Literaturkritik: Das Licht

"...einmal pro Woche das Sakrament."

Lysergsäurediethylamid-25 – oder kurz: LSD. Mit dieser so umstrittenen wie populären Droge setzt sich Bestsellerautor T.C. Boyle in seinem aktuellen Roman "Das Licht" auseinander.
Autor T.C. Boyle (3.v.l.) war in seiner Jugend selbst Teil damaliger Aufbruchsbewegungen.
Autor T.C. Boyle (3.v.l.) war in seiner Jugend selbst Teil damaliger Aufbruchsbewegungen.

Der Beitrag zum Nachhören:

Literaturredakteur Maximilian Enderling über den neuen Roman von T.C. Boyle.
Literaturredakteur Maximilian Enderling über den neuen Roman von T.C. Boyle.

Wenn man LSD hört, dann denkt man vermutlich direkt an Flowerpower, indische Musik und freie Liebe – an die 60er Jahre eben – und genau in diese Zeit entführt T.C. Boyle auch die Lesenden in seinem neuen Buch "Das Licht". Dabei folgt er allerdings keinen Cliché-Hippies im VW-Bus, nein, Boyle schaut sich eine LSD-Community an der renommierten Harvard-University an. Rund um den Psychologie-Professor Timothy Leary gab es dort nämlich Anfang der 60er einen psychedelischen Zirkel.

Faszination Bewusstseinserweiterung

Der Rausch ist allgegenwärtig in Boyles neuem Historienroman. Das wird bereits im "Vorspiel" klar, sprich: im Prolog. Durch die Augen einer fiktiven Laborassistentin schildert Boyle den ersten LSD-Trip der Welt – wenn man von einigen trippenden Laborhunden zumindest mal absieht. 250 Mikrogramm der bewusstseinserweiternden Substanz, im Selbstversuch oral eingenommen von ihrem Entdecker Albert Hoffmann, Schweizer Chemiker, angestellt beim Pharmaunternehmen Sandoz. Hoffmanns Verhalten im Rausch wird vielversprechend und erschreckend zugleich beschrieben.

Dr. Hoffmann war nicht ansprechbar. Tatsächlich lag er die ganze nächste Stunde reglos auf dem Sofa, riss hin und wieder die Augen auf und rief: „Das Licht! Das Licht!“

Womit auch gleich der deutsche Titel des Romans erklärt wäre. Das auf einem Trip gesehene Licht soll an die oft geschilderte Wahrnehmung bei Nahtoderfahrungen erinnern. Es soll etwas Göttliches an sich haben. Der Originaltitel Outside Looking In dagegen braucht eine Weile, um sich den Lesenden zu erschließen. Genau genommen das ganze Buch.

Boyles Spezialität: Vielschichtige Charaktere

Ein Blick von außen nach innen, den erleben nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten auf ihren Trips, den erleben auch die Lesenden bei den Figuren. Mit jeder Erkenntnis, mit jedem geistigen Entwicklungsschritt taucht man tiefer in sie ein. Sie werden plastisch und zugleich in ihrer Formbarkeit gezeigt, Charaktere wie Modelliermasse unter den geschickten Händen ihres Gurus: Timothy Leary – akademischer Promi, Lichtgestalt, Manipulator. Er erkennt das Potenzial des LSD, Menschen umzuprägen, alte Prägungen zu beseitigen.

Es ist wie bei Konrad Lorenz, als er die Gänseeier ausgebrütet und die Küken in eine Welt geführt hat, in der eine Mutter nicht einen Schnabel, Federn und Schwimmhäute, sondern weißes Haar, einen weißen Bart und einen Bauch voll Wiener Schnitzel hat. Denn das tut dieses Mittel, und zwar sofort: Es wischt all die Rollen und Spielchen weg, den ganzen Mist, den die Gesellschaft dir aufgedrückt hat, es macht Tabula rasa, und du kannst noch mal von vorn anfangen, du bist neu geboren. Du bist ein Baby, Fitz. Ein Kind. Mein Kind.

Fitz, mit vollem Namen Fitzhugh Loney ist Protagonist des Romans, gemeinsam mit seiner Ehefrau Joanie. Er ist Doktorand bei Tim Leary und tut alles, um in den inneren Kreis und die Gunst seines Doktorvaters zu gelangen. Das nimmt teils einen absurden Grad von Akzeptanz an, was Tims unverblümte Direktheit angeht.

»Und das heißt natürlich, dass ich alle Frauen vögeln muss, die ins Haus kommen. Weil sie auf mich fixiert sind — und auf die Droge natürlich. Ich bin der, der ihnen Zugang gibt: zur Droge und zum Vögeln.« Er grinste und verdrehte die Augen. »Was tun wir nicht alles für die Wissenschaft, hm, Fitz?«

Fitz und Joanie nehmen erst an Tims LSD-Sessions teil, die jeden Samstag in dessen Haus stattfinden. Dann begleiten sie die entstandene kleine Gruppe über den Sommer nach Mexico.

