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Equal - Not Equal?

Von elektronischer Musik erwartet man immer eine gewisse Experimentierfreude, eine gewisse Aufgeschlossenheit. Aber nach wie vor herrscht in der elektronischen Musik- und Clubszene ein extremes Missverhältnis zwischen den Geschlechtern.
Warum sind weibliche Acts in der elektronischen Musikkultur so unterrepräsentiert?

Techno als einst geschlechtsunabhängiger Sound

Zu Beginn der 90er wurde elektronische Musik als vielversprechende Utopie gedacht, ein Sound unabhängig vom Geschlecht. Man feierte den Bruch mit traditionellen Formen der Rollen der Akteure. Das Problem dabei: Die vermeintlich so innovative Denkweise, einen Bruch mit den Repräsentationsformen der Rockkultur zu brechen, wurde ausschließlich von männlichen Protagonisten umgesetzt.

2013 brachte das Internetportal female:pressure" erstmals alarmierende Zahlen heraus: Auf nationalen und internationalen Musikfestivals lag der Anteil weiblicher Acts bei nicht mal zehn Prozent.

Heute, vier Jahre später, gibt es zwar zahlreiche Kollektive und Einzelpersonen, die sich das Thema auf die Fahne geschrieben haben, eine wesentliche Verbesserung in dem Verhältnis von männlichen zu weiblichen DJs auf Partys gibt es aber nur selten. (female:pressure, Stand 2015)

Weibliche Acts gibt es genug - es liegt beim Booker, diese ausfindig zu machen

Dabei liegt das nicht, wie einschlägig als Begründung herangezogen wird, an einem Mangel an weiblichen Acts. Zur Erklärung des Phänomens „geschlechtsloser Sound als Männerdomäne“ kann man diverse Gründe finden.

Einschlägig ist jener, der das Augenmerk auf die Booker bzw. Promoter legt. Männer haben nach wie vor das Business in der Hand. Clubbesitzer, Booker – in Deutschland findet man auf diesen Posten selten Frauen. Hier greift klassisch das „Old Boys Network“ – Kumpels buchen Kumpels. Man kann nicht einmal Vorsätzlichkeit unterstellen, es wird schlicht und ergreifend nicht über diese Herangehensweise reflektiert. Wie auch, wenn Künstlerinnen doch häufig noch bis zu einem gewissen Grad unbekannt und von daher unsichtbar sind.

Die sogenannte Visibility wird durch das medial geprägte Bild von einem DJ als Mann noch gestützt. Der Booker fährt dann eben lieber die sichere Nummer und bucht den klassischen bekannten männlichen Act. Man müsse schon, so Tina, Bookerin der Distillery, einschlägige Netzwerke durchkämmen, um auf weibliche Acts aufmerksam zu werden. Mit zunehmender Erfahrung könne man auch auf das eigene Umfeld zurückgreifen und dieses fördern. Allerdings spiele der Bekanntheitsgrad dennoch keine unerhebliche Rolle. Denn der Booker muss immer im Hinterkopf behalten, dass das Line-Up bestimmt, ob der Club am Abend voll wird, oder nicht.

Tina, Bookerin der Distillery, zur Rolle des Bookers in der Debatte und warum es wichtig ist, sich zu promoten
Tina, Bookerin der Distillery, zur Rolle des Bookers in der Debatte und warum es wichtig ist, sich zu promoten

Frauen und Technik

Das zweite Problem ist das sich hartnäckig haltende Stereotyp, Frauen könnten nicht mit Technik umgehen. In einem technikaffinen Genre wie der elektronischen Musik ist das äußerst hinderlich.

"Ich glaube eher, dass die Boys sich tatsächlich mehr mit so 'nem Technikzeug auseinandersetzen und man das als Mädchen mehr herausfinden muss, weil man sich lange in einem anderen Umfeld bewegt hat. Aber wenn man Interesse und Bock drauf hat, dann läuft das auf jeden Fall. Ich freue mich immer, wenn ich zum Beispiel weibliche Lichttechniker um mich rum habe. Weil ich es irgendwie cool finde, wenn Frauen technikaffin sind." meint Jennifer Touch, Producerin in Berlin.

Ich glaube einfach, dass Jungs eben doch aus einem technikversierteren Umfeld kommen und sich damit dann freier und lockerer Bewegen. Und Mädchen gehen da immer etwas schüchterner ran.

Jennifer Touch, Producerin, Berlin

Die Hemmschwelle im Kopf – Frauen und Technik – findet man auf beiden Seiten: Die Frauen unterschätzen sich, die Männer werden techniknah sozialisiert.

Frauenquote

Die Sichtbarkeit der Frauen im Business der elektronischen Musik zu erhöhen ist gerade in diesem informell organisierten Bereich der Clubkultur nicht einfach. Staatlichen Organisationen werden Gleichstellungsprogramme auferlegt, in eher unreglementierten Räumen wie der Szene um elektronische Musik halten sich ungeschriebene Verhaltensweisen stärker.

Ein Ansatz, hieran etwas zu verändern, ist tatsächlich die Frauenquote. Einige Booker bemühen sich, einen gewissen Anteil weiblicher Acts für ihre Veranstaltungen zu buchen. Man müsse sich an den Anblick einer Frau hinter dem DJ-Pult gewöhnen, damit diskriminierende Bemerkungen wie „Für eine Frau kannst du das aber gut“ oder die Annahme, die Frau hinter den Decks sei immer die Freundin des DJs, etwas entgegenzusetzen ist.

