Interview: Casimir von Oettingen

Endlose Nächte und groovende Bässe

Casimir von Oettingen begeistert mittlerweile nicht nur Techno-Liebhaber in Halle und Berlin. Der Lockenkopf mit dem breiten Grinsen hat mit uns über Liebe zum Holz, "Grashüpfer-Techno" und den Hallenser Technoclub Station Endlos gesprochen.
Casimir von Oettingen an den Decks
Casimir von Oettingen bei seinem Set auf dem Artlake Festival.

Blaue und violette Scheinwerfer zucken im Takt der wummernden Bässe über den Nachthimmel. Sie tauchen die Tanzfläche des Station Endlos Floors auf dem Artlake in buntes Licht. Gut fünfhundert Leute tanzen dort, lassen sich von den treibenden Techhouse-Beats mitreißen, mit einem Lächeln auf den Lippen und Glitzer auf den Wangen. Ein Scheinwerferspot erleuchtet die beiden Männer hinter dem DJ-Pult: Casimir von Oettingen und seinen Kollegen Pascal von Wegen. Casimirs Kopf wippt im Takt der Musik, sein Gesichtsausdruck offenbart seine Konzentration. Der 23-jährige Hallenser tänzelt ein wenig hinter dem DJ-Pult, dreht den Bass raus. Als er ihn zwei Takte später abrupt wieder reindreht, zeigt er sein breites Grinsen. Die feiernde Menge jubelt. Er setzt die Kopfhörer ab und reicht sie Pascal.

Casimir und Pascal an den Decks
Casimir und Pascal von Wegen bei ihrem Closing Set auf der Station Endlos Stage.

Die beiden legen zum ersten Mal gemeinsam auf – harmonieren aber wie nach jahrelangen gemeinsamen Auftritten. Es ist Sonntagabend, kurz nach 22 Uhr. Casimir und Pascal spielen das letzte Set auf dem Floor der Station Endlos, und damit inoffiziell das Closing des gesamten Artlake Festivals. Hinter den Feiernden liegen über 72 Stunden Festival – Stunden voller Glitzer, Techno, Bier und Sonne.

Von Erschöpfung ist auf der Tanzfläche jedoch nichts zu spüren: Die Stimmung ist überragend. Die feiernde Menge pfeift und johlt. Einige hüpfen voller Energie auf und ab, andere stehen ruhig mit geschlossenen Augen im Sand und wippen nur leicht mit dem Kopf. Die bunten Lichter, die die Baumkronen und die Holzbauten auf der Bühne erleuchten, machen die magische Stimmung perfekt. Die Anlage ist voll aufgedreht, die Bässe tief, die Tracks von Vocals geprägt. Mit der richtigen Kombination aus melodischem, knackigen Techhouse und sphärischem, treibenden Techno gelingt es Casimir und Pascal, das letzte bisschen Energie aus den von den Strapazen des Festivals geschwächten Körpern herauszukitzeln.

Station Endlos Bühne Lichtshow
Der Station Endlos Foor beim Set von Casimir und Pascal.

Ungefähr um zwei Uhr morgens spielen die beiden den letzten Track. Nach dem Ende ihres Sets hole ich Casimir für unser Interview ab. Wir schnappen uns eine Flasche Sekt und ziehen uns in eine ruhige Ecke abseits vom Festivaltrubel zurück.

Von Tel Aviv zur Wilden Möhre

mephisto 97.6: Casmir, beschreib mal deinen Zustand mit drei Worten.

Casimir: Ich – bin – fit.

mephisto 97.6: Du bist bei deinen Auftritten ja schon weit herumgekommen: Du spielst in Clubs quer über den Globus verteilt und im Sommer bist du gefühlt auf jedem Festival unterwegs. Aber wo legst du lieber auf – in Clubs oder auf Festivals? 

Casimir: Ich mag eigentlich beides. Im Club ist die Stimmung familiärer, aber bei einem Festival hat man eher eine gewisse „Breite“, was das Publikum angeht. Und man hat Chance, vor vielen Leuten zu spielen - auf einer fetten Anlage. Vor einem Festival-Gig wackeln mir die Knie auf jeden Fall viel mehr als im Club. (lacht)

mephisto 97.6: Auf welchem Festival hat es dir am meisten Spaß gemacht?

