Literaturrezension

Eine Reise ins Land des Haiku

Mit ihrem neuen Roman landete Marion Poschmann, die eigentlich als Lyrikerin bekannt ist, auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. In "Die Kieferninseln" nimmt sie die Leser mit auf eine poetische Reise nach Japan.
Marion Poschmann: "Die Kieferninseln"
Marion Poschmann: "Die Kieferninseln"

Gilbert Silvester erwacht aus einem Albtraum – und beschließt, seine Frau zu verlassen. Der Privatdozent einer Uni, der sich hauptsächlich der Bartforschung widmet, sieht sein Leben zerstört. Denn er hat geträumt, dass Mathilda ihn betrügt. Er stellt sie zur Rede, sie streitet alles ab, er glaubt ihr nicht.

Er wusste später nicht mehr, ob er sie angeschrien hatte (wahrscheinlich), geschlagen (eventuell) oder bespuckt (nun ja), es konnte sein, dass ihm beim erregten Sprechen etwas Speichel aus dem Mund gesprüht war, jedenfalls hatte er ein paar Sachen zusammengerafft, seine Kreditkarten und seinen Pass an sich genommen und war weggegangen.

Ausschnitt aus "Die Kieferninseln"

Spontan steigt er in eine U-Bahn zum Flughafen, bucht ein Ticket und steigt in den nächsten Flieger nach Tokio. Eine ziemlich surreale und gleichzeitig geniale Handlung, mit der Marion Poschmanns Roman beginnt. Denn alles beginnt mit einem Traum und erscheint zugleich selbst wie ein langer, komplexer Traum.

Eine Begegnung mit Folgen

Am Flughafen in Tokio kauft Gilbert japanische Klassiker, darunter die Werke des Dichters Basho. Der Meister des Haiku hatte im 17. Jahrhundert eine Reise durch Japan unternommen. Eine Reise zu seinem Inneren, bei der er seine Gefühle in kurzen Gedichten, Haikus, festgehalten hat. Die Gedichtform ist die wohl kürzeste der Welt und folgt strengen Regeln: Es gibt drei Zeilen, wobei die erste fünf Silben, die zweite sieben und die dritte wieder fünf Silben haben darf. Es gibt einen Bezug zur Natur, den Jahreszeiten und einer menschlichen Gefühlsregung. Später wird auch Gilbert Silvester sich auf eine solche Reise zu den titelgebenden Kieferninseln begeben und eigene Haikus schreiben.

Doch auf den Gedanken kommt er erst, als er eine ungewöhnliche Begegnung macht. An einer U-Bahn-Station in Tokio sieht er einen jungen Japaner mit mickrigem Ziegenbart, der auf eine Brüstung klettert. Er spricht ihn an und bewahrt ihn vor dem Selbstmord. Gilbert beschließt, den jungen Mann mitzunehmen. Yosa Tamagotchi ist sein Name, eine ironische Anspielung auf Yosa Taniguchi, neben Basho einer der großen Haiku-Dichter Japans. Wie so Vieles in diesem Roman fließt diese Anspielung in die Geschichte ein. Immer wieder tauchen kleine Exkurse in die japanische Historie oder in die Bartforschung auf.

Keine Reise ohne Kompromisse

Dabei ist der Erzähler ganz nah dran am Protagonisten, an seinen Gedanken und Gefühlen. Auch seinem Ärger, den er auf der Reise mit Yosa erlebt, denn der kommt von seinen Suizidplänen nicht los. Und weil keine Reise ohne Kompromisse auskommt, halten die beiden an mehreren Orten, die unter Selbstmördern in Japan beliebt sind: einem Hochhausdach oder einem dunklen Wald. Das wirkt zutiefst traurig und höchst ironisch zugleich:

Er begreife nicht, daß Yosa kein Einschätzungsvermögen besitze. Wenig Anstand, kaum Ehrgefühl und keinerlei Geschmack. Der Ort sei unmöglich, er sei vermüllt, er erlaube keinerlei Naturerlebnis, vor allem aber sei er zu voll, ein so stark frequentierter Wald, von Selbstmördern völlig überlaufen, ein Massengrab, dazu müsse sich doch selbst Yosa zu schade sein.

Ausschnitt aus "Die Kieferninseln"

Traumhaft poetisch

Der ganze Roman ist realistisch erzählt, liest sich aber durch die surreale Handlung wie die Persiflage eines Reisetagebuchs. Poschmanns Sprache ist dichterisch und die Sätze gehen oft über mehrere Zeilen. Dabei schreitet die Handlung wahnsinnig schnell voran. Szene reiht sich an Szene. Der Spannungsbogen, der am Anfang so grandios aufgemacht wurde, bröckelt zwar mit der Zeit. Aufgefangen wird das aber durch die fabelhafte Sprache, mit der Poschmann die Geschichte der beiden ungleichen Figuren erzählt: poetisch, tiefgründig, aber auch leicht. Wie ein langes Gedicht, das genossen werden will.

Und so ist dieser Roman wie ein Traum, aus dem man erwacht und danach nicht weiß, wie man ihn deuten soll, weil er nicht richtig greifbar ist – aber dennoch ein wunderbares Gefühl zurücklässt.

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Nadja Bascheck rezensiert "Die Kieferninseln"
Rezension Kieferninseln
 

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Marion Poschmann - "Die Kieferninseln"

Erschienen im Suhrkamp Verlag, 168 Seiten, 20,00 €