euro-scene 2017

Endlich wieder internationales Theater!

Und jährlich grüßt die euro-scene. Das Tanz- und Theaterfestival wurde gestern Abend feierlich eröffnet und bespielt noch bis Sonntag die Leipziger Bühnen. Wir geben einen Überblick über das Programm.
Das Triadische Ballett.
Mit dem Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer wird das Festival eröffnet.

Das Triadische Ballett

Zehn Jahre lang arbeitete der Künstler Oskar Schlemmer an seinem Triadischen Ballett, welches 1922 dann endlich uraufgeführt wurde. Das Stück entstand im Zeitgeist des Bauhaus, wenn auch nicht an der weltberühmten Kunstschule selbst. Erst im Laufe der Roaring Twenties kam Schlemmer Stück für Stück über Gründer Walter Gropius an das Bauhaus, wo er in Dessau ab 1925 auch die Bühne leitete. Sein Triadisches Ballett basiert auf der Zahl Drei, wie der Name schon nahelegt. So gibt es drei Tänzer, deren Kostüme auf den drei Grundfarben und drei geometrischen Grundformen (Kreis, Quadrat, Dreieck) basieren und welche sich in den drei Tanzkategorien Raumtanz, Formentanz und Gestentanz bewegen. Die Rekonstruktion des Stücks eröffnet das Festival und wird voraussichtlich zu dessen Highlights zählen. Die Inszenierung wird am Mittwoch vom Workshop "Goldkugeln der Tanzgeschichte" begleitet, bei welchem Interessierte die Möglichkeiten haben zu lernen, wie sie die Elemente des Triadischen Balletts selbst tanzen.

Von Serenata bis Totentanz

Unter diesem Titel werden historische Tanzstücke der Starchoreografen Gret Palucca, Marianne Vogelsang und Mary Wigman rekonstruiert. Von letzterer stammen einige Motive aus ihrer Choreografie Hexentanz von 1926, die nun durch die Palucca Hochschule für Tanz Dresden wieder aufgegriffen wurden. Wigmans Motive schließen für die Tänzerin geöffnete Beine und schroffe Gesten ein – für das Ballett der Zwanziger noch ein Affron. Neben der Palucca Hochschule performen im sechsteiligen Programm auch Tänzer von der Dance Company Theater Osnabrück. Von Serenata bis Totentanz steht im Kern des diesjährigen Programms der euro-scene und die vorab veröffentlichten Ausschnitte sind absolut vielversprechend!

It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

Aus der Tänzerschmiede der Palucca Hochschule kommt auch Irina Pauls. Bei der euro-scene stellt sie ihre aktuelle Choreografie vor, in welcher sie Dramenfragmente von Friedrich Schiller verknüpft. Pauls bedient sich nicht das erste Mal bei Klassikern, auch zu Macbeth oder Orpheus und Eurydike hat sie bereits Arbeiten gezeigt.

Cosas que se olvidan fácilmente

Carles Puigdemont ist vor der Spanischen Regierung nach Belgien geflohen, der katalanische Künstler Xavier Bobés hingegen ist einigen seiner belgischen Theaterkollegen nach Leipzig gefolgt. Tja, so sehen europäische Reiserouten aus, damals wie heute! Bobés Inszenierung bei der euro-scene ist nämlich gerade aus katalanischer Sicht aktueller denn je, da er sich mit der Franco-Zeit auseinandersetzt. Dafür hangelt er sich an einem Notizbuch aus dem Jahr 1942 entlang. Jeweils fünf Zuschauer sind eingeladen, ihn bei dieser Reise in die Vergangenheit zu begleiten und vielleicht auch ein wenig über die katalanische Gegenwart zu sinnieren. Die Spielstätte ist besonders spannend, da Bobés sein Stück im Kellergewölbe des Beyerhauses zeigt. Allein für diese Location ist Cosas que se olvidan fácilmente definitiv einen Besuch wert!

Bombyx Mori

Auch eine Choreografie der großen Loïe Fuller wird bei der euro-scene rekonstruiert. Ohne Fuller wäre der moderne Tanz heute wohl nicht derselbe – sie ist eine tanzgeschichtliche Ikone. Das hat die in Paris arbeitende Choreografin Ola Maciejewska veranlasst, eines von Fullers Motiven aufzugreifen, dass des Seidenspinners. In Bombyx Mori nimmt man sich den Falter zum Vorbild für Bewegungsabläufe. Dafür dienen Kostüme mit langen Schleppen und Ärmeln, mit Stöcken zu Flügeln verlängert. Das Ganze steht dann im krassen Kontrast zwischen schwarzem Stoff und weißem Bühnenraum. Ob Maciejewska dem großen Erbe Loïe Fullers gerecht wird?

Pakman

In dieser Inszenierung spielt die Kompanie Post uit Hessdalen aus Antwerpen auf eine ganz besondere Weise mit dem Bühnenraum – ihr Stück Pakman wird in einem LKW aufgeführt! Dieser wird dafür zwischen Westplatz und Gottschedstraße geparkt. Pakman ist als Kinderstück ausgewiesen. Allerdings stellt man sich schon die Frage, ob das nur an dem Umstand liegt, dass sonst nichts für jüngere Zielgruppen im diesjährigen Programm zu finden ist, denn: Inhaltlich bietet Pakman einen Tiefgang, der sich den ganz Kleinen wohl kaum erschließen wird. Im Stück beobachtet man einen Postangestellten, der Bälle im Takt jongliert und einen Schlagzeuger, der diesen Takt aufnimmt. Daraus ergibt sich im Kern die Frage, wie sich das Zeitempfinden durch den Rythmus alltäglicher Berufsausübung verändert. Dass Kinder in dieser Form ein Verständnis für die Routine haben, lässt sich doch stark bezweifeln. Aber das Konzept von Pakman weiß auf dem Papier zu überzeugen. Bleibt abzuwarten, wie es im Lastwagen auf der Käthe-Kollwitz-Straße funktioniert!