Casimir: Das Feel und das Artlake sind mir total wichtig. Wir, also die Endlos-Crew, haben auf beiden Festivals unseren eigenen Floor und ich fühle mich dort wie zuhause. Aber ich muss auch sagen, dass mein Auftritt auf der Wilden Möhre dieses Jahr mich richtig geflasht hat. Das war fast das Beste.

Casimir von Oettingen bei der Wilden Möhre 2017

mephisto 97.6: Du hast ja bereits in Tel Aviv und in Istanbul aufgelegt. Hast du da Unterschiede in der Szene gespürt? Feiern die Leute in Berlin, Halle und Leipzig anders als dort?

Casimir: Absolut. Gerade in Tel Aviv ist das Besondere, dass dort zurzeit wahnsinnig viel politischer Stress herrscht. Und im Club hast du eine krasse Überwachung: Man spürt, dass alles beobachtet wird, was die Leute so machen. Das hast du in Berlin ja überhaupt nicht – da drehen alle frei, wie sie wollen. Aber von der Musik her ist Tel Aviv Berlin total ähnlich, und die Leute haben genauso viel Bock. Vielleicht macht auch diese spezielle Situation dieses andere Partyfeeling aus. Ist schon abgefahren dort.

mephisto 97.6: Gibt es einen Club oder ein Festival, bei dem du noch nicht aufgelegt hast, aber gerne mal auflegen würdest?

Casimir (flüstert): Na, die Fusion. Vielleicht. Mal.

Und ansonsten würde ich am liebsten mit der Endlos-Crew ein eigenes Festival machen. Das wäre der Masterplan. (grinst)

mephisto 97.6: Was Casimir am Artlake-Festival schätzt und warum ihn gerade der Gig auf der Wilden Möhre so begeistert hat, hören Sie hier:

Teil I: Von Tel Aviv zur Wilden Möhre

Ein Traumjob?

mephisto 97.6: Machst du das DJing hauptberuflich?

Casimir: Ich bin zurzeit in Berlin in einem Tonstudio, in dem ich freischaffend als Toningenieur arbeite. Wir machen Synchronisationen für Filme, also fast genau dieselbe Sparte, nur auf einer ganz anderen, professionelleren Ebene.

Das DJing war eigentlich die ganze Zeit eine Nebenbeschäftigung, mit der ich aber nie aufhören wollte. Es läuft gut, aber ich bin auch nicht total hinterher, dass es noch viel besser laufen soll. Dieser Job in Berlin ist mir einfach ein bisschen wichtiger, ich möchte da wirklich Fuß fassen. Und dann kann ich immer noch schauen, wie ich das in Zukunft mit dem DJing ausgleiche.

mephisto 97.6: Hörst du auch privat 24/7 Techno? Oder auch mal Helene Fischer?

Casimir: Helene Fischer auf jeden Fall nicht. (lacht) Musikmäßig bin ich absolut nicht eingeschränkt. Ich spiele seit langer Zeit Schlagzeug und hab damals auch in Bands gespielt, in Richtung Funk und Stoner Rock. Auch meine Erziehung hat dazu beigetragen: Ich komme aus einer Musikerfamilie – ich musste mir alles anhören. Also ich höre auf jeden Fall nicht nur elektronische Musik.

Ich feiere auch außerhalb des Auflegens gerne. Deshalb nehme ich viel lieber die Party mit, anstatt einfach nur in den Club zu kommen, aufzulegen und wieder wegzufahren. Da würde ich mich irgendwie komisch fühlen.

mephisto 97.6: Ist DJ zu sein für dich (d)ein Traumjob? 

Casimir: Prinzipiell ist es ein ziemlich abgefahrener Job: Du machst eigentlich nur das, worauf du richtig Bock hast. Du kannst die Musik spielen, die du hören und anderen Menschen zeigen willst, und bekommst auch noch Geld dafür. Trotzdem ist es nicht unbedingt das, was ich mein ganzes Leben lang machen möchte.

mephisto 97.6: Ist es denn anstrengend? Also wenn du morgens um zehn noch auflegst, hast du dann noch Lust?

Casimir: Anstrengend ist es auf jeden Fall. Ich feiere auch außerhalb des Auflegens gerne. Und ich nehme viel lieber die Party mit, anstatt einfach nur hinzukommen, aufzulegen, und wieder wegzufahren. Da würde ich mich irgendwie komisch fühlen.

