Rotes Sofa: Juan S. Guse

Eine Stadt auf dem Trockenen

Der Atlantik hat sich vor der Küste Miamis zurückgezogen. Die ehemalige Hafenstadt bleibt verwirrt und verwundet in einer Wüste zurück. In "Miami Punk" geht es um eine Gesellschaft, in der plötzlich Strukturen und Utopien fehlen.
Juan S. Guse auf dem roten Sofa
Juan S. Guse im Interview

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

Miami Punk ist kein klassisches literarisches Werk mit einem Handlungsstrang von A bis Z, mit Höhepunkt und retardierendem Moment. Vielmehr werden in dem Roman unzählige Geschichten nebeneinander und miteinander erzählt.

Da ist Robin, die bei einem großen Life-Science-Konzern einer sinnlosen Arbeit nachgeht und in ihrer Freizeit das Computerspiel "Das Elend der Welt" programmiert. Da ist Daria, die bei der Behörde 55 nach einer Erklärung für all die Phänomene sucht, die seit dem Verschwinden des Atlantiks in der Stadt geschehen. Da ist Lint, der aktives Mitglied bei einem spiritualistischen Kongress ist. Da ist Elsa, die mit ihrem Ringer-Verein gegen die Alligatorenplage in der Stadt kämpft.

Und dann ist da noch ein E-Sport-Team aus Wuppertal, das zum letzten großen Wettkampf von Counterstrike 1.6 angereist ist. Neben all diesen Handlungssträngen gibt es auch experimentelle Kapitel. Seitenlange Monologe ohne Leerzeichen oder einen Katalog letzter Gedanken der fliegenden Dinge ohne Bedeutung.

Von der Belanglosigkeit des Seins

Juan S. Guse wirft seine Leserschaft mitten hinein ins Geschehen. Begebenheiten und Zusammenhänge erklären sich erst später oder gar nicht. Die Frage nach dem Warum für das Verschwinden des Atlantiks tritt schnell in den Hintergrund. Lange Zeit passiert eigentlich nicht viel – und genau darum geht es vielleicht auch: die Belanglosigkeit des Seins. Tagein, tagaus gehen Menschen zur Arbeit, die sie nicht erfüllt, führen belanglose Gespräche und schauen abends auf der Couch fern. Das Leben zieht vorbei.

Vielen Bewohnenden Miamis hat der Rückzug des Atlantiks die Existenz zerstört. Da sind die Männer und Frauen von Miami Beach, die früher ihr Geld damit verdienten, am Strand Fitnessgeräte für die Werbeindustrie anzupreisen. Da sind die Arbeiterinnen und Arbeiter am Hafen, die in einen kollektiven sogenannten Schlaf verfallen sind: Obwohl mit dem Atlantik ihre Arbeitsgrundlage verschwunden ist und ihnen längst gekündigt wurde, fahren sie weiterhin jeden Morgen zum Hafen und simulieren zur arbeiten.

Zwischen Abgrund und Neuanfang

Die Atmosphäre der Trostlosigkeit ist allgegenwärtig. Doch für einige Mitglieder des Kongresses bedeutet der Rückzug des Atlantiks auch die Chance auf einen Neuanfang: Angeblich haben sich in dem freigelegten Gebirge vor der Küste Miamis kleine Menschengruppen angesiedelt. In dem kargen und überwältigend schönen Gebirge soll ein erfülltes Leben ohne Zwänge möglich sein. Immer wieder brechen Pilgergruppen auf, um ihr Glück in der Wüste zu suchen.

Irgendwann hat man sich an all die Absurditäten in Miami Punk gewöhnt. Ja, es kommt einem sogar vertraut vor. Und dann, auf den letzten 10 Seiten schafft es Juan S. Guse, diese absurde, surreale Welt noch einmal mehr auf den Kopf zu stellen.

Langer Atem lohnt sich

Zugegeben, der Roman hat mit seinen 640 Seiten seine Längen. Wer sich nicht in der Gaming-Szene auskennt, wird bei ausführlichen Erläuterungen über die Maps und Strategien bei Counter Strike schnell den Faden verlieren. Und auch die seitenlangen Kapitel ohne Leerzeichen sind nicht gerade leicht zu lesen. Bei all den Handlungssträngen verliert man zudem manchmal den Überblick.

Trotzdem überzeugt Miami Punk mit seiner atmosphärischen Erzählweise, unterschiedlichen Schreibstilen und unterschwelliger Gesellschaftskritik. Ganz wie ein Video Game enthält Miami Punk auch so etwas wie Easter Eggs, versteckte Hinweise auf zum Beispiel Philosophen und Game Designer, die wohl als Inspiration für Guse dienten. Und das sind nur einige der Verwebungen von Game und Roman, die sich erkennen lassen.

Miami Punk ist weit mehr als Dystopie. Die Geschichte ist nicht immer nur traurig, sie ist auch mit sehr viel Witz geschrieben. Und wer beim Lesen einen langen Atem hat, wird mit einem beeindruckenden Werk belohnt, über das man noch lange nachdenken kann.

 

 

Kommentieren

Über den Autor:

Juan S. Guse wurde 1989 im Rhein-Main-Gebiet geboren. Er studierte Neuere Deutsche Literatur und Soziologie in Hannover. «Miami Punk» ist Guses zweiter Roman. Er ist 2019 bei S. Fischer erschienen. Der Roman hat 640 Seiten und kostet 26 Euro.