Reportage

Erasmus für Azubis

Das Erasmus+ Programm unterstützt den EU-Austausch von Azubis. So können die jungen Menschen während ihrer Ausbildung praktische Erfahrungen im Ausland sammeln. Sprachbarrieren, Missverständnisse und tolle Bekannschaft inklusive.
Immer weniger Azubis werden in sächsischen Mittelstandsunternehmen ausgebildet.

So ein Erasmus Semester oder vielleicht auch zwei. Ob nach Spanien, Italien oder Frankreich. Immer mehr Studierende nehmen das Erasmus-Förderprogramm wahr und studieren im Ausland. Doch wie steht es denn um die vielen Azubis in Europa? Redakteur Felix Kolb ist losgezogen und hat sich in Leipziger Küchen und Werkstätten mal umgehört.

Die Reportage zum Nachhören findet ihr hier:

Eine Reportage von Felix Kolb.

Felix Kolb

 

Borna beugt sich über die dampfende Geschirrspülmaschine. Er sortiert saubere Teller und Besteck in ein großes weißes Regal. An seiner Brust prangt ein Anstecker mit der Aufschrift: Praktikant. Der junge Kroate aus Split arbeitet drei Wochen im Leipziger Café Zuckerhut. Er ist einer von vielen jungen Auszubildenden, die im Rahmen des Erasmus-Plus-Programms ein Praktikum im Ausland absolvieren. Für ihn ist die Arbeit im Zuckerhut eine tolle Erfahrung.

Über 14 Milliarden Euro Erasmus-Budget jährlich

In Kroatien macht Borna eine Ausbildung zur Gastro-Fachkraft. Seinen Aufenthalt und den Praktikumsplatz in Leipzig hat die gemeinnützige Wisamar Bildungsgesellschaft organisiert. Laut Geschäftsführerin Sabine Röhring-Mahhou ist der Bildungsträger schon seit 14 Jahren am Markt und koordiniert den Austausch von rund 400 Azubis aus dem In- und Ausland. Studierende verbringen meist ein halbes oder gar ganzes Jahr im Erasmus-Ausland. Dort haben sie viel Zeit, um sich einzuleben, Sprachen zu lernen und Freundschaften zu knüpfen. Programmkoordinatorin Susanne Lehr von Wisamar zufolge seien Azubis aus Deutschland sehr aktiv in den Betrieben eingebunden. Aufgrund des dualen Ausbildungssystems könnten sie nur wesentlich kürzere Auslandaufenthalte absolvieren.

Also ein halbes Jahr gehen Azubis aus Deutschland sehr selten ins Ausland. 

Susanne Lehr, Mobilitätskoordinatorin Wisamar

Im Ausland waren auch die drei Azubis Martin, Sophia und Mathis von den Leipziger Verkehrsbetrieben. Alle drei machen eine Ausbildung im Mechatronikbereich. Zwei Wochen haben sie im südspanischen Granada geschweißt, gelötet und mit angepackt.

Auf die Frage, was sie aus den zwei Wochen mitgenommen hätten, erklärt Mathis, dass die Zeit in Granada seine Ausbildung besonders praktisch beeinflusst hätte. Eine richtige Abwechslung zur eher theoretischen Ausbildung in Deutschland.  

Wenn das auf Spanisch läuft, haben wir natürlich nicht gleich alles verstanden. Aber am Ende hilft dann vormachen, zeigen, angucken, nachmachen.

Martin, Auszubildender LVB

Alle drei hätten gewisse Verständigungsprobleme gehabt. Am Ende sei ihnen die Kommunikation mit Händen und Füßen jedoch geglückt.

Laut Christian Schreiner, Ausbilder bei der LVB, bestünde durch das Austauschprogramm eine Art Anreizsystem für Azubis mit guten Leistungen. Gleichzeitig hätte jedes Unternehmen ein Interesse daran, Mitarbeiter zu haben, die auch über den Tellerrand schauen könnten.

Doch nicht allen Azubis steht diese Möglichkeit zur Verfügung. Viele Betriebe können oft nicht auf ihre bereits eingearbeiteten Azubis verzichten. Besonders die kleinen Betriebe sind davon betroffen. So sei Sabine Röhring-Mahhou von Wisamar zufolge eine kleine KFZ-Werkstatt in der Reifenwechselzeit auf ihre Azubis angewiesen und könnten nicht auf sie verzichten. Bei größeren Unternehmen sei das weniger dramatisch.

Kleine Betriebe können ihre Azubis oft nicht freistellen

Bei Borna im Café Zuckerhut fällt glücklicherweise kein Reifenwechsel an. Dafür stellt die Sprachbarriere auch hier eine echte Herausforderung dar. Alex ist dienstälteste Mitarbeiterin und arbeitet mit Borna zusammen. Ihrer Erfahrungen nach wäre die Zusammenarbeit mit den ausländischen Azubis meist sehr gut. Einzig die Sprachbarrikaden seien für den täglichen Dienst etwas hinderlich. Schließlich müsse im Service und an der Bar klare Kommunikation herrschen. Echte Kulturunterschiede gebe es bei der Kaffee- und Kuchenzeit am Nachmittag. Laut Alex könnten die Azubis oft gar nicht verstehen, weshalb sich der Gastraum so plötzlich gegen vier mit älteren Herrschaften füllen würde.    

Ob Kuchenzeit in Deutschland oder Siesta in Spanien. Die Azubis machen Erfahrungen, die sie nachhaltig verändern.

Aber Mobilität ist eigentlich das, was den Kulturraum Europa am meisten voranbringt.

Sabine Röhring-Mahhou, Geschäftsführerin Wisamar

Das Erasmusbudget beträgt über 14 Milliarden Euro jährlich. Nur rund ein Fünftel geht an Azubis. Sabine Röhring-Mahhou von Wisamar glaubt, dass in Zukunft immer mehr Azubis ins Ausland gingen und somit der Anteil am Fördervolumen wachsen würde.

Nur rund ein Fünftel des Erasmusbudgets geht an Azubis

Immer mehr Betriebe realisierten, dass der Auslandaufenthalt ein großer Anreiz darstelle. Schließlich sei die EU-Mobilität das, was den Kulturraum Europa am meisten zusammenbringen würde, so die Geschäftsführerin von Wisamar.

Borna ist mittlerweile wieder zurück in Kroatien. Sein Wunsch hat sich erfüllt. Endlich mal hinterm Tresen stehen und Kaffeespezialitäten zubereiten.

Und wer weiß, vielleicht wird der Cappuccino mit Sahnehaube, dazu ein Stück Bienenstich auch in Kroatien zu seinem Nachmittagsritual.

 

Kommentieren

Felix Kolb
14.12.2018 - 13:58