Vangelo

Die Inszenierung, welche Festivalleiterin Ann-Elisabeth Wolff bei der Pressekonferenz noch als "anstrengend" und "einfach sehr italienisch" bezeichnete, aber doch für sehenswert befand, ist nach dem Evangelium benannt. Der Italiener Pippo Delbono setzt sich darin mit dem Tod seiner Mutter auseinander. Dafür benutzt er Elemente aus Oper, Sprech- und Tanztheater. Arbeitsteilung scheint Delbono nicht zu mögen, er ist verantwortlich für Konzeption, Text, Inszenierung, Video und spielt auch noch selbst mit.

Zwei Giraffen tanzen Tango – Bremer Schritte

Der Titel von Gerhard Bohners Tanzstück lässt aufhören, er macht neugierig. Ob das sein Plan war, als er ihn 1980 wählte, können wir ihn leider nicht mehr fragen – zwölf Jahre nach der Uraufführung starb Bohner. Helge Letonja vom TANZFONDS ERBE Projekt hat die Choreografie nun rekonstruiert und zeigt sie bei der euro-scene. Die Bilder der Inszenierung lassen schon erahnen: Giraffen tauchen zwar nicht auf, dafür aber viele skurrile Figuren und schräg-verspielte Kostüme. Besonders für Freunde des Absurden dürfte diese Tanzperformance also interessant werden.

The wanderer's peace

Beatrice "Trixie" Cordua tanzt schon mehr als ein halbes Jahrhundert. Ausgebildet wurde sie an der Royal Ballet School in London und der Hamburgischen Staatsoper. Es folgte eine lange Laufbahn als Berufstänzerin. In The wanderer's peace versucht sie sich in Zusammenarbeit mit der Choreografin Nicole Seiler an einem Résumé ihrer 76 Lebensjahre. Chapeau!

Five easy pieces

Nachdem er vergangene Woche schon seinen Film Das Kongo Tribunal beim DOK-Festival präsentiert hat, ist Milo Rau gleich schon wieder in Leipzig. Diesmal mit einer Theaterinszenierung, die sich mit der Geschichte des belgischen Kindermörders Marc Dutroux auseinandersetzt. Und weil Milo Rau immer wieder gerne provoziert, führt er diese Geschichte mit Kinderdarstellern auf. Wem das zu makaber ist, der sei beruhigt: Es gibt ohnehin keine Karten mehr, das Stück ist restlos ausverkauft! Nicht ohne Grund: Five easy pieces wurde von Theater heute als "Inszenierung des Jahres" ausgezeichnet, nachdem Milo Rau bereits das Prädikat "Schauspielregisseur des Jahres" abgestaubt hatte.

Das beste deutsche Tanzsolo

Auch der Wettbewerb zum "besten deutschen Tanzsolo" findet in diesem Jahr wieder statt. Das Konzept dafür kam wie so vieles andere im Programm der euro-scene aus ... na klar, Belgien! Entworfen wurde es von Alain Platel, selbst gern gesehener Gast auf dem Leipziger Tanz- und Theaterfestival. Der Wettbewerb lässt Amateure ebenso teilnehmen wie ausgebildete Profis und gibt keinen Stil vor. In zwei Vorrunden wird die Vorauswahl getroffen, im Finale am Sonntag entscheidet dann eine Jury, welche Performance mit den gut dotierten Preisen ausgezeichnet wird. Tickets gibt es noch. Wir berichten am Montag, welcher Tänzer den Wettbewerb gewonnen hat.

 

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Maximilian Enderling
08.11.2017 - 15:52
  Kultur

Das 27. Festival zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes Leipzig, kurz euro-scene 2017, steht ganz unter dem Motto "Ausgrabungen" und setzt daher besonders auf Rekonstruktionen. Werke einiger der größten Choreografen des Zwanzigsten Jahrhunderts werden dafür quasi ausgebuddelt, unter anderem die der 1993 gestorbenen Tänzerin Gret Palucca. Damit übernimmt die euro-scene die wichtige Verantwortung des Erhalts historischer Tanzstücke. Viele Choreografen des vergangenen Jahrhunderts weigerten sich, große Teile ihrer Arbeiten in Videos zu dokumentieren, da Tanz nun einmal auch vom Moment lebt. Mit den Rekonstruktionen wird das Leipziger Publikum in diesem Jahr vielleicht keine exakte Zeitreise machen, aber sicherlich einen kleinen Blick in die Tanz- und Theatergeschichte werfen.

Das euro-scene Festival findet seit 1991 statt und bringt damit schon seit unmittelbar nach der Wende internationale Performance-Highlights nach Leipzig. Für die hiesige Theaterkultur ist das eher die Ausnahme, da in Deutschland der Löwenanteil an Produktionen von kommunalen Spielstätten und nicht von mobilen Kompanien umgesetzt wird. So ist die euro-scene enorm wichtig, um auch renommierten Künstlern wie Alain Platel die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeiten auch hierzulande bei Gastspielen zu präsentieren.

 

Dienstag

19:30 Das Triadische Ballett

Mittwoch

16:00 Goldkugeln der Tanzgeschichte

19:30 Das Triadische Ballett

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

Donnerstag

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 Bombyx Mori

Freitag

16/17/18 Uhr Pakman

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 Vangelo

22:00 Bombyx Mori

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Samstag

14/17/20 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

16/17/18 Uhr Pakman

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 The wanderer's peace

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Sonntag

11/15/16 Uhr Pakman

11/14/17 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

17:00 The wanderer's peace

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo