Depression

Eine Volkskrankheit

In Deutschland sind 5,3 Millionen Menschen an Depressionen erkrankt, Dunkelziffern nicht einkalkuliert. Grund genug mal bei einem Spezialisten nachzufragen, warum das so ist und welche Therapiemöglichkeiten es gibt.
Prof. Dr. Ulrich Hegerl mit Moderator Paul Materne
Moderator Paul Materne und Prof. Dr. Ulrich Hegerl (v.l.)

Depressive Verstimmungen kennt jeder. Der Partner hat sich von einem getrennt, es gibt Streit in der Familie. Da will man sich einfach nur verkriechen und in Ruhe gelassen werden. Eine Depression ist etwas völlig anderes. Laut Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, verleugnen viele ihre Krankheit. Sie würden behaupten ihr Zustand sei auf etwas ganz anderes zurückzuführen. Doch wie erkennt man eine Depression?

Depression und Burnout

Ein wichtiger Hinweis auf eine vorliegende Erkrankung ist das Verhalten während eines Gespräches. Die Stimmung ändert sich im Verlauf der Unterhaltung gelegentlich. Depressionskranke sind dazu oft nicht mehr imstande. Dieser Zustand wird Affektstarre genannt. Ein weiteres Zeichen, dass für die Krankheit spricht, ist Gefühlslosigkeit. Betroffene empfinden oft nichts mehr, fühlen sich innerlich wie tot. Zudem sind sie oft sehr schläfrig. Hegerl vergleicht den Zustand mit dem Gefühl, dauerhaft vor einer Prüfung zu stehen.

Eine Krankheit, mit der die Depression oft verwechselt wird, ist das Burnout Syndrom. Im Gegensatz zur Depression ist Burnout ein schwammiger Begriff. Die Diagnose gibt es offiziell gar nicht. Unter die Krankheit fällt alles Mögliche: Überarbeitung, Selbstüberschätzung, Leistungsunzufriedenheit. Für Hegerl ist das Syndrom lediglich eine Modeerscheinung, wie beispielsweise die Managerkrankheit.

Ich glaube auch, dass uns der Begriff Burnout und das Konzept in 20, 30 Jahren komisch vorkommen werden.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl

Eine Depression wiederum kann viele Gründe haben. Der Tod des Partners oder etwas Ähnliches. Viel wichtiger als Geschehnisse in der Umwelt ist jedoch die Veranlagung der betroffenen Person. Diese kann entweder genetisch sein oder erworben werden. Erworben werden kann sie z.B. durch Missbrauch in der Kindheit. Der genetische Faktor spielt allerdings eine noch viel größere Rolle. Wenn es in der Familie Erkrankte gibt, steigt die Wahrscheinlichkeit selbst zu erkranken auch. Oft sind sehr aktive Menschen von der Krankheit betroffen.

Im gesunden Zustand sind Menschen, die unter Depression leiden meist leistungsorientiert.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl

Angehörige verstehen das Verhalten oft nicht. Wie auch? Sie selbst können einen depressiven Zustand nicht nachempfinden. Darunter leiden die Patienten oft am Meisten.

Hier können Sie das komplette Interview mit Prof. Dr. Hegerl nachhören:

mephisto 97.6 Moderator Paul Materne im Gespräch mit Prof. Dr. Ulrich Hegerl

Redaktion:

Ronja Binus, Sophie Rauch, Annika Sparenborg, Hendrik Zimny

 

Den Betroffenen eine Stimme geben

Neben seiner Tätigkeit als Direktor der psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig ist Professor Hegerl auch der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Diese wurde als Nachfolger des Kompetenzzentrums Depression gegründet. Seit 2011 organisiert die Stiftung den Patientenkongress zu diesem Thema. Schirmherr des Kongresses ist seit Beginn Harald Schmidt.

Depression ist nicht lustig. Aber heilbar.

Harald Schmidt

Harald Schmidt ist Schirmherr des Kongresses und moderierte ihn auch dieses Mal
Harald Schmidt ist Schirmherr des Kongresses und moderierte ihn auch dieses Mal

Er war am Anfang maßgeblich daran beteiligt, dass die Idee überhaupt umgesetzt werden konnte. Er finanzierte anfangs eine Geschäftsführerin aus eigener Tasche.

Neben Harald Schmidt stand noch Altkanzler Helmut Kohl zur Auswahl. Grund dafür war der Suizid seiner ersten Frau Hannelore. Offiziell nahm sie sich wegen einer Lichtallergie das Leben. Hegerl vermutet aber auch hier eine depressive Erkrankung.

Mittlerweile ist der Patientenkongress eine große Veranstaltung. Auch dieses Jahr war das Gewandhaus mit 1200 Besuchern fast voll besetzt. Das vielseitige Programm bot unter anderem Vorträge zu Behandlungsmöglichkeiten, Workshops und Podiumsdiskussionen. Wie auf den vorangegangenen Kongressen wurde auch dieses Mal der Medienpreis der Deutschen Depressionshilfe verliehen. Dort wurden die besten Beiträge aus Print und Fernsehen zum Thema ausgezeichnet. Der erste Platz ging an einen Beitrag von Journalistin Anne Thiele für RTL Extra. Die junge Unternehmerin Kristina Wilms filmte sich für den Beitrag ein halbes Jahr selbst. Auch sie ist an Depressionen erkrankt. Als Wilms bei der Preisverleihung das Wort ergriff, wurde es still. Während ihrer Rede brach sie in Tränen aus. Ihr innigster Wunsch: Die Krankheit soll endlich normal werden.

Die Gewinnerin des 1. Preises
3. Deutscher Medienpreis Depressionshilfe

Alles war sehr persönlich. Egal ob Patient, Angehöriger, Pressevertreter oder Arzt – jeder bekam ein Namensschild. So kam man schnell ins Gespräch. Viele Patienten wollten von ihrer Geschichte erzählen. Dabei fiel auf: Bei jedem äußert sich die Depression anders. Ein junger Mann, Anfang 30, leidet schon seit elf Jahren an der Krankheit. Oft ist er so hoffnungslos, dass er am liebsten nur im Bett liegen bleiben möchte.

Ich steh‘ plötzlich neben mir und weiß nichts mehr mit mir anzufangen.

Betroffener

Für ihn ist sein Umfeld besonders wichtig. Seine Familie war es, die ihn zu einem geregelten Tagesablauf gezwungen hat. Das sei gut für ihn gewesen.

Er hat vor auch den nächsten Kongress in zwei Jahren zu besuchen. Denn hier hat er gemerkt, dass er nicht alleine ist, dass noch andere mit der Krankheit kämpfen. Nach zwei Tagen auf dem Kongress ist eines sicher: Das Motto „Den Betroffenen eine Stimme geben“ wurde mehr als erfüllt.

mephisto 97.6 Redakteurin Annika Sparenborg berichtet Moderator Nico von Capelle im Studiogespräch von ihren Begegnungen und Erlebnissen auf dem Kongress:

Ein Beitrag von mephisto 97.6 Redakteurin Annika Sparenborg.
 
 

Kommentieren

Annika Sparenborg
01.09.2017 - 18:36