Pressefreiheit

„Es ist natürlich traurig“

Das sagt Ilkay Yücel darüber, dass nicht ihr Bruder selbst, sondern sie den Leipziger Medienpreis stellvertretend für ihn entgegenehmen musste. Mephisto 97.6 hat sie auf der Pressekonferenz zum Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien getroffen.
Deniz Yücel
Deniz Yücel

Es ist Freitagmorgen, der 6. Oktober und der Konferenzraum im Mediencampus Villa Ida ist voll. Zahlreiche Journalisten sind gekommen, um Aslı Erdoğan und Ilkay Yücel zuzuhören. Die beiden Frauen sollen am Abend den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien entgegennehmen. Mit diesem Preis ehrt die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig jährlich Journalisten, die sich mit besonderem Mut und Engagement für die Pressefreiheit einsetzen.

Wegen seines Engagements als Türkei-Korrespondent für „Die Welt“ wurde Deniz Yücel verhaftet. Seit dem 14. Februar sitzt er in Istanbul in Haft. Damals hatte die türkische Polizei eine Fahndung nach ihm ausgeschrieben. Und Deniz Yücel ging auf Rat seiner Anwälte freiwillig zur Polizei. An diesen Tag kann sich Ilkay Yücel noch gut erinnern:

Als er nach zwei Nächten immer noch nicht freigelassen wurde, hatten wir ein mulmiges Gefühl. Und dann dachte ich, als es hieß, er muss in Polizeigewahrsam bleiben, dass diese 14-tägige Frist ausgeschöpft wird, dass er wirklich diese 14 Tage da bleiben muss und dann im Anschluss freigelassen wird. Also davon bin ich ausgegangen, weil es ja keinen Grund gibt, ihn ins Gefängnis zu stecken.

Ilkay Yücel

Bis heute gibt es keinen offiziellen Grund, weshalb Deniz Yücel im Gefängnis sitzt. Nur im Haftbefehl sind Vorwürfe vermerkt. Darin geht es um Artikel und Interviews, in denen Yücel kritisch über die Türkei und ihre Regierung berichtet hat. Eine Anklageschrift oder einen Prozess hat es nie gegeben. Die ständige Ungewissheit ist für die Familie besonders schwer, erzählt Ilkay Yücel. Hinzu kommt: Ihr Bruder Deniz befindet sich in Isolationshaft. Ein regelmäßiger Kontakt zu ihm ist daher unmöglich.

Telefonieren, Briefe schreiben – das hört sich alles so einfach an. Ist es gar nicht. Alle zwei Wochen darf er mit seiner Frau telefonieren. Alle zwei Wochen zehn Minuten lang. Das ist der einzige Telefonkontakt, den er hat. Ich könnte ihn halt auch jeden Montagmorgen besuchen. Aber es ist mir halt auch nicht möglich, alle paar Wochen Montagmorgens in Istanbul zu sein.

Ilkay Yücel

Zweimal hat Ilkay Yücel ihren Bruder im Gefängnis besucht. Das letzte Mal sei aber schon eine Weile her, sagt sie. Während des Interviews wirkt Ilkay Yücel erschöpft. Sie spricht leise und versucht dennoch auf jede meiner Fragen zu antworten. Dabei sind es wahrscheinlich immer dieselben Fragen, die ihr seit acht Monaten gestellt werden. Aber Ilkay Yücel ist auch dankbar für das große Interesse und die Anteilnahme der Öffentlichkeit. 

Es ist teilweise Unterstützung, mit der man vielleicht nicht so gerechnet hatte und dann umgekehrt Unterstützung, die man erwartet hätte und die dann eher ausbleibt. Im Bezug auf die Bundesregierung kann ich das natürlich nicht beurteilen. Ohne zu wissen, was getan wird hinter den Kulissen. Ich kann halt nur sagen, dass ich hoffe, dass die Bundesregierung alles macht, um meinen Bruder da rauszukriegen.

Ilkay Yücel

Andere werfen der Bundesregierung vor, sie würde nicht genug tun. Ein Vorwurf, der sich am Geburtstag von Deniz Yücel wiederholte. Am 10. September nahmen hunderte Menschen an einem Autokorso in Berlin teil. Die Sprecherin der Demonstranten forderte die deutsche Regierung dazu auf, mehr Druck auf die Türkei auszuüben. Dass sich so viele Menschen und Institutionen mit ihrem Bruder solidarisieren, ist wichtig, sagt Ilkay Yücel. Das gebe Deniz Kraft. Der Leipziger Medienpreis sei ein gutes Beispiel dafür.

Der Beitrag über das Treffen zwischen mephisto 97.6 Redakteurin Angela Fischer und Ilkay Yücel zum Nachhören:

Ein Beitrag von Angela Fischer
Ein Beitrag von Angela Fischer
 

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