Kolumne

Endstation Hauptbahnhof

Die Kolumne. Immer Freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Lisanne Surborg über ungewollten Körperkontakt und ungeahnte Komplikationen.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

"Endstation Hauptbahnhof" - Die Kolumne von Lisanne Surborg
Kolumne Lisanne

Es gibt einen Ort in Leipzig, wo man Menschen noch hautnah erleben kann:

Hauptbahnhof. Straßenbahn-Haltestellen-Komplex.

Hier drängen sich täglich so viele Mitfahrende, dass Stadt und Leipziger Verkehrsbetriebe überlegen, Bahnen umzuleiten, um so den Straßenbahnbereich am Hauptbahnhof zu entlasten.

Ist das wirklich nötig? Ich sehe mir das Ganze an: Schon von Weitem erspähe ich die Menschenmasse in der Stadtmitte. Ein Urlaubsbesuchende könnte denken, es handele sich um eine Demonstration. Oder ein Festival.

Ich komme näher, überquere die Straße bei Grün und schiebe mich bald an Leibern vorbei wie nachts im Club auf dem Weg zum Klo.

Kolumnistin Lisanne Surborg
Schockiert, überfordert und ein bisschen angewidert: unsere Kolumnistin Lisanne Surborg

Der Lärmpegel schwillt an. Tiere und Kinder schreien durcheinander. Ein Geschäftsmann eilt an mir vorbei, seine Krawatte hängt schief aus der Anzugjacke heraus.

„Ich arbeite 85 Stunden die Woche, aber das hier ist die Hölle!“

Bevor ich Details erfahre, spült die Menge ihn von mir fort. Zum Gleisrand, wo gerade die Linie 7 losfahren will. Die Türen schließen energisch und halten seine Krawatte in eisernem Griff. Ich verliere den Geschäftsmann aus den Augen.

Rentebeziehende, Rollstühle und andere Randgruppen treiben hilflos an mir vorbei. Koffer und Kinderwagen werden unter dem permanenten Druck zerquetscht. Splitter sprühen in alle Richtungen. Die Masse kennt keine Gnade.

„Jonas, wo bist du?“, schreit eine junge Mutter, „Hätten sie die Haltestellen doch nur unterirdisch verlegt, aber da ist ja der City-Tunnel im Weg!“

„Wäre ich doch nur am Goerdelerring umgestiegen!“, jammert ein Teenager mit aufgeschlagener Lippe.

„Mein Bein!“, wimmert ein Mädchen am Boden, „Ich wünschte, ich hätte das Fahrrad genommen!“

„Für Leipzig!“ brüllt ein Mann und wirft sich bei Rot auf die Straße, um an der Haltestelle mehr Platz für Andere zu machen.

In der Menge erkenne ich ein vertrautes Gesicht! Ein Kollege, der heute nicht im Sender erschienen ist. Wir driften aufeinander zu. An seinem Geruch erkenne ich: Er steckt schon lange vorm Hauptbahnhof fest.

„Was ist passiert?“, frage ich, als unsere Finger sich verschränken. Sein Atem geht schwer und ungleichmäßig.

„Zu schwach…Tut mir leid…Zu spät!“

„Was muss passieren?“

„Sie müssen…Linien 10 und 11 umleiten…über den Westring…“

„Über Tröndlin-, Goerdeler- und Dittrichring?“

„Ja!“

„Aber die sind nicht annähernd so attraktiv wie Augustus- und Wilhelm-Leuschner-Platz! Warum nutzt man nicht das 3. Gleis am Hauptbahnhof? Da fährt doch gerade nur die 9!“

„Zu wenig Platz…außerdem wollen die Leute nicht so weit laufen…und Straßen überqueren.“

„Also doch Linien umleiten.“

„Über Thomaskirche…Gottschedstraße…Neues Rathaus. Da hat man auch City-Anschluss.“

„Okay, jetzt lass uns von hier verschwinden!“

„Lass mich zurück…meine Reise endet hier.“

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und springe in die Linie 4, kurz bevor die Türen schließen. Ich wische mir Schweiß und Blut – beides nicht von mir – aus dem Gesicht und lasse mich zum sicheren Augustusplatz befördern.

 

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