Zivilgesellschaft

Einsatz auf hoher See

„Ich habe Menschen sterben sehen“, erzählt Nicolas im Gespräch mit mephisto 97.6. Er ist Mitglied bei „Jugend rettet“ – einer Hilfsorganisation, die geflüchtete Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahrt.
Die Iuventa, das Schiff von Jugend rettet.
Die Iuventa, das Schiff von "Jugend rettet"

„Jugend rettet“ sind in erster Linie durch ihre Seenotrettungsmissionen bekannt geworden. Die Organisation versteht sich aber auch als politisches Netzwerk und hat sogar eine Ortsgruppe in Leipzig. Mitglied dieser Gruppe ist auch der 19-jährige Nicolas.

An Bord der Iuventa

Nicolas war schon auf drei Rettungsmissionen im Mittelmeer. Seit Juni vergangenen Jahres ist er bei Jugend rettet aktiv. Damals hatte sich die Organisation gerade gegründet. Als Nächstes musste ein Schiff her und die „Iuventa“ wurde gebaut. Nach seinem Abitur wollte Nicolas eigentlich nur eine Woche lang in der Werft in Emden mithelfen. Aus einer Woche wurden dann zehn Monate. Von Emden aus ging es nach Malta und Nicolas wurde Teil der ersten Rettungsmission der Iuventa.

Da unten sterben Menschen. Eine mächtige Politik mag nichts dagegen tun, und wenn sich da gerade zivilgesellschaftliche Bündnisse bilden, dann ist das immer unterstützenswert.

Nicolas, Jugend rettet

Mehr als 14.000 Menschen hat Jugend rettet nach eigenen Angaben bereits vor dem Ertrinken bewahrt. Allein in diesem Jahr gab es bisher acht Rettungsmissionen. Eine Mission dauert zwei Wochen. Die Crew besteht aus fünfzehn Leuten und setzt sich jedes Mal neu zusammen. Einen Tag auf Mission kann man sich dann in etwa so vorstellen: In den frühen Morgenstunden geht es los. Die Jugendlichen haben die Mittelmeerroute nahe Libyen immer im Blick.

Das heißt tatsächlich stupides Sitzen auf dem höchsten Bug, in die Ferne schauen und versuchen zu gucken, ob dort eventuell Schlauchboote oder Holzboote mit Flüchtenden an Bord sind.

Nicolas

Oft wird die Crew aber auch von der Seenotleitstelle in Rom über Boote in Not informiert. In anderen Fällen starten die Helfer von Jugend rettet die Einsätze aus eigener Entscheidung heraus. Die Seenotleitstelle informieren sie im Nachhinein darüber.

Ab wann ist es ein Seenotfall?

Im Prinzip sind alle Boote, die von Jugend rettet gefunden werden, ein Seenotfall, erzählt Nicolas. In Seenot ist also jeder, dem auf dem Wasser Gefahr für Leib und Leben droht. Genauso regelt es das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Es bildet die rechtliche Grundlage für die Einsätze von Jugend rettet. Weniger klar geregelt ist die Frage, wo Seenotrettung aufhört und wo Beihilfe zu illegaler Migration anfängt.

Was die rechtliche Lage so schwierig macht, ist die Situation, dass Personen gar nicht zufällig oder lange in Seenot sind, sondern man vermeintlich Zeichen gibt und die Schlepper dann ein seeuntüchtiges Boot losschicken in dem sicheren Wissen, dass die Personen aufgefischt werden.

Nele Matz-Lück, Expertin für internationales Seerecht

Daraus entsteht der Vorwurf, Netzwerke wie Jugend rettet würden mit Schleppern zusammenarbeiten. Italienischen Behörden zufolge gibt es Fotos und Unterlagen, die das beweisen. Darin heißt es zum Beispiel, Jugend rettet würden ihr Licht- und Ortungssignal systematisch ein- und ausschalten und so mit Schleppern kommunizieren. Aufgrund dieser Vorwürfe haben die italienischen Behörden die Iuventa am 2. August beschlagnahmt.

Ohne Schiff kann Jugend rettet natürlich keine Rettungseinsätze mehr starten. Den Helfern sind also aktuell die Hände gebunden. Dass es jemals so eine Kommunikation zwischen Schleppern und Jugend rettet gegeben habe, streitet Nicolas ab. Vor Gericht wird nun verhandelt, ob die Beschlagnahmung der Iuventa gerechtfertigt war oder nicht. Eines weiß Nicolas aber jetzt schon: Sobald die Iuventa wieder frei ist, geht er wieder mit auf Rettungsmission.

Mehr zum Thema hören Sie im Beitrag von mephisto 97.6 Redakteurin Angela Fischer:

Ein Beitrag von Angela Fischer
Ein Beitrag von Angela Fischer
 

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