Konzertbericht

Eine echte Show

Sie sind eine der kanadischen Bands der Stunde: July Talk haben auf ihrer Tour zum Album "Touch" auch im Berliner Lido gespielt. Wir klären auf, was die Band auf der Bühne so genial macht.
July Talk
Dem Stil wegen dann doch lieber in schwarz-weiß: July Talk im Lido.

Erwartungen

Wäre das Internet die Realität, dann würden July Talk nur in schwarz-weiß existieren. Was zunächst wie eine dämliche Weiterentwicklung des Hypes um farblose Profilbilder klingt, ist eigentlich ziemlich genial. Die kanadische Rockband wirkt dadurch in Videos und Live-Auftritten immer glamourös und schafft so etwas Ähnliches wie eine Parallelwelt. Gute Musik machen July Talk nebenbei auch noch. Mit ihrem intelligenten Rock hat das Quintett immerhin den Titel der CD der Woche für ihr aktuelles Album „Touch“ eingeheimst. Der bildliche Kontrast zwischen schwarz und weiß harmoniert dabei wunderbar mit der Musik der Kanadier. Zwischen sanft und knallhart, getrieben durch die kontrastreichen Stimmen von Sänger Peter Dreimanis und Sängerin Leah Fay produzieren July Talk abwechslungsreiche und dynamische Musik. Wer mal einen Live-Auftritt im Internet gesichtet hat, der weiß, dass sie außerdem eine abgedrehte Choreographie und Show auf die Bühne bringen. Die Erwartungen könnten also nicht viel höher sein. Nur ein Geheimnis wurde im Voraus durch eine just erschienene Live-Session aufgelöst: July Talk sind im Real-Life schon ziemlich farbig.

Erster Eindruck

Trotz des kalten Septemberabends entscheiden sich nur wenige Besucher, ihre Herbstjacken im Außenbereich des Berliner Lidos an der Garderobe abzugeben. Will etwa niemand tanzen? Es hat sich wohl rumgesprochen, dass July Talk neben tanzbarer Mukke vor allem auch was fürs Auge bieten. Das Lido ist gut gefüllt, als die vier Kanadier und die eine Kanadierin ganz unspektakulär die Bühne betreten. Passt so gar nicht zu den aufwendig produzierten Videos. Peter Dreimanis macht seiner Krümelmonster-Stimme alle Ehre und brüllt verdammt laut auf der Bühne – ohne dabei in der Nähe eines Mikrofons zu sein. Was für ein Organ. Sofort steigen July Talk in „Summer Dress“ ein. Es rumpelt ordentlich, und das im positiven Sinne. Dreimanis braucht zwar eine Strophe, um sich einzusingen – ist aber dann mitsamt Whiskeystimme komplett da. Performance-technisch gibt es keine Eingewöhnungsphase. Auf Knopfdruck legen vor allem die beiden Rampensäue los. Es wird auf und ab gelaufen, getanzt, gesprungen – und das soll nur der Anfang sein.

Show

Unglaublich, wie man jeden Abend so eine Präsenz und Energie auf die Bühne bringen kann. July Talk fusionieren Theater, Zirkus, Erotikshow und – na klar – Rockkonzert. Peinliche Posen gibt es nicht. Einstudiert ist hier nur, dass nichts einstudiert ist. Natürlich wissen Leah Fay und Peter Dreimanis, an welchen Stellen in welchen Songs sie was machen können. Aber sie tun es eben auch. Sie hängen sich gegenseitig umeinander, tragen sich über die Bühne, ziehen an den Kleidern, halten sich die Augen zu – und sind trotzdem immer wieder rechtzeitig am Mikrofon, um weiter zu singen. Da ihr männlicher Gegenpart hin und wieder Keyboard und oft Gitarre spielt, ist Leah Fay noch mobiler. Sie nutzt ihren Platz aus und geht mehrmals ins Publikum – zum ersten Mal beim ruhigen sechsten Song „I’ve Rationed Well“. Mit Scheinwerfern in der Hand bittet sie die Menge, sich hinzusetzen. Als sie eine Minute später vom Kollegen Dreimanis im Publikum Gesellschaft bekommt und die Base-Drum einsetzt, vibriert das Lido. Zu den letzten Knallersongs ziehen die Kanadier die Show nochmal ein bisschen an. Leah schüttet Whiskey in die Münder der ersten Reihe und spielt während „The Garden“ mit ihrem Mikrofonständer Limbo im Publikum. Trotzdem wirkt jede Showeinlage spontan und ehrlich. Bestnote.

Musik

Zugegeben, die Show der beiden Rampensäue hätte auch stumm Spaß gemacht. Noch besser: Ohrenstöpsel gar nicht erst rein tun, sondern lieber die geniale Rhythm-Section genießen. Dreimanis und Fay gehört der vordere Teil der Bühne, die drei großen Männer im Hintergrund haben aber auch mächtig Bock und spielen mit Drive. Zu Beginn hauen July Talk vier alte Songs raus, unter anderem das großartige „Gentleman“. Die musikalisch etwas vielseitigeren neuen Tracks klingen auf der Bühne bereits überraschend gut und fügen sich ohne Probleme ein. Allen voran der epische Titeltrack „Touch“ sorgt für Gänsehaut. Von den neuen Songs überzeugt auch die brandaktuelle Single „Beck + Call“ besonders. Hier kann das Frontduo seine besondere Show besonders darbieten. Gegen Ende des Konzerts kommen dann auch die etwas punkigeren Nummern wie „Uninvited“ und „The Garden“. Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass July Talk ohne großes Geschnörkel erfreulich nah an den Sound der Platten rankommen. Durch die starke Bühnenpräsenz machen Songs wie „Paper Girl“ und „Guns + Ammunition“ live noch ein bisschen mehr Spaß.

Was in Erinnerung bleibt

Als letzten Track vor der Zugabe spielen July Talk den in Deutschland unveröffentlichten Knaller „My Neck“. Obwohl der Song den Besuchern unbekannt zu sein scheint, wird ordentlich geheadbangt. Wenn man es sich leisten kann, so einen Song nur bei Konzerten zu spielen, dann hat man schon ordentlich gutes Material. Auch wenn die Show nur eine Stunde und fünf Minuten dauert, ist am Ende trotzdem jeder zufrieden und glücksselig. Und wenn dann am Ende die Band sich zum Merchandise-Stand bewegt und mit jedem Besucher einen liebevollen, kanadischen Smalltalk liefert, ist klar: Diese Band überzeugt nicht nur in ihrer schwarz-weißen Internetpräsenz, sondern auch nah, in Farbe und zum Anfassen. Nach einer derart abgefahren und unrealen Live-Show ist es am Ende auch schön zu wissen: „Scheiße, die gibt es ja sogar auch in Echt. Und dann sind die auch noch nett“.  

Setlist
 

 

 

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Till Bärwaldt
20.09.2016 - 19:18
  Kultur