebt.

Ich habe mit Thomas Heise über seinen neuen Film und seine persönlichen Erfahrungen während der DDR- und Wendezeit gesprochen.

Das Interview zum Nachhören:

Interview mit Thomas Heise und Frederike Moormann
Interview mit Thomas Heise und Frederike Moormann

Ich interessiere mich ja für die ostdeutsche Perspektive auf deutsche Geschichte.

Also man ist immer Osten und dafür ist man zuständig. Man wird als Ossi gefragt. Das ist eine ganz massive Ausgrenzung, die da stattfindet. Die wird offenbar nicht bemerkt von denen, die sie nutzen.

Kann man dennoch von einer ostdeutschen Perspektive sprechen?

Im Grunde genommen kann man sich das ganz einfach vorstellen: Wenn man im Gefängnis sitzt, guckt man gerne aus dem Fenster, weil man wissen will, was draußen los ist. Es ist das Interessanteste, was außerhalb stattfindet. Wenn man aber draußen ist, will man überhaupt nicht wissen, was im Gefängnis los ist, weil man damit nichts zu tun haben will. Das ist die Situation zwischen Ost und West. Für die meisten hat sich ja nichts geändert. Zumindest hat man geglaubt, dass sich nichts geändert hat. Man hat nur nicht gemerkt, dass sich natürlich alles geändert hat. Die Bundesrepublik ist genauso verschwunden. Das rutscht jetzt erst langsam ins Bewusstsein, dass da Veränderungen stattgefunden haben.

Wieso dauert das so lange?

Die Dinge dauern immer ganz lange. Das ist offenbar so. Bis sich Sachen verändern, vergeht sehr, sehr viel Zeit. Von einem Ereignis bis zu den Auswirkungen des Ereignisses vergehen einfach viele Jahre.

Ihr Film hat auch eine ganz eigenartige Zeitlosigkeit für mich.

Ja, deswegen ist der auch so. Das hat genau damit etwas zu tun. Ich versuche natürlich das irgendwie zu fassen.

Sie stellen die Zeit, in welcher die Figuren leben, als relativ bruchlos dar. Das überrascht, wenn man über die vielen Systemwechsel in der im Film erzählten Zeit nachdenkt. Wie verhalten sich geschichtliche Brüche und Kontinuität Ihrem Film?

Das Entscheidende ist, dass die Brüche nicht erzählt sind. In dem Film kommt der erste Weltkrieg praktisch nicht vor. Das sind die Kesselwagen, die da durchfahren. Es sagt auch niemand „ab jetzt ist Krieg.“ Auch der Anschluss Österreichs kommt nicht vor. Es kommt nicht der neunte November vor - die Reichskristallnacht - und auch nicht die Gründung der DDR. Das Ende des Krieges ist, dass das Mädchen Rosemarie mit Pompeo im Keller verschwindet und dann bloß noch seinen Namen sagt. Das sind die Realitäten. In historischen Umbrüchen finden ganz andere Sachen statt, die den Umbruch markieren und die für die Figuren eigentlich das Wesentliche sind. Ein großes historisches Ereignis ist nicht sinnlich als solches zu erleben, sondern das macht sich woanders fest.

Woran hat sich für Sie die Wende festgemacht, wie haben Sie die Wende erlebt?

Erstens hat man ab Maueröffnung auf einmal Schüsse gehört nachts in Berlin. Die Geräuschkulisse hat sich geändert. Das Zweite: Ich habe in der Rosa-Luxemburg-Straße gewohnt, am letzten Haus kurz vor der Bahn, also am Bahnhof Alexanderplatz. Da war auf einmal ein grünes Schild von Europcar – also einem Autoverleih. Eines Morgens war das da. Und in dem Moment, in dem ich das sehe, wusste ich: Das bleibt. Das war viel stärker als die Bilder von diesen Wahnsinnigen, die ihr Geld umtauschen. Das war interessant. Auf einmal dreht sich was, und man kann das nur in so komischen Kleinigkeiten sehen, die man eigentlich nicht so richtig wahrnimmt.

Aber für ihr filmisches Schaffen hat die Wende schon ziemlich viel bedeutet, oder?

Na gut, das hat was bedeutet, klar. Ich war einerseits rausgeflogen und auf der anderen Seite Meisterschüler an der Akademie der Künste. Das ist alles absurd. Das geht nur in Diktaturen. Das wäre in einer ordentlichen Demokratie, in welcher das Meisterschüler-Studium ein postgraduales Studium ist, gar nicht möglich. Das würde nicht gehen, ohne einen Abschluss ein Meisterschüler-Studium zu bekommen. Das ging natürlich in der DDR. Es gab einen Film in Babelsberg an der Filmhochschule, den ich machen konnte. Der ist dann verboten worden. Wobei, die Sachen wurden ja nicht verboten, die wurden einfach nicht zur Aufführung freigegeben. So nannte man das. Der ist erst 1990 gezeigt worden und der Film war von 1980 – also nach zehn Jahren. Ich habe keinen weiteren Film fertig gekriegt an der Filmhochschule. Die sind alle beendet worden, über MfS, Abteilung für innere Angelegenheiten, oder über die Dramaturgie der Hochschule selbst. Es ging darum, zu verhindern, dass ich in irgendeiner Weise gegen die DDR tätig werde. Das heißt dann "dieses nicht machen", "jenes nicht machen". Gleichzeitig wurde von mir verlangt, einen Film zu machen, der ein klares Bekenntnis zur DDR ist. Wie das aussehen soll, weiß ich nicht, und es ist mir auch nicht gelungen. Es hat mich auch gar nicht interessiert.

Sie haben alle Texte in ihrem Film selbst eingesprochen. Was macht das mit einem, sich so lange mit den Briefen der eigenen Familie auseinanderzusetzen – also die selbst einzusprechen, mit der eigenen Stimme?

Das macht gar nichts. Ich dachte auch, dass das irgendetwas machen würde, was ich dann nicht kontrollieren kann. Das wollte ich nicht. Ich habe deswegen vorgehabt, das von einer Schauspielerin einsprechen zu lassen. Zum Schneiden brauchten wir aber die Stimme. Es gab gar kein Buch. Der Film ist am Tisch entstanden. Deswegen haben wir in der Mitte des Films angefangen zu schneiden und immer wenn klar war, welcher Text dazu passen könnte, habe ich den schnell eingesprochen – im Kinderzimmer beim Schnittmeister zu Hause. Wenn man einen so langen Film hat, schaut man sich den ja nicht dauernd wieder von vorne an, wie man das eigentlich müsste. Das schafft man ja nicht, dann ist der Tag schon wieder rum. Das ist wirklich ein Problem. Man guckt immer nur so in Fetzen vorwärts. Man muss sich das im Kopf zusammensetzen, sodass es funktioniert. Als ich den Film in Gänze gesehen habe, sagten alle, auch der Produzent: "Lass das mal so." Dass ich kein ausgebildeter Sprecher bin, war egal. Ich verschlucke die Enden. Da ist Berlin noch drin. Dieses Unfertige daran, dass das mal besser und mal schwächer ist, das ist eigentlich gut. Das schafft auch eine Leichtigkeit.

 

Kommentieren

Kinostart: 10. Oktober 2019