TdJW-Kurzinterview

Einladung an Kretzschmer

Das Theater der jungen Welt sieht auf eine erfolgreiche letzte Halbzeit zurück. Doch Intendant Jürgen Zielinski erzählt auch von Belastungsgrenzen und möchte den sächsischen Ministerpräsidenten von der Bedeutung seines Hauses überzeugen.
Jürgen Zielinski
Intendant Jürgen Zielinski kritisiert die inflationäre Verwendung des Begriffs "Bildung" in der Politik.

Das Theater der jungen Welt belegte letztes Jahr den zweiten Platz beim Leipziger Tourismuspreis. In der Begründung hieß es, mit 50 Gastspielen in 16 Städten innerhalb eines Jahres funktionierte das Theater als wichtiger Botschafter für die Stadt. Ein Highlight war das Stück „Juller“, das die Biografie des deutsch-jüdischen Fußballspielers Julius Hirsch nacherzählt. Hirsch war zweifacher deutscher Meister, wurde unter dem nationalsozialistischen Regime trotz sportlicher Erfolge verfolgt und ermordet.

Weitere Informationen zur Halbzeit-Bilanz können Sie hier nachhören:

Moderatorin Peggy Fischer im Gespräch mit Reporter Philip Fiedler
 

Zur Situation des Theaters der jungen Welt haben wir mit Intendant Jürgen Zielinski gesprochen:

mephisto 97.6: Welche Herausforderungen gibt es dieses Jahr zu bewältigen?

Jürgen Zielinski: In einem Theater, das bis zur Grenze ausgelastet ist, das sehr viel spielt, nicht die Mitarbeiter zu motivieren. Denn die sind motiviert. Sondern eher dafür zu sorgen, dass sie nicht umfallen. Das bedeutet, wenn ich immer besondere Krankheitssituationen erlebe, merke ich, wie begrenzt wir aufgestellt sind. Dann muss ich umbesetzen und ohne Gäste-Etat Geld in die Hand nehmen. Da stellt sich bei mir auch die Frage, in einer wachsenden Stadt mehr Schulen und Kindergärten gebaut werden, dann müsste unser Theater eigentlich auch proportional vergrößert werden. Weil Theater eine sehr besondere Zukunftsperspektive bietet und auch zu Lernmotivation, Sozialkompetenz, Miteinander und Interkulturalität beiträgt. Als Denkanstoß an die Politik: Die Zukunftsfragen wollen nicht nur mit der Begriffsinflation „Bildung“ benannt werden, sondern es bedarf der konkreten Übersetzung.

Wenn Sie Ministerpräsidenten Kretzschmer etwas mit auf den Weg mitgeben könnten, was wäre das denn?

Komm ins Theater und schau mal, wie positiv sich das auf Schüler auswirkt. Wie konzentriert sie dabei sind und was im Anschluss daran gesprochen wird. Hier arbeiten auch Theaterpädagogen mit den Schülern. Mancher Vormittagsvorstellung folgt nicht nur das Gespräch, sondern auch eine theatrale Aktion. Vor allem würde ich ihm empfehlen, sich ein Workshop anzuschauen, wo Jugendliche und Kinder aktiv Theater spielen. Und was dieser angstfreie Raum auch manchmal an besonderen Begabungen hervorholen lässt. Am Ende würde ich ihm sagen, er möge unbedingt zum sächsischen Theatertreffen in Dresden in unsere Vorstellung „Juller“ kommen und mal schauen, wie ein Volkstheater einen anspruchsvollen Zugang zu unserer düstersten Geschichte in Deutschland auf der Bühne funktioniert.

 

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