Filmrezension: "Das Löwenmädchen"

Emanzipation einer Outsiderin

Die norwegische Coming-of-Age-Geschichte um Eva, das titelgebende Löwenmädchen, basiert auf dem 2006 erschienenen Bestsellerroman von Erik Fosnes Hansen − eine Parabel über Außenseitertum in einer „das Fremde“ stigmatisierenden Gesellschaft.
Die an einer seltenen Genstörung leidende Eva als Jugendliche

Vorweihnachtszeit in der norwegischen Provinz im Jahr 1912: Die kleine Eva Arctanders erblickt das Licht der Welt − sie erwischt jedoch einen denkbar schlechten Start ins Leben: Nicht nur verstirbt die Mutter bei der Niederkunft; der unter Schock stehende Vater (Rolf Lassgård) nimmt angesichts Evas angeborenem Gendefekt − ihr gesamter Körper ist mit feinem, blondem Haar bedeckt (in der Fachterminologie „Hypertrichosis lanuginosa“ genannt) − von seinen elterlichen Pflichten Abstand. Das Baby wird deshalb zunächst einer Pflegefamilie in Obhut gegeben. Jahre später lebt das heranwachsende Mädchen (Aurora Lindseth-Løkka; später Mathilde Thomine Storm) zusammen mit ihrem liebevollen Kindermädchen (Kjersti Tveterås) und dem autoritären Vater und Stationsmeister zurückgezogen auf dem Bahnhofsgelände. Gegen den Willen des Vaters, der abfälligen Dorftratsch fürchtet, unternimmt die aufgeweckte Eva mit Unterstützung der Amme wiederholt Versuche, sich aus der unfreiwilligen Isolation zu befreien − sie schließt neue Freundschaften, erzwingt den Schulbesuch und verfolgt das berufliche Ziel, später als Morserin zu arbeiten. Während der Vater die niederschmetternde ärztliche Diagnose − Evas Krankheit ist unheilbar − versucht anzunehmen, muss Eva die bittere Erfahrung machen, dass es Menschen in ihrem Umfeld gibt, die sie wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes nicht als gleichwertig akzeptieren wollen.

Viel Düsternis vor märchenhafter Kulisse

In dem diesjährigen Disney-Remake von „Die Schöne und das Biest“ ließen die CGI-Effekte bei der Gestaltung des Schlossherrn noch einige Zuschauer-Wünsche offen − das Biest erinnerte eher an eine wenig Angst einflößende Kreuzung aus Ziege und Büffel. In dem ernsten Drama „Das Löwenmädchen“ dagegen hat man seine Hausaufgaben diesbezüglich gemacht − mit nur einem Bruchteil des exorbitanten Budgets, das der Live-Action-Neuauflage des beliebten Animation-Klassikers zur Verfügung stand. Die Maske wirkt hier absolut glaubwürdig und plastisch − sowohl die Ganzkörperbehaarung der Hauptfigur als auch die Schuppenhaut von Nebencharakter Andrej „Echsenmann“ Bòr. Verantwortlich dafür zeigte sich SFX Make-Up-Artist Connor O’Sullivan (X-Men, The Dark Knight, Game of Thrones) − allgemein bekannt als einer der Besten seines Faches in Hollywood. Diese Personalentscheidung erweist sich im Nachhinein als klug, denn der Film dreht sich in erster Linie um Evas andauernden inneren Konflikt mit ihrem ungewöhnlich haarigen Äußeren.

Skandinavische Schauspielkunst

Und auch in anderen Departments kann man den Veranwortlichen der norwegisch-deutschen Co-Produktion ein Lob aussprechen: Neben einem tollen Produktionsdesign und schöner Kameraarbeit sind vor allem die hervorragenden Darsteller hervorzuheben. Die drei Schauspielerinnen Aurora Lindseth Løkka, Mathilde Thomine Storm und Ida Ursin-Holm verkörpern allesamt auf überzeugende und unaufgeregt-natürliche Weise die Hauptfigur Eva Arctander in drei verschiedenen Lebensstationen (als 7-, 14-Jährige und im Erwachsenenalter) − in ihrer Homogenität erinnern ihre Leistungen entfernt an die vielschichtigen schauspielerischen Darstellungen des afroamerikanisch-homosexuellen Protagonisten im Oscar-prämierten „Moonlight“ (2016). Nachhaltig beeindrucken außerdem Kjersti Tveterås als verständnisvolle und ihren Schützling fördernde Kinderfrau und der Schwede Rolf Lassgård in der Rolle des zunächst mürrisch-abweisenden Vaters, der seiner als Antagonist angelegten Figur eine überraschend tiefgründige Verletzlichkeit verleiht. Die mitwirkenden deutschen Stars wie Ken Duken und Burghart Klaußner bekommen dagegen kaum Gelegenheit, ihre schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen − sie absolvieren eher bessere Cameo-Auftritte als Mitglieder des „menschlichen Kuriositätenkabinetts“.

"Schafft das weg. Das ist kein Kind."

Der Film schafft es außerdem über weite Strecken, ein Mitfiebern mit der sensiblen Filmheldin seitens des Zuschauers zu erzeugen. Etwa, wenn der Vater das unschuldige Mädchen wegen vermeintlichen „Fehltritten“ in einen dunklen Verschlag einsperrt („Harry Potter“ lässt grüßen) oder er der Amme auf einer Landkarte genau einzeichnet, welche umständlichen Routen sie mit dem Kinderwagen zurücklegen muss, um etwaigen Begegnungen mit neugierigen Dorfbewohnern vorzubeugen − in solchen Momenten empfindet der Zuschauer tiefes Mitgefühl und nimmt regen Anteil an Evas oftmals trostlosen Lebensumständen. Leider bietet das Coming-of-Age-Drama aber auch genügend Angriffsflächen: Dem Film fehlt es oft an erzählerischem Tiefgang und frischen, innovativen Ideen − das Drehbuch spult gerade im letzten Drittel hastig nur die wichtigsten Ereignisse in Evas "neuem" Leben ab. Gerade weil die Leidensfähigkeit der Protagonistin so hart auf die Probe gestellt wurde − inklusive entwürdigender Zurschaustellung vor geladenen Pseudo-Wissenschaftlern sowie vor Jahrmarkt-Besuchern in einem „Menschenzirkus“ −, fällt ihr persönliches, lange erkämpftes „Happy End“ zu knapp aus. Auch die versöhnlich gemeinte Schlussszene kann so nur wenig emotionale Schlagkraft entfalten. 

Fazit

Eine konventionell erzählte Außenseiter-Story mit Märchen-Touch und berührender „Mut zur Selbstakzeptanz“-Message − es sind jedoch die schauspielerischen Qualitäten, die den Film vom Durchschnitt abheben.

 

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„Das Löwenmädchen“

Kinostart: 14.9.2017

FSK 12

Laufzeit: 118 Minuten

Regie: Vibeke Idsøe

Cast: Rolf Lassård, Mathilde Thomine Storm, Kjersti Tveterås, Ken Duken, Burghart Klaußner und andere