Aber wenn es zum Beispiel mal zwei oder drei Gigs an einem Wochenende werden, dann muss ich mir einfach sagen: „Ich kann jetzt wirklich nur auflegen, und nicht feiern“. Und dann muss ich nach meinem Set einfach Pause machen, ins Bett gehen, und dann geht’s weiter. Es ist also schon anstrengend.

mephisto 97.6: Wo gehst du denn privat hin, wenn du feiern gehst?

Casimir: In Berlin bin ich oft im Jonny Knueppel. Das ist ein Kunstprojekt, das auch von Hallensern gestartet wurde. Ich kenne die Urclique sehr gut und habe auch viel mitgebaut. Das ist für mich quasi ein zweites Wohnzimmer. In Berlin bin ich eigentlich am liebsten dort. Und in Halle in der Station Endlos - bis es Schluss gemacht hat.

Wie Casimir neue Musik entdeckt und warum er an manchen Tagen mehr Zeit vor dem PC als im Club verbringt, hören Sie hier:

2008 II Ein Traumjob?
Casimir von Oettingen
Casimir von Oettingen im Interview.

"Grashüpfer-Techno" und "Upsdi-Upsdi-House" 

mephisto 97.6: Du hättest ja theoretisch beim Schlagzeug bleiben können - aber du hast dich für die elektronische Musik entschieden. Wie und wann hast du mit dem Auflegen angefangen?

Casimir: Ich spiele Schlagzeug seit ich drei Jahre alt bin. Mein Vater ist auch Drummer. Er hat mich damals einfach ans Schlagzeug gesetzt und mir das ein bisschen gezeigt. Den Rest habe ich mir dann selbst beigebracht.

Ich fand das einfach mega geil, diesen Technoquatsch.

Ich hatte auch schon im jungen Alter viel mit Älteren zu tun. Deshalb hatte ich gute Chancen, mit meinem großen Bruder in den Club zu kommen – der hat mich da so mit reingebracht. Und ich fand das einfach mega geil, diesen Technoquatsch (lacht). Dann hab ich einfach mal angefangen, Auflegen auszuprobieren, Zuhause, für mich. Und mit sechzehn habe ich tatsächlich zum ersten Mal in Halle im Club gespielt. In der schönen Chaise.

mephisto 97.6: Wie würdest du deinen Sound beschreiben – und wie hat er sich im Laufe deiner Karriere entwickelt?

Casimir: Mein Sound ist größtenteils Techhouse. Ich mische aber auch gern richtige Technotracks rein, die große Flächen haben, auf denen man einfach geil aufbauen kann. Da ich einfach musikalisch sehr breit aufgestellt bin, bin ich immer offen für Neues – ich würde nie sagen, dass ich nur Techno spiele. Ich habe in der Vergangenheit viel Hip Hop gehört. Deshalb mag ich es, wenn du eine fette Bass-Line hast, die groovt und ein bisschen funky ist. Dann kann es auch gerne doller werden.

Ich habe mit fluffigem Balkan-„Upsdi-Upsdi“-House angefangen. Also eher fröhlich, mit vielen Instrumenten, viel analog.

Als ich damit angefangen habe, meinte damals ein Kumpel von mir, ich mache „Grashüpfer-Techno" – das hatte sich in der ersten Zeit auch so durchgesetzt. Ich habe mit fluffigem Balkan-„Upsdi-Upsdi“-House angefangen. Also eher fröhlich, mit vielen Instrumenten, viel analog, weil ich da gerade aus meiner Bandphase kam. Als ich dann nach Berlin gekommen bin habe ich – wahrscheinlich ein wenig klischeemäßig – gemerkt, dass man da ein bisschen mehr aufs Gas treten und ein wenig doller spielen kann. (lacht) Und das macht auch Spaß.

mephisto 97.6: Wer inspiriert dich bei deiner Arbeit? 

Casimir: Es gibt tatsächlich einen Künstler, den ich dolle in mein Herz geschlossen habe: Frivolous aus Kanada. Der hat mich schon die ganze Zeit stark inspiriert. Am Anfang habe ich teilweise Sets gespielt, in denen ich fünf Frivolous-Tracks hatte. Der ist ein großes Vorbild für mich.

Diese Option ist nur für Bilder möglich.

mephisto 97.6: Gibt es auch jemanden, der dich nicht nur lobt, sondern auch kritisiert?

Casimir: Das sind meine beiden geilen Homies, Max (Electronic Elephant) und Hannes (Hannes Hesse), auch vom Endlos. Mit denen spiele ich auch oft zusammen. Dadurch, dass wir die ganze Zeit im Austausch sind, haben die beiden mich wahnsinnig geprägt: Hannes hat mir eine ganz neue Techno-Schiene gezeigt, in die ich mich total verliebt habe. Andererseits hat Max mich von diesem Techno-Ding etwas weggebracht, so nach dem Motto „Lächel mal wieder“, eher wieder etwas fröhlicher spielen. Und dadurch, dass wir einfach beste Freunde sind, vertraue ich komplett auf das, was sie sagen: Und das ist ihre ehrliche Meinung.

2008 Casi Pascal Max

Wie Casimirs allererster Auftritt lief und warum er mittlerweile den USB-Stick der Platte vorzieht, hören Sie hier:

Teil III: "Grashüpfer-Techno" und "Upsdi-Upsdi-House"
2008 Grashüpfertechno

An den Decks

mephisto 97.6: Magst du es, in deinen Sets zu experimentieren?

Casimir: Genau das mach ich total gerne. Im besten Fall ist es genau das, was die Leute nicht erwarten. Und wenn es dann funktioniert, ist es doppelt so schön. Zum Beispiel bei einem straighten Techno-Set einen Hit mitreinzubauen – das macht es irgendwie spannend.

mephisto 97.6: Und woran merkst du, dass es "funktioniert"?

Casimir: An der Reaktion der Leute. Also wenn sie den Floor verlassen, denke ich: "Gut, diesen Track baue ich vielleicht nicht nochmal ein." (lacht)

mephisto 97.6: Was macht ein Publikum zu einem guten oder zu einem schlechten Publikum?

Casimir: Im Prinzip gibt es kein schlechtes Publikum. Die Leute sind ja auch nur ehrlich. Wenn ihnen die Mucke nicht gefällt, dann tanzen sie halt nicht. Und wenn sie ihnen gefällt, dann tanzen sie. Ich würde niemals das Publikum kritisieren, dann doch eher den DJ. Das ist eben die große Challenge, das Publikum zu kriegen – egal, wer das ist.

Tatsächlich mag ich das Afterhour-Pulikum am meisten. Dann sind die Leute so geladen, dass sie einfach nur noch abgeholt werden wollen.

Allerdings weiß ich, dass ich auf das Publikum bei kommerziellen Riesen-Festivals wie Tomorrowland nicht unbedingt Lust hätte. Ich weiß, dass die Leute dort andere Sachen hören und andere Sachen wollen. 

Tatsächlich mag ich das Afterhour-Pulikum am meisten. Deshalb spiele ich gerne hinten raus, also am Ende eines Festivals oder einer Clubparty. Dann sind die Leute so geladen, dass sie einfach nur noch abgeholt werden wollen. Die kommen gar nicht auf die Idee abzuhauen, weil sie eh beschlossen haben, dass sie da bleiben. Das macht schon am meisten Spaß.

Casimir von Oettingen an den Decks
Casimir von Oettingen spielte beim Artlake-Festival back to-Back mit Pascal von Wegen das Closing Set der Station Endlos Stage.

mephisto 97.6: Was ist es, das dich an Technopartys so begeistert?

Casimir: Es diese Zeitlosigkeit, die auf einer Technoparty entsteht. Mir gefällt, dass die Leute auf Ansage aus ihrem Alltag rauskommen, abschalten und Spaß haben. Das Schönste für mich am Auflegen ist, dass ich etwas mache, damit die Leute Freude haben. Das ist einfach immer geil. Außerdem mag ich Bass! (lacht)

Ich bin ein riesiger Fan von guten Soundsystemen und finde es einfach fett, laut Musik zu hören. Und wenn ich mir die auch noch aussuchen darf und die Leute das feiern, dann ist es perfekt. (lacht)

mephisto 97.6: Du bist ja wirklich an vielen Projekten beteiligt. Wo hängst du überall mit drin?

Casimir: Ich habe ja dabei geholfen, den Jonny Knueppel in seiner Startphase zu unterstützen. Und vor drei Jahren habe ich sogar ein eigenes Label gegründet, mit Aroma zusammen: MakeScentsAudio. Das hat aber leider nicht so lang gehalten. Nach einem, eineinhalb Jahren mussten wir das Projekt wieder auf Eis legen, weil wir dann doch zu unterschiedliche Jobs hatten und in unterschiedlichen Kreisen unterwegs waren.

Aber die Station Endlos ist auf jeden Fall mein Hauptprojekt momentan, dafür bin ich hundert Prozent da. Unsere Gruppendynamik ist so abgefahren, dass ich mir ganz sicher bin, dass das Endlos Zukunft hat.

Was seine Mutter von Casimirs Job hält und wie ihn ein Stromausfall beim Feel-Festival gerettet hat, hören Sie hier:

2008 IV An den Decks

Eine Endlose Geschichte

mephisto 97.6: Wie kam denn die Sache mit dem Endlos?

Casimir: Tatsächlich war ich da nicht von Anfang an dabei. Das Endlos wurde von zwei Brüdern aufgezogen, Leo und Joe. Leo kannte ich noch von der Schule, der war zwei Klassen unter mir. Das Endlos gab es schon seit einem Jahr, als ich mit der Schule fertig geworden bin. Da haben die beiden mich mal eingeladen. Ich war gleich bei der ersten Party so mega geflasht von dem Laden. Dann hat sich alles von selbst entwickelt: Ich habe einfach öfter gespielt und bin auch so hingegangen und habe geholfen. 

Durch das Endlos habe ich mich voll in dieses Element Holz verliebt – unglaublich, was man damit alles machen kann. 

mephisto 97.6: Also bist du dort nicht nur als DJ aktiv?

Casimir: Genau. Ich habe durch das Endlos handwerklich sehr viel gelernt, was Holzarbeiten angeht. Leo und Joe sind quasi die kreativen „Brains“. Die beiden haben wahnsinnig geile Visionen, was man bauen kann. Und wir versuchen alle zusammen, das irgendwie umzusetzen. Vor fünf Jahren hätte ich mir nie erträumt, was wir in den letzten zwei Jahren an schicken Sachen auf den Festivals gebaut haben. Durch das Endlos habe ich mich voll in dieses Element Holz verliebt – unglaublich, was man damit alles machen kann.  

Station Endlos Eingang
 

mephisto 97.6: Was macht das Endlos so besonders, im Vergleich zu anderen Clubs?

Casimir: Unser Konzept ist einfach, wie der Name sagt, dass keine Grenzen gesetzt werden. Jeder soll genau das machen, worauf er Bock hat. Und das bis ins „Endlose“ ausreizen. Es wird einfach nicht gespart an Arbeit, an Ideen. Einfach immer weiter, immer mehr. (lacht)

Und ich glaube, dass unsere Gruppenausstrahlung tatsächlich sehr besonders ist. So wie die Leute uns als Gruppe wahrnehmen, merkt man, dass wir im Endlos-Team zusammen super harmonieren.

Ich finde es wichtig, dass der Club in Bewegung bleibt. 

mephisto 97.6: Das Endlos war nie ein offizieller Club. Deshalb musste es im Frühling diesen Jahres nach vier Jahren Rummel schließen. Von mehreren Seiten hört man, dass es demnächst wieder öffnen soll. Was ist dran an diesen Gerüchten? 

Casimir: Nach der Schließung haben wir direkt einen super Support von der Stadt bekommen. Die haben uns geholfen, ein anderes Gelände zu finden, das wir jetzt auch gekauft haben. Der Plan ist nicht nur, da einen Club reinzubauen. Es gibt dort riesige Hallen, die wir als Werkstätten für Holz, Metall und Elektro nutzen können. Gerade diese ganzen Festival-Deko-Elemente können wir dann dort in Ruhe anfertigen. Es wird auch Ateliers und Proberäume geben. Das ist einfach ein riesiges Gelände – ganz nach dem Motto "Endlos". Wenn alles nach Plan läuft, werden wir im Frühjahr wieder öffnen.

