Kinder wertschätzen

Erstes Childhood-Haus eröffnet

Am Donnerstag wurde deutschlandweit das erste Childhood-Haus in Leipzig eröffnet. Königin Silvia von Schweden, Gründerin der World Childhood Foundation, hat es eingeweiht.
Kind mit Seifenblasen
Kind mit Seifenblasen

In Leipzig sind viele Kinder von häuslicher Gewalt betroffen. Eben diese zu betreuen, ist eine Herausforderung, denn zu groß ist die Gefahr, noch mehr Schaden anzurichten. Aus diesem Grund wurde das Childhood Haus ins Leben gerufen. Es ist deutschlandweit das erste seiner Art. Im Fokus steht hier die kindgerechte Betreuung nach Missbrauch, ob körperlich oder sexuell.

Wieland Kieß ist Direktor der Leipziger Kinderklinik und weiß, warum es so wichtig ist, Kinder wertzuschätzen.

Das Interview finden Sie hier zum Nachhören und unten zum Nachlesen:

Moderator Janek Kronsteiner im Gespräch mit Wieland Kieß

 

Das Interview wurde redaktionell gekürzt.

mephisto 97.6: Was ist denn das besondere an dem Konzept des "Childhood Hauses"?

Wieland Kieß: Ja ganz kurz ausgedrückt „Re-Traumatisierung“, also erneute Misshandlung vermeiden. Was versteht man darunter: Wenn ein Kind missbraucht wird – sexuell missbraucht wird, körperlich missbraucht wird – dann durchlebt es die Hölle.
Wenn dann die Helfenden - Polizisten, Krankenschwestern, Psychologen, Kinderärzte, Kinderpsychiater etc. - sich mit dem Kind beschäftigen, um ihm zu helfen, fragt jeder: „Ach du Armes, was ist dir denn passiert?“ Und das Kind erlebt jedes Mal mit dem Erzählen das Erlebte wieder. Um diese Re-Traumatisierung zu vermeiden, haben uns die Skandinavier und Isländer etwas vorgemacht. Mit einem Konzept, das die schwedische Königin dankenswerterweise unterstützt, das „Childhood“ Haus heißt.

Wie kann man sich das vorstellen? Wie geht die Therapie da anders vor?

Wieland Kieß

Man hat Räume, in denen man ein Kind ohne Aufregung, in Ruhe in einem stillen, kindgerechten Ambiente von einer Kinderpsychologin befragen lassen kann.
Die Befragung wird über Video der Polizei und der Staatsanwaltschaft übermittelt. Die können dabei sein, getrennt durch die berühmte Zwei-Gleisige Windschutzscheibe. Dass das Kind eben nur mit der Kinderpsychologin spricht, aber andere an diesem Gespräch teilhaben können. Das muss natürlich im Konsens passieren mit der Familie. Aber dann wird das Kind nur einmal befragt, und danach kommt es sofort zur Behandlung oder Therapie zum Aufarbeiten seiner traumatischen Erlebnisse.

Wieso kommt das Haus – es ist das erste bundesweit in Deutschland, das Childhoodhaus - grade nach Leipzig? Ist es hier besonders notwendig?

Nein, ich glaube, man muss einfach manchmal Glück im Leben haben. Die Leipziger Uni-Kinderklinik und die Leipziger Kinder haben in dem Fall einfach Glück gehabt. Das schwedische Königspaar war vor nicht allzu langer Zeit zu einem Staatsbesuch in Deutschland und ich wurde angefragt von der schwedischen Honorarkonsulin, was mir denn einfallen würde, was im Thema Kindermedizin der schwedischen Königin präsentiert werden könnte. Da habe ich von unserem „Life Child“ Projekt und von unserem Kinderschutzprojekt erzählt und die Königin und ihr Staab haben sich spontan für die Kinderschutzsituation entschieden. Dann haben wir an der Universität Leipzig eine Tagung zum Kinderschutz organisiert und daraus entstand dann diese Idee des Childhood Hauses.

Gewalt ist bei vielen Kindern im Alltag leider immer noch präsent. Wie macht sich das bei Ihnen in der Kinderklinik heute bemerkbar?

Also wir haben im Jahr ca. 100 misshandelte, missbrauchte und vernachlässigte Kinder, die wir behandeln dürfen. Ich sage "dürfen", weil wir davon ausgehen, dass eine extrem hohe Dunkelziffer vorhanden ist. 100 Kinder, das bedeutet ganz klar: Jeden dritten Tag haben wir ein misshandeltes Kind in der Klinik zu betreuen. Das ist für mich eine Zahl, die einfach hundertmal zu hoch ist. Kein Kind darf verloren gehen und wir müssen eigentlich noch viel mehr tun, um Prävention zu treiben. Eben zu verhindern, dass Kinder misshandelt werden.

Bei dem Thema Gewalterfahrung etc. da spielt ja auch immer das Thema Scham eine große Rolle. Ich nehme an, dass viele Kinder sich gar nicht trauen, sich jemandem anzuvertrauen. Können Sie das bestätigen und was kann man selber tun?

Dass Kinder sich schämen, ist in der Tat ein Thema. Dass Kinder sich selber schuldig fühlen, also mir ist was angetan worden, weil ich böse bin. Das ist ein Riesenthema, das dann unsere Psychologen bearbeiten müssen.

Was wir alle als Gesellschaft tun können. Jede Familie die Kinder hat, muss mit den Kindern im Gespräch bleiben. Es darf keine Tabus beim Besprechen von Anliegen der Kinder geben. Wenn ein Kind eine Frage oder ein Anliegen hat, muss das in der Familie auf den Tisch und besprochen werden.

Noch mal eine Frage zur Prävention. Was können wir da machen?

Ja, ich denke auch, da ist nochmal was ganz Globales wichtig: Kinder wertschätzen. Zweiter Punkt: Diese Situationen nicht tabuisieren. Es gibt Pädophile, es gibt Menschen, die krank sind, es gibt böse Menschen. Darüber muss man reden.

Wir haben zum Glück Gesetze, die man anwenden kann und die muss man auch anwenden. Was mir auch sehr wichtig ist: Wir wollen nicht die polizeiliche oder staatsanwaltliche Arbeit behindern, aber wir sind natürlich die Kinderschützer und in erster Linie für den Kinderschutz da. Prävention ist wichtig, wenn ein möglicher Straftäter weiß, er kommt nicht davon. (...) Aber natürlich nicht alles. Wir müssen auch Menschen behandeln, also Pädophile. Wir müssen im Internet und Darknet viel arbeiten. Dinge gehören verboten. Wenn eine Familie dem Kind Zugang zu Kinderpornografie ermöglicht, ist das eine Straftat und muss verfolgt werden.

 

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