Ich glaube, man kann das nicht abstreiten, dass man, wenn man auflegt, auch als Frau, die auflegt, wahrgenommen wird, und nicht als Mann. Das spielt immer mit rein. Das hat gar nicht so sehr etwas mit Politik zu tun, sondern mit der Gesellschaft.

Jenny Sharp, Hip-Hop DJ, Leipzig

Allerdings bringt dieser Ansatz auch Probleme mit sich: Der Booker sollte allem voran den Anspruch haben, die musikalische Konzeption des Abends in den Vordergrund zu stellen. Trotzdem kommt es zu „Fehlbuchungen“ – weibliche DJs haben das Gefühl, als Quotenfrau gebucht zu werden und musikalisch nicht in das Konzept des Abends zu passen. Das kann eben so verletzend sein, wie Diskriminierung.

Jenny Sharp, Hip-Hop DJ in Leipzig, möchte nicht gebucht werden, nur weil sie eine Frau ist, und steht damit vermutlich stellvertretend für den Großteil weiblicher Acts. "Ich bin persönlich kein großer Fan von Frauenquote, obwohl ich natürlich wahrscheinlich davon profitiere. Schwierig. Ich will eigentlich nicht gebucht werden, weil ich eine Frau bin, aber es passiert wahrscheinlich. Ich will, dass die Leute mich buchen, weil sie denken, dass ich coole Mukke auflege. Das sollte eigentlich im Vordergrund stehen, und nicht das Geschlecht." sagt sie.

"Klar es sollte ausgewogen sein, aber wenn es vielleicht einfach niemanden gibt, der die musikalischen konzeptuellen Ansprüche erfüllt, dann geht’s halt nicht. Und gleichzeitig will man natürlich nicht stigmatisiert werden, „du bist 'ne Frau“. Neulich hatte ich eine Anfrage 'Wir wollten ne Mädelsparty machen, da sollen nur Mädels auflegen.' "

Ich weiß nicht, ob das die richtige Herangehensweise ist, weil dann wird eher so das „Frau sein“ verkauft, als dass es jemand ist, der Talent hat, Zeit investiert. Natürlich ist es positiver Sexismus. Da wird man glaube ich auch nicht so schnell was dran ändern können.

Jenny Sharp, Hip-Hop DJ, Leipzig

Tina in der Rolle der Bookerin sieht das ähnlich, sie würde niemals jemanden nur als „Quotenfrau“ buchen:

Tina über die Frauenquote und Probleme, die damit einhergehen.
 

Netzwerke und Nachwuchsförderung

Um die gesellschaftlich geprägten Rollenbilder im Clubkontext aufbrechen zu können, ist es wichtig, Frauen den Zugang zu erleichtern. Das kann durch niedrigschwellige Angebote wie kostenlose Workshops und die Unterstützung durch ein Netzwerk erreicht werden.

Nachwuchsförderung hält Jenny Sharp für die richtige Herangehensweise: „Ich finds natürlich trotzdem wichtig, dass Clubs weiblichen Nachwuchs fördern und darauf Wert liegen. Genau da fängts nämlich an. Als ich jünger war, gab‘s zum Beispiel nicht so richtig Angebote, bei mir war das eher so das Ding mit dem Breakdance. Ist ja auch ne Männerdomäne. Da hab ich mit dem „Frau-sein“ auch Erfahrungen gemacht. Am einzigen Trainingsspot in Leipzig haben sich nur Typen getroffen, die natürlich viel älter waren als ich, da hab ich eben nicht mitgemacht. Da hätte ich mir natürlich gewünscht, dass es etwas für Mädels in meinem Alter gibt."

Und ich glaube da fängts an: dass solche Wünsche total schnell erstickt werden, weil es an Angeboten fehlt. Und in dem Sinne denke ich, dass ein Förderprogramm, was es in Leipzig ja tatsächlich gibt, wichtig ist.

Jenny Sharp, Hip-Hop DJ, Leipzig

Ein Beispiel für ein solches Förderprogramm ist das Girls-Edit Kollektiv: Die Crew hat mit dem Frauen-DJ-Proberaum im Conne Island einen Freiraum geschaffen, der Mädchen und Frauen den Zugang und die nötigen Kontakte ermöglichen soll. Und nicht nur das: Es wird ein geschützter Raum geschaffen, in dem Frauen frei von eventueller Diskriminierung oder gegebenenfalls positivem Sexismus die Technik kennenlernen und proben können.

Tina über die Notwendigkeit der Nachwuchsförderung.
 

In Leipzig, so Tina, sei die Situation allerdings schon vorzeigbar: 

Tina über die Situation in Leipzig.
 

Den kompletten Beitrag von Paula Kittelmann zu der Position der Frauen in elektronischer Musikkultur gibt es hier zum Nachhören: 

Ein Beitrag von Paula Kittelmann.
 
 

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Mehr zum Thema:

Eine umfangreiche Auflistung weiblicher DJs in allen Regionen der Welt bietet female:pressure an - eine gute Möglichkeit für Booker, neue weibliche Acts zu entdecken.

Tina ist als Bookerin in der Distillery zuständig für die Freitagsveranstaltungen. Außerdem ist die Teil des Labels "Defrostatica".

Jenny Sharp hat seit 2014 ihre eigene Webradiosendung "Sharp Radio". Seit 2015 spielt sie auch live in den Genres Hip Hop | Beats | Electronica | Rap | Footwork | Future Beats | Downtempo | House | Breaks.

Jennifer Touch ist Producerin und Vocalist, ihre Platten hat sie unter anderem bei Lunatic und Riotvan released.