 

Wahrscheinlich werden wir nicht direkt das ganze Gelände auf einmal eröffnen, sondern Step by Step über die halben Jahre immer mal was Neues dazumachen. Dann haben die Leute auch Lust, öfter herzukommen, weil sie immer wieder überrascht werden und Neues entdecken – so nach dem Motto: „Oh geil, hier ist schon wieder ein neuer Floor, eine neue Chillarea.“ Ich finde es wichtig, dass der Club in Bewegung bleibt. Das macht es spannend.

Was sich hinter "Endlos Industries" verbirgt und wieso ein Kirschbaum im Garten des Endlos für einen "Persil-Himmel" gesorgt hat, hören Sie hier:

Teil V: Eine Endlose Geschichte
2008 Casi Endlos korrigiert

Mehr als zwei, drei Klicks

mephisto 97.6: Mein kleiner Bruder hört vor allem Jazz und Klassik. Er kann absolut nicht nachvollziehen, dass ich so auf Techno stehe. Für ihn ist elektronische Musik nur ein Produkt eines Computers, keine große Kunst. Wieso ist es deiner Meinung nach mehr als das? 

Casimir: Als ich damals in einer Band gespielt habe, habe ich elektronische Musik auch nicht ernstgenommen. Das klingt für so einen jungen Kopf viel zu monoton. Und es hat eine ganz andere Bedeutung, wenn man eine Ahnung davon hat, was bei so einer Party passiert und wie lang die Leute tanzen. Im Alter von 13, 14 Jahren habe ich das auch nicht als Musik angesehen, sondern als Krach. Aber wenn du checkst, was da passiert, und warum die Leute das feiern, dann öffnet sich da eine ganz andere Welt. 

Es ist gar nicht so leicht, diese Länge mit etwas Spannendem zu füllen.

mephisto 97.6: Um einen Techno-Track zu produzieren braucht es ja schon mehr, als ein paar Klicks... 

Casimir: Es ist wirklich nicht so einfach. Ein Track geht ja meistens sieben oder acht Minuten – also sehr viel länger als ein normales Lied. Am Anfang ist es schon schwer, einen Aufbau zu finden. Es ist gar nicht so leicht, diese Länge mit etwas Spannendem zu füllen und die Tracks lange auszureizen, ohne dass es Spannung verliert. Das braucht schon Erfahrung. 

Ich konnte auch nicht von heute auf morgen Techno produzieren, auf keinen Fall. Ich musste mich mit den Erfahrungen, die ich bei meinen Gigs gesammelt hatte, immer mehr herantasten. Und ich bin immer noch am Dazulernen. Irgendwann entwickelt sich sowieso ein eigener Stil.

Manchmal liege ich in meinem Bett, es läuft keine Musik – und plötzlich ist da diese Melodie in meinem Kopf, die mir einfach so eingefallen ist und mir total gut gefällt. 

mephisto 97.6: Wenn du einen neuen Track produzierst, hast du dann schon eine Melodie in deinem Kopf oder setzt du dich einfach vor den PC und experimentierst drauf los?

Casimir: Also es ist tatsächlich manchmal so, dass ich in meinem Bett liege, keine Musik läuft – und plötzlich ist da diese Melodie in meinem Kopf, die mir einfach so eingefallen ist und mir total gut gefällt. Die kann ich dann meistens eh nie so umsetzen, wie ich mir das am Anfang gedacht habe. Oft wird es einfach was ganz anderes, aber das ist ja auch egal – hauptsache, ich mag es. 

Ich finde es gut, wenn ein Track sich mit Intro, Hauptteil und Schluss auf- und abbaut. Ich kann selbst nicht wirklich straighte Dinger produzieren, die einfach von null bis Minute sieben durchkloppen. Auf der anderen Seite bewundere ich es auch, dass es viele können. (grinst)

"Ich hab ein Leck im Ölschlauch meiner Turbopropmaschine" – Wie solche Track-Namen zustande kommen und worauf es beim Produzieren ankommt, hören Sie hier:

Teil VI: Mehr als zwei, drei Klicks
2008 VI Mehr als drei Klicks

Zukunftsmusik und Heimatliebe

mephisto 97.6: Du hast ja bereits angedeutet, dass du nicht ewig DJ bleiben willst. Wie sieht ein Blick in deine Zukunft aus? 

