CD der Woche

Ein Zeichen der Erinnerung

Loyle Carner kreiert mit Yesterday's Gone eine Art Hip Hop, die so ehrlich und authentisch ist, dass der Britische Guardian ihr einen eigenen Namen gegeben hat: „Confessional Hip Hop“ - Musik, die vor nichts Halt macht und trotzdem am Boden bleibt.
Loyle Carner
Loyle Carner schaut nicht in die Kamera und grinst trotzdem. Warum?

Home Sweet Home

Loyle Carner oder eigentlich Benjamine Coyle-Larner ist 22. Er lebt im südlichen London. Zusammen mit seiner Mum, seinem 14-jährigen Bruder Ryan und Familienhund Ringo. Am Wochenende zieht er sich spiele der Premiere League rein. Außerdem kocht er für sein Leben gerne. Alle diese Informationen sind eigentlich total nebensächlich wenn es um Musik geht. Doch bei „Yesterday’s Gone“ fühlt man sich fast schon fehl am Platz wenn man Loyle Carner nicht zumindest ein bisschen kennt. Sein Debut erinnert an ein Fotoalbum voller rissiger Schwarz-Weiß-Fotos und ausgeblichener Kinotickets, eben einfach voller Erinnerungen. Mit jedem Song erzählt Loyle Carner eine eigene, ganz persönliche Geschichte. Dabei wirkt nichts nebensächlich oder kindisch. Zum Beispiel wenn es darum geht wie er und seine Freunde ihr ganzes Geld für alte CDs auf den Kopf hauen um danach alte Hip Hop Tracks aufzulegen und abzufeiern.

Es sind aber vor allem die schwereren Themen, die Yesterday’s Gone so glaubwürdig machen. Das Ritalin gegen sein ADHS, sein verstorbener Stiefvater als einzige Vaterfigur die er je hatte und seine eigene Rolle zwischen Trauer, Wut und Verantwortungsgefühl. Im Song Florence singt er von seinem Wunsch nach einer kleinen Schwester, die er zwar nie hatte, für die er aber trotzdem ein gutes Vorbild sein will. Und die keinen Spinat mag und sich stattdessen lieber Pfannkuchen von ihm wünscht.

I could be her listener, telling me her stories / But I’m showing her, her signature / The scribbler / Saying that she’s finished but I tell her eat her spinach /And she’ll see the sky’s the limit / Trust

Loyle Carner - Florence

Loyle Carner macht keinen Halt seine Gefühle offen zu zeigen und kreiert damit eine Art Hip Hop, die so ehrlich und authentisch ist, dass der Britische Guardian ihr einen eigenen Namen gegeben hat: „Confessional Hip Hop“. Eben Musik, die vor nichts Halt macht und trotzdem vollkommen am Boden bleibt. Die Story steht dabei immer im Vordergrund. Die Beats bleiben durchweg  simpel und reduziert aber nie langweilig.

Featuring Mum and Dad

Bei der ganzen Nähe und Ehrlichkeit steht neben der Liebe und dem Struggle mit dem Erwachsen-Werden vor allem ein Thema im Vordergrund: die Familie. Dabei rutscht Loyle Carner nicht in seine Fantasie ab. Im Gegenteil. Auf „Yesterday’s Gone“ kommt quasi seine gesamte Familie zu Wort. Die Platte wird getragen von vielen Gesprächen, realen Szenen zwischen ihm und seinem verstorbenen Stiefvater, seinem kleinen Bruder oder seiner Mum Jean. Selbst die Videos zu seinen Songs dreht Carner bei sich zu Hause, eben mit den Menschen, die ihn inspirieren und an dem Ort an dem die Geschichten auch wirklich entstanden sind.

I wasn’t running from the beast / I was running from myself / Running out of street / she was worried about my health / Wasn’t worried it was beef / Wasn’t worried it was girls / She was worried it was me and my mother couldn’t tell

Loyle Carner - Sun of Jean

Es ist nur logisch, dass der letzte Track des Albums als „Feature mit Mom und Dad“ gekennzeichnet ist. „Sun of Jean“ erzählt davon wie seine Mutter Jean und sein Bruder Ryan die einzigen Menschen sind, die ihn am Boden halten, ihn davor bewahren ins Überhebliche abzudriften und sich um ihn sorgen. Deshalb wirkt es nicht kitschig sondern passend wenn er seine Mutter selbst zu Wort kommen lässt. Sie erzählt, wie er als Kind schon nur Musik im Kopf hatte. Oder wie er im Restaurant die Zuckerpackungen auf dem Tisch ausgeleert hat um Monster mit fürchterlichen Zähnen darin zu zeichnen. Der Song endet mit einer Art Hidden Track. Einer Szene wie aus dem Fotoalbum, bei der die ganze Familie auf dem Wohnzimmerboden sitzt und zusammen singt, während er sie mit der Gitarre begleitet.

Mit allen Höhen und Tiefen

Jeder Song, jede Geschichte die Loyle Carner auf „Yesterday’s Gone“ erzählt wirkt ehrlich und authentisch. Eben als würde man durch ein Fotoalbum blättern und Loyle Carner aus dem Stehgreif die passende Story zu jedem Foto erzählen. Loyle Carner lässt die Welt an seinem Leben Teil haben – mit allen Höhen und Tiefen. Dabei wird er nie übertrieben oder kitschig, sondern bleibt durchweg beeindruckend ehrlich und authentisch. Damit zeigt Yesterday’s Gone eine Seite des Hip Hops, die viel Persönlichkeit und Nähe zulässt und die man nicht zwischen Battle- und Gangsterrap einordnen kann. Eine Seite, die ihren ganz eigenen Platz im Plattenregal verdient hat.

 

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Loyle Carner: Yesterday's Gone

Tracklist:

1. The Isle of Arran
2. Mean It In The Morning
3. +44
4. Damselfly (ft. Tom Misch)
5. Ain't Nothing Changed
6. Swear-Loyle Carner
7. Florence (ft. Kwes)*
8. The Seamstress (Tooting Masala)
9. Stars & Shards
10. No Worries (ft. Rebell Kleff And Jehst)*
11. Rebel 101
12. NO CD (ft. Rebel Kleff)
13. Mrs. C*
14. Sun Of Jean (ft. Mum and Dad)

* Anspieltipps
 

 

 

Erscheinungsdatum: 20.01.2017
Caroline / Universal

Konzerte:

Loyle Carner spielt am 01. März im Club GRETCHEN in Berlin