Soziale Dynamiken abseits der Norm

Im Laufe des Buches entsteht bei den Anhängerinnen und Anhängern Learys ein Gruppenbewusstsein, eine kollektive Identität. Die Mitglieder bezeichnen sich als Brüder und Schwestern. Im Rausch verschwindet auch das sexuelle Eigentumsrecht der einzelnen Paare und es gilt: Jede mit Jeder mit Jedem:

Sie hatte nie mit einem anderen Mann geschlafen — bis zu jenem ersten Sommer in Mexiko, als es ihr wie das Natürlichste von der Welt erschienen war. Sie dachte keine Sekunde darüber nach. Sie war auf Trip und Ken ebenfalls. Fitz war nicht da. Fanchon war nicht da. Sie und Ken waren im Rettungsschwimmerhäuschen, und die ganze Welt war verschoben. Kleidung — ihr Bikini, seine Badehose — war hinderlich und vollkommen sinnlos, die Erfindung einer Gesellschaft, der sie nicht mehr angehörten, eine Hülle, die das authentische Ich verbarg. Was zählte, waren Berührungen. Die Sonne auf ihrem Gesicht, ihren Brüsten, ihrem Bauch, seine Fingerspitzen, die Funken durch ihren Körper stieben ließen — sie konnte sie sehen, als würde sie durch ihre eigenen Blutbahnen fließen und von einer Synapse zur anderen springen —, und es fühlte sich so gut an, dass sie wünschte, es würde nie aufhören.

Die Gruppe unter Timothy Learys spiritueller Leitung nimmt zunehmend sektenähnliche Zustände an. Schließlich ziehen sie sich gemeinsam in ein abgelegenes Landgut zurück, nachdem Tim von Harvard gefeuert wurde. In dem alten Herrenhaus beginnt dann ein langsamer individueller Zersetzungsprozess, den sich bis zum Schluss kaum ein Mitglied des Kollektivs eingestehen möchte. Begonnen als wissenschaftliches Experiment mit Aufbruchscharakter, als psychologische Revolution, verkommt die Gruppe junger Wissenschaftler zu einer Partyclique.

Beim Lesen dieses Vorgangs fasziniert dabei vor allem der Blick hinter jene aufrecht gehaltene Fassade, dass alles richtig läuft. T.C. Boyle als allwissender Erzähler - wie in jedem seiner Romane - zeigt die negativen Gedanken seiner Figuren im krassen Kontrast zu ihren positiven Worten. Er zeigt neben aller geistiger Avantgarde auch die Schattenseiten der gemeinsamen Dauerberauschung. Nicht nur mit LSD, es wird auch am laufenden Band geraucht, gekifft und vor allem: gesoffen. Selten wurde in einem Roman so häufig das Wort „Martini“ gedruckt. Wie oft LSD geschrieben wird, möchte man vielleicht gar nicht wissen – beziehungsweise „das Sakrament“, wie die Droge in der zweiten Romanhälfte überwiegend genannt wird.

Fazit

So viel Rausch könnte bei Lesen ermüden, tut es jedoch nicht. "Das Licht" ist auf den ersten Seiten genauso packend wie auf den Letzten und wie auch alles dazwischen. Zugegeben: wenn man frühere Werke von T.C. Boyle gelesen hat, dann wird man einige Déjà-Vu-Momente erleben. Der Guru-ähnliche Professor, der Studenten um sich schart, sie emotional durch viel Charisma an sich bindet und dabei freie Liebe propagiert, das kennt man schon aus "Dr. Sex" – darin setzte sich Boyle 2005 mit dem Sexualforscher Kinsey auseinander. Den Originaltitel dieses Romans "The Inner Circle" hätte man nun auch ohne Weiteres dem Manuskript von "Das Licht" verpassen können. Boyle fühlt sich wohl im akademischen Setting, ist er doch selbst seit 1986 Professor für englische Literatur und dass er dort Heimspiel hat, beweist er mit "Das Licht" wieder einmal eindrucksvoll.

 

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Maximilian Enderling
18.04.2019 - 14:21
  Kultur

Titel: Das Licht

Autor: T.C. Boyle

Verlag: Hanser

Veröffentlichung: 28. Januar 2019

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

Preis: 25€

 

Über den Autor:

Tom Coraghessan Boyle wurde 1948 im Staat New York geboren. Er erlebte in seiner Jugend- und Studienzeit selbst den Aufbruchsgeist der 60er Jahre. Seit dieser Zeit ist er als Autor und Dozent für Englische Literatur aktiv. Zu besonderer Bekanntheit ist er durch seine Historienromane und insbesondere deren vielschichtige Figuren gekommen. Noch heute lehrt Boyle Kreatives Schreiben an der University of Southern California.