Casimir: Am liebsten würde ich es genauso lassen, wie es schon die ganze Zeit ist. Eigentlich lasse ich es schon seit sieben, acht Jahren einfach so laufen. Ich habe mir keine besonderen Ziele beim DJing gesteckt, auf die ich hinarbeite. Ich finde es spannender, alles einfach natürlich auf mich zukommen zu lassen, anstatt mir eine Agentur zu suchen und alles durchzuorganisieren. Das ist nicht so mein Stil. 

In Halle kennt man jeden über höchstens zwei Leute - man hat sofort einen Bezug zueinander und kann etwas Neues entwickeln. 

Mir hat auf jeden Fall dieses kleine Wunderstädtchen Halle geholfen. Es gibt so viele Leute, die da kommen und gehen und so viele Künstler aus Halle, die überall verteilt sind – vor allem in Berlin. Auch dadurch, dass man jeden über höchstens zwei Leute kennt, hat man sofort einen Bezug zueinander und kann etwas Neues entwickeln. In Berlin hat man ein riesiges Angebot. Ich glaube, es wäre mir dort nur halb so gut bzw. schnell gelungen, richtig Fuß zu fassen und das alles professionell anzugehen. 

Länger als fünf Tage in Halle zu bleiben wird schwierig – dann hab ich schon wieder Bock, in mein blödes Berlin zu gehen, weil ich einfach gerne nachts um vier noch mein Sharwarma esse

mephisto 97.6: Vermisst du deine Heimat Halle manchmal? 

Casimir: Absolut. Ich bin trotzdem noch wahnsinnig gerne in Halle, weil ich da einfach zuhause bin. Da sind einfach noch viele Freunde und Familie. Aber länger als fünf Tage wird schwierig – dann hab ich schon wieder Bock, in mein blödes Berlin zu gehen, weil ich einfach gerne nachts um vier noch mein Sharwarma esse. Das ist es einfach, wenn man von der kleinen in die große Stadt zieht: Viele Vorteile, von denen man verwöhnt wird. Gerade in Berlin könnte ich den ganzen Tag essen, weil es da nur geilen Scheiß gibt! (lacht) 

mephisto 97.6: Auf welche Gigs freust du dich am meisten in der nächsten Zeit?

Casimir: Ich werde mit Max, also Electronic Elephant, Ende November in Moskau und St. Petersburg auflegen – darauf freue ich mich schon richtig! Und wir planen mit der Endlos-Crew einen kleinen Rave in der Wüste Jordaniens – wann ist noch offen.

Wieso für Casimir ein DJ nicht unbedingt mit einer Band vergleichbar ist, ob er auf der Straße erkannt wird und was er an seiner Heimat Halle so liebt, hören Sie hier:

Teil VII: Zukunftsmusik und Heimatliebe
2008 Zukunftsmusik
 
 

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Eine kleine Übersicht:

Teil I: Von Tel Aviv zur Wilden Möhre – Festivals & Reisen

Teil II: Ein Traumjob? – Arbeit oder Vergnügen?

Teil III: "Grashüpfer-Techno" und "Upsdi-Upsdi-House" – Anfänge & Entwicklung

Teil IV: An den Decks – Partys, Publikum & Projekte

Teil V: Eine Endlose Geschichte – Geschichte & Zukunft der Station Endlos

Teil VI: Mehr als zwei, drei Klicks – Herausforderungen des Produzierens

Teil VII: Zukunftsmusik und Heimatliebe – Casimir privat

 

Was steckt hinter Station Endlos?

Was vor fünf Jahren als Projekt einiger weniger Hallenser begann, hat sich über die Zeit einen Namen gemacht – in der Technoszene Deutschlands und über die Landesgrenzen hinaus. Die Station Endlos in Halle/Saale war ein verspieltes Technoparadies, liebevoll eingerichtet und detailverliebt dekoriert. Im Frühling dieses Jahres musste es schließen. Die ständige Bewegung und das Kommen und Gehen von schönen Orten hielt die Crew nicht davon ab, weiter aktiv zu sein: Im Sommer bespielen die DJs zahlreiche Festivals – auf manchen sogar auf einem eigenen "Station Endlos" Floor. Wie es mit dem Endlos und seiner Crew in Zukunft weitergeht, lesen Sie unten.

 

Casimirs bevorstehende Gigs (Deutschland):

08.12.: Hafenklang (Hamburg)

24.12.: Chaise (Halle)

31.12.: So&So (Leipzig)