Literaturrezension: Alte weiße Männer

Ein Sommer mit Krawattenträgern

Sophie Passmann ist einen Sommer lang durch Deutschland gereist und hat alte weiße Männer getroffen. Die Gespräche hat sie in ihrem neuen Buch "Alte weiße Männer" gesammelt. Passmann wagt damit einen Dialog mit dem vagen Feindbild des Feminismus.
Sophie Passmann
"Alte weiße Männer" ist das zweite Buch von Sophie Passmann.

Sophie Passmann tauchte gefühlt 2018 irgendwann einfach so auf. Im Internet. In der Zeit. Sie schrieb über das Stranden in Thüringen, und seit Anfang des Jahres in ihrer Kolumne über Handball oder Daunenjacken. Und nun eben auch über Alte weiße Männer. Wobei das eigentlich nichts Neues ist – Sophie Passmann zählt zu den Netzfeministinnen, die vor allem über Twitter den feministischen Diskurs mitbestimmen. Doch das Klischee-Feindbild des Feminismus, dieser alte weiße Mann, über den lässt es sich eben nur schwer in 280 Zeichen tippen.

So ist Anfang März also bereits Passmanns zweites Buch erschienen. "Alte weiße Männer – Ein Schlichtungsversuch" steht in dicken Lettern auf dem rosafarbenen Umweltpapiereinwand. Als Layout dient eine Krawatte, welche dieses vage Bild des alten weißen Mannes schon etwas vorprägt.

Ziel des Buchprojekts war es, dieses Bild etwas schärfer werden zu lassen. Wer ist eigentlich dieser alte Mann, über den der Feminismus schimpft? Ein Anliegen des Buches ist es, die Debatte nicht nur über sondern auch mit strukturell Bevorzugten zu führen, um ein tieferes Verständnis der Problematik zu gewinnen.

Bist du ein alter weißer Mann?

Dafür ist Sophie Passmann einen Sommer lang durch Deutschland gereist und hat Krawattenträger getroffen oder solche, die dies implizieren könnten. Sie traf Politiker, Journalisten, Köche, Kabarettisten. Namen wie Kai Diekmann, Christoph Amend oder Tim Raue sind dabei. Sie alle verbindet der Erfolg in ihrer jeweiligen Branche. Sie befinden sich in einer Machtposition. Und das bestimmt nicht nur, aber auch weil sie in einen privilegierten Status – eben den des nicht unbedingt alten, aber weißen Mannes geboren wurden.

Zu Beginn eines jeden Gespräches fragt Sophie Passmann also: "Bist du ein alter weißer Mann?" Woraufhin ein jeder Interviewpartner sich tendenziell erst einmal verteidigend über Geschlechterrollen und #metoo auslässt. Die meisten von Ihnen haben allerdings schon erstaunlich viel über die Frauenbewegung nachgedacht. Vielleicht auch, weil sie sich in einer Weise in ihrer Position bedroht fühlen?

Eine wirkliche Erkenntnis bleibt aus

Dabei entstehen Gespräche, die in erster Linie unterhaltsam sind. Passmann schafft es mit ihrem klugen und ironischen Schreibstil die Männer aus ihrer Reserve zu locken. Dies führt zu mitunter erhellenden, und teilweise auch sehr unreflektierten Aussagen, die sich wie eine absurde Bestätigung jeglicher Patriarchat-Kritik lesen.

Ihr müsst ja eigentlich mal langsam sehen, dass ihr nach fünfzig Jahren keine Erfolge erzielt habt. MeToo ist doch wirklich ein Erfolglosigkeitseingeständnis, oder? Ja gut, es gibt einzelne Missbrauchsfälle und die sind wirklich unangenehm, und die sollte man natürlich wirklich auch… und so weiter.

Rainer Langhans, S.275

Die einzelnen Gespräche sind dabei recht kurz gehalten. Kein Interview nimmt mehr als 20 Seiten in Anspruch. Auffallend ist die Art der Darstellung: Passmann gibt die Antworten der Befragten wortwörtlich wieder, ihr eigenes Sprechen ist dabei hintergründig. Es wird nicht immer klar, welche Reaktionen sie in dem Moment des Gesprächs zeigt, und was anschließend kommentierend ergänzt wurde.

Auf diese Weise hat das Buch womöglich nicht das richtige Format gefunden. Die Gesprächspartner sind allesamt sehr spannend. Doch nach den knapp 300 Seiten bleibt eher ein Eindruck als eine wirkliche Erkenntnis.

Durch die gemischte Schreibweise verwischt alles ein wenig. Da gibt es eine Vorstellung der jeweiligen Person, die transkribierten Fragen, die wortwörtlichen Antworten und Passmanns jeweilige Gedanken dazu. Durch eine essayistische Ausarbeitung und eine tiefere Verfolgung der formulierten Argumente wäre wohl eine stringentere Auseinandersetzung mit dem alten weißen Mann gelungen.

 

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Über die Autorin:

Wenn Sophie Passmann nicht gerade versucht, das Alte und Weiße zu begreifen anstatt nur darüber zu sprechen, schreibt sie als Kolumnistin für das Zeitmagazin oder moderiert bei 1live. Auch im Ensemble des "Neo Magazin Royale" ist sie aktiv. Ursprünglich stammt die 25-Jährige aus Ettenheim bei Freiburg. Bevor sie sich dem Journalismus und schließlich ihrem Romanprojekt widmete, stand sie in ihrer Jugend auf Poetry Slam-Bühnen und studierte Politik und Philosophie.

"Alte weiße Männer" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und für 12€ erhältlich.