Theaterpremiere

Es leeeeebt!

Schaurig wird es im Westflügel ja häufiger mal. Zukünftig ergänzt auch noch eine der beliebtesten Figuren der Horrorliteratur das Repertoire des Figurentheaters: Frankenstein! Wir haben uns das Stück angesehen.
Ein Körper (Florian Feisel) wird geformt...
Ein Körper (Florian Feisel) wird geformt...

Denkt man an die Top Drei Ikonen der Schauerliteratur, dann ist da wahrscheinlich an erster Stelle Dracula von Bram Stoker dabei… dann kommt vielleicht die Mumie... und dann, ja, dann auch schon Frankenstein! Beziehungsweise Frankensteins Monster, denn der eigentliche Viktor Frankenstein ist im Buch nur dessen Schöpfer. Das Monster ist eine Romanfigur, welche immer wieder Inspiration für Filmemacher bietet. Das geht bis hin zu so absurden Ideen wie dem untoten Hund "Frankenweenie" in Tim Burtons gleichnamiger Horrorkomödie. Das aus Leichenteilen zusammengeflickte und dann (re-)animierte Wesen ist popkulturell eben äußerst beliebt. Kommendes Jahr jährt sich die Erscheinung von Mary Shelleys Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus", dem eigentlichen Ursprung der Figur, zum zweihundertsten Mal. Anlass genug für das Leipziger Figurentheater Westflügel, unter dem Originaltitel des Klassikers eine Inszenierung auf die Beine zu stellen… den Frankenstein quasi wiederzubeleben, muhahaha!

Verantwortlich ist dafür das Duo Wilde & Vogel, Regie führt Hendrik Mannes. Neben Michael Vogel spielen Winnie Luzie Burz, Jan Jedenak und Stefan Wenzel in wechselnder Konstellation. Ob dieses Gespann am Ende, ganz im Geiste eines stereotypen Assistenten namens Igor, über das Stück "Es lebt!" sagen kann? Ich bin gespannt!

Moderator Carsten Fiedler im Gespräch mit Theaterredakteur Maximilian Enderling.
0505 SG Theater

Adaption des ursprünglichen Themas

Nun hat Regisseur Hendrik Mannes für seine Inszenierung den vollen Titel der Vorlage auserkoren. Doch wer war das noch einmal, dieser Prometheus? Eine Gestalt der griechischen Mythologie, welcher den Menschen das Feuer bringt. Je nach Version der Sage hat Prometheus auch den Menschen selbst aus Lehm erschaffen. Für Frankenstein-Autorin Mary Shelley stand der Kern ihrer Geschichte also dafür, dass sich die moderne Naturwissenschaft mehr und mehr in die Schöpfung einmischt; ein sehr philosophischer Ansatz. Der Wissenschaftler Victor Frankenstein schafft Leben, bloß aus totem Fleisch statt aus dem Lehm der Prometheussage. Bei der Kernthematik knüpft auch der Westflügel an, Szene für Szene wird das Prinzip Schöpfung ergründet. Hendrik Mannes schafft mit seinem künstlerisch breitgefächerten Ensemble eine Werkstattatmosphäre, wie man sie auf dieser Bühne vielleicht schon beim Stück "Faza R.E.M. Phase" kennengelernt hat; nur, dass dort in Kooperation mit der polnischen Formation Grupa Coincidencia die Entstehung der Träume erkundet wurde. Die Darsteller zeigen dabei an verschiedenen Stationen des Bühnenraums teils parallel Performances im Kleinen. Bei der Frankenstein-Inszenierung macht diese Art der fragmentierten Audio-Visualisierung etwa die Hälfte der Spielzeit aus. Dabei nähern sie sich der Absurdität der Schöpfung an - erstaunlich präzise sogar.

