Literatur

Einsamkeit, Sehnsucht und Kohlenstaub

Clemens Meyers neuer Erzählband ist da. In "Die Stillen Trabanten" berichtet der Leipziger Autor von Menschen mit "einfachen" Berufen. In neun Kurzgeschichten stehen unter anderem Kurierfahrer, Wachmänner, Bahnreiniger und Friseure im Zentrum.
Seite an Seite säumen die Plattenbauten die Straße des 18. Oktober
Typisch für Trabantenstädte, also Arbeitersiedlungen am Rande einer Großstadt, sind Plattenbauten.

Ein Mann wartet Abend für Abend im vierzehnten Stock auf seine Nachbarin. Sie treffen sich, und rauchen zusammen – heimlich, im Treppenhaus. Sie aschen in ein Stück Silberfolie und schauen über die Stadt. Die beiden sind die Protagonisten in der Erzählung Die Stillen Trabanten von Clemens Meyer. Sie ist eine von neun Kurzgeschichten im gleichnamigen Erzählband.

Begegnungen mit Nachhall

In den Geschichten in Die Stillen Trabanten finden Menschen zusammen. Menschen, die sich wenig kennen, die der Zufall zusammenbringt. Diese Begegnungen dringen in das Leben der Personen ein und hinterlassen Spuren. Eine schüchterne Annäherung beispielsweise zwischen einer Friseurin, und einer Frau von der Bahnreinigung. Sie beenden ihre Schichten gemeinsam in der Bahnhofskneipe:

Die Frau mit dem dunklen Haar drückte ihre Zigarette in dem Ascher aus.
„Es stört mich nicht“, sagte sie zu der Frau mit dem dunklen Haar, „ist doch ne Raucherkneipe. Und ich mag den Geruch.“
„Sie kommen auch noch aus einer Zeit des Rauchens", sagt die Frau mit dem dunklen Haar und nickte.

aus Die Stillen Trabanten von Clemens Meyer

Dieser permanente Vergleich mit früher und damals, als es noch anders war, zieht sich durch Meyers Erzählungen.
Ein Grauschleier liegt über ihnen. Die Personen befinden sich nicht ganz im Jetzt, sondern schielen mit einem Auge noch nach dem Gestrigen. Und das Gestrige meint oft: einen Umbruch, wie den Fall der Mauer. Den Wandel der Zeit bemerkt auch ein Triebwagenfahrer:

Bald schon würden sie die alte Grenze passieren, nichts mehr zu sehen, aber komisch, man spürte es irgendwie, die Grenze, die Entfernung, den Unterschied. Obwohl ihn seit Jahren die meisten Fahrten auf die andere Seite der Grenze führten. Die Bahnsteige der Bahnhöfe sahen anders aus, die Menschen, die dort standen, sahen anders aus. Obwohl die Grenze seit fünfundzwanzig Jahren keine Grenze mehr war.

aus Die Stillen Trabanten von Clemens Meyer

Leipzig als Schauplatz

Schon Meyers Romandebüt Als wir träumten wurde als großartiger Wenderoman gefeiert. Auch in seinem Erzählband Die Nacht, die Lichter sowie im aktuellen Werk verortet der Autor viele seiner Geschichten in Leipzig. Es ist die Stadt, in der Meyer aufgewachsen ist, die ihn geprägt hat. Man erkennt sie in vielen seiner Erzählungen wieder, ohne dass er sie permanent benennt: der Bahnhof, mit seinem Ost- und Westausgang, der Leipziger Osten, der sich stetig verändert:

Er war seit Jahren nicht in dieser Straße gewesen. Spielotheken, Wettbüros, Dönerläden, Internet-Cafés, An- und Verkäufe, arabisch aussehende Teestuben mit verschnörkelten Schriftzeichen über dem Eingang.

aus Die Stillen Trabanten von Clemens Meyer

In Bildern aus dem Alltag erzählt Meyer von Menschen mit einfachen Berufen. Der Kurierfahrer, der von einer alten Frau für den verschollenen Enkel gehalten wird. Der Imbissbudenbesitzer, der in einer ehemaligen Tankstelle seine Würstchen wendet. Der Wachmann, der nachts zwischen den Plattenbauten patrouilliert.

Nirgendwo ganz da

Der Leser taucht ein in die Gedankenwelt der Figuren. Aus ihrer Perspektive führen sie den Leser durch die Welt. Ihre Gedanken springen hin und her - sie erzählen auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Mal sind wir in Belgrad und im nächsten Satz schon wieder in Wien, mal im Jetzt und im nächsten Abschnitt mehrere Jahre in der Vergangenheit. Das fordert den Leser heraus. Er bekommt das gleiche Gefühl wie die Protagonisten: Niemals ganz im Jetzt zu sein, sondern permanent vor und zurück zu hüpfen.

Ich konnte mich nicht erinnern, woher ich kam oder wohin ich wollte oder ob ich, wie so oft, nur über den Bahnhof spaziert war und die Reisenden beobachtete, H. trug seine Uniform und seinen Armeerucksack, er war auf dem Weg zu seinem Zug, der ihn zur Kaserne bringen würde, ich weiß nicht mehr, wo er stationiert war, ein Jahr war es nur, mich hatten sie ausgemustert.

aus Die Stillen Trabanten von Clemens Meyer

Einige von Clemens Meyers Geschichten aus Die Stillen Trabanten schmecken nach Kohlenstaub, manche nach Sehnsucht und andere nach Einsamkeit. Langsam und behutsam erzählt der Autor von Menschen, die sich mit vorsichtiger Wärme begegnen. Wer es schafft, sich in den Zeitsprüngen nicht zu verlieren, auf den wartet ein lesenswertes Buch.

Den Beitrag von mephisto 97.6 Redakteurin Pia Uffelmann zum Nachhören gibt es hier:

mephisto 97.6 Redakteurin Pia Uffelmann zu Clemens Meyers neuem Erzählband "Die Stillen Trabanten"
1004 Clemens Meyer Literatur

 

 

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Das Buch Die Stillen Trabanten von Clemens Meyer ist im S. Fischer Verlag erschienen. 20€ kostet die Hardcoverausgabe.