Das Monster in der Musik

Die andere Hälfte der Spielzeit orientiert sich enger an der Geschichte Mary Shelleys und ist dabei mehr oder weniger linear. Soll heißen: auch das große Finale des Romans in der Arktis, der Flammentod der Kreatur, wartet im Westflügel ganz zum Schluss. Der selbst errichtete Scheiterhaufen wird durch einen Bunsenbrenner dargestellt, mit welchem Michael Vogel eine Wachsmaske zum Schmelzen bringt. Das Monster wird tatsächlich nie (mit Ausnahme einer kurz auftauchenden Marionette) zur Gänze dargestellt, die Inszenierung bleibt auch hier bei Fragmenten. Am symbolischsten sind da zum Beispiel ebenjene Wachsmasken, welche alle vier Darsteller auch in einer ausgedehnten Sequenz tragen. Dabei und auch im sonstigen Stück beeindruckt der Westflügel mal wieder mit kleinen Mitteln und großer Wirkung; das live durchgeführte Gießen dieser Masken wird zu einem sehr eindrücklichen Initiationsritus. Begleitet wird dieser, wie fast die gesamte Inszenierung, von einer durch Chalotte Wilde und Johannes Frisch live eingespielten Atmosphäre. Diese ist mal mehr, mal weniger musikalisch. Das Gezeigte kann sie auf jeden Fall ausnahmslos aufwerten. Oft meint man das Monster sogar eher im Gehörten zu erkennen. Auch Klang ist also eine wichtige Komponente von "Frankenstein oder Der moderne Prometheus". Die Inszenierung beginnt schon mit einem gemeinsam performten Song, an welchem alle sechs Akteure beteiligt sind. Gefühlt nach jeder Szene sind Lieder eingebunden, wie schon bei der letzten großen Romanadaption im Westflügel, "Songs for Alice" auf Basis von Lewis Carrolls Roman "Alices Abenteuer im Wunderland". Charlotte Wilde war dort wie auch jetzt wieder an der E-Geige und mit verschiedensten Soundeffekten vertreten. Johannes Frisch sorgt bei "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" mit dem Kontrabass für den düsteren Unterton.

Manko? Ein wenig!

Leider wirken nicht alle verwendeten Bilder so gut, wie die ihnen zugrunde liegenden auditiven Ebenen. Um ein Beispiel zu nennen: Zwischendurch gibt es auch klassische Zaubertricks wie der im Kasten zerteilte Körper. Später wird Darsteller Stefan Wenzel mit Hilfe eines Hüftgestells zur Illusion auf einem senkrechten Speer aufgespießt und darauf dann im Kreis gedreht. Das sorgt für ein angenehmes Maß an selbstironischer Bühnenkomik, aber entfernt sich doch arg vom sonstigen, so bedrohlichen Flair der Materie. Dem Anschein nach sind diese Elemente persönliche Spielereien von Westflügel-Mitbegründer Michael Vogel. Gerade dabei hätte Hendrik Mannes die Performance durchaus noch weiter auf das Wesentliche reduzieren können. Es kamen neben Zaubertricks natürlich auch Figuren zum Einsatz. Das waren starke Passagen, gerade deswegen hätte ich mir allerdings auch mehr von ihnen gewünscht. Im Figurentheater liegt schließlich eine (um nicht zu sagen die) Kernkompetenz des Hauses. Außerdem war im Voraus eine 2000-Watt-Industrieglühbirne angekündigt worden. Die gab es auch mittig über dem Bühnenraum, wirklich relevant wurde sie in der Inszenierung aber leider nicht. Um eine eindrückliche Laboratmosphäre zu schaffen, falls diese von Seiten des Westflügels überhaupt gewünscht war, hätte man den Leuchtkörper wunderbar in Szene setzen können.

Fazit

Trotz diesen geringfügigen Details ist "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" eine interessante Auseinandersetzung mit einem heutzutage popkulturellen Motiv und macht große Lust auf den Romanklassiker von Mary Shelley. Die Inszenierung birgt viele starke Momente und herrlich überzeichnete Performances, gerade Stefan Wenzel mit seiner genialen Mimik muss man da hervorheben. Auch wenn sich das Figurentheater Wilde & Vogel und Regisseur Hendrik Mannes bei dieser (personell für den Westflügel vergleichsweise großangelegten) Inszenierung vielleicht nicht selbst übertroffen haben mögen: Sie macht richtig Lust auf die bereits angebrochene neue Spielzeit im Westflügel!

 

Kommentieren