Gamecheck: Divinity - Original Sin II

Ein Rollenspiel der alten Schule

Drei Jahre warteten Fans der Rollenspielreihe "Divinity" auf eine Fortsetzung von "Original Sin". Wir haben untersucht, was "Divinity: Original Sin II" kann.
Eines der zahlreichen Artworks
Divinity ist zurück

Im Jahr 2002 nahm uns Entwickler Larian Studios mit dem Rollenspiel “Divine Divinity” zum ersten Mal mit in die Welt von Rivellon. Es folgten zahlreiche Spin-offs und Fortsetzungen. Während das Divinity Franchise nie die Popularität von einem “Gothic” oder “Elder Scrolls” erreichte, so hatte es doch stets eine treue Fanbase um sich. Seit Mitte September sorgt das neueste Spiel der Reihe “Divinity: Original Sin II” allerdings für Lobhuldigungen aus allen Reihen.

Was macht ein gutes Rollenspiel aus? Ist es eine dichte, von komplexen Mechanismen gelenkte Welt? Eine Fülle an spannenden und gut geschriebenen Charakteren? Ist es vielleicht die Geschichte, die das Spiel erzählt, oder ist es ein gut ausgearbeitetes Kampfsystem, mit dem ein Rollenspiel steht und fällt? Nun, die Antwort ist wahrscheinlich für jeden eine Andere. Aber kein Problem: “Divinity: Original Sin II” hat all das.

Das Spiel beginnt

Man beginnt das Spiel als ein sogenannter Quellenerwachter, ein Individuum mit speziellen magischen Fähigkeiten. Dieser Zustand wirkt wie eine Art Mutation und gilt in der Welt von Rivellon als sehr gefährlich. Deshalb befindet man sich gleich zu Anfang auf einem Schiff auf dem Weg zur Freudenfeste, dem ominösen Gefängnis und angeblichen Hospiz für Quellenerwachte. Hier begegnet man zum ersten Mal all seinen möglichen Gefährten im späteren Verlauf des Spieles. Doch die Ruhe hält nicht lange an - die mysteriöse Hexe Windego beschwört riesige Wesen aus einer anderen Dimension, die das Schiff zuverlässig auseinandernehmen.

I came here to kill Godwoken. But instead I became part of
their story.

Windego

Ehe man sich versieht, erwacht man pitschnass am Strand der Insel.

Im Startgebiet trifft man auch gleich alle sechs der möglichen Reisegefährten. Drei davon kann man mit auf sein Abenteuer nehmen. Schön ist hier, dass jeder von ihnen seine eigene, ausgearbeitete Hintergrundgeschichte hat. Der rote Prinz ist zum Beispiel nicht nur eine Echse, sondern auch ein verstoßener Adliger. Sein Ziel? Der Thron: "Famed of course for my unique red skin and my unparalleled skills as ageneral of the 'House of War', I, the Red Prince was raised in the vast palaces of the fabled forbidden city."

Ganz anders die metaphysisch begabte Frohnatur Lohse, die von einer
finsteren Macht besessen ist.

All my life I've been a performer, a musician. Beloved and celebrated by all. But I have a secret. I am also a playground for sprites and spirits and... worse.

Lohse

Die Bedeutung der Untoten

Wer eine besondere Herausforderung sucht und eine komplett andere Spielerfahrung sucht, kann als Untoter spielen. Hier bietet sich der mysteriöse Fane an, ein Überbleibsel einer uralten Zivilisation.

Don't stare. How would you look after aeons in some ghastly
cript. Your people are rather prone to death. Mine are not.

Fane

Des Weiteren gibt es noch einen menschlichen Ex-Soldaten, eine rachsüchtige Elfe und einen ehrgeizigen Zwerg. Wie schon im Vorgänger ist es möglich, einfach bei der Charaktererstellung den gewünschten vorgefertigten Charakter zu wählen. Das beeinflusst nicht nur, wie die Welt auf einen reagiert. Es bietet auch neue Dialogoptionen. Spielt man zum Beispiel einen Narren, kann man sich über Leute lustig machen. Diese Feinheiten lassen die Welt lebendig wirken. Das Spiel nimmt einen dabei kaum an die Hand. Man kann sich stets frei in der Welt bewegen und allein im Startgebiet viele Stunden zubringen.

Die Lebendigkeit wurde erweckt

Von der ersten Minute an ist klar: Rivellon ist lebendig. Wo man auch hingeht, gibt es etwas zu entdecken. Selten hat eine Rollenspielwelt der letzten Jahre eine so komplexe und atmosphärisch eng gestrickte Welt geschaffen. Jeder, der zahlreichen NPCs kann angesprochen werden und hat mal eine nützliche Information, eine Geschichte oder auch sogar eine Quest auf Lager.

Hier kommt nun der Punkt ins Spiel, der “Original Sin II” so bemerkenswert macht: die Vielfältigkeit. So muss man sich nicht immer mit dem Schwert durchschlagen. Man kann auch mal diplomatisch sein, um zum Beispiel das Leben eines Diebes zu verschonen. Aber das ist noch nicht alles. Manche Figuren reden nicht, wenn man eine Waffe gezogen hat, oder auch nur zur falschen Rasse gehört. Sogar Reisegefährten stellen zuweilen eigene Forderungen:

Fine, I accept. On one condition. For reasons, I'll not discourse right now, it is imperative, that I should meet with a dreamer – one of the mystics of my kind.

Der rote Prinz

Die schiere Masse an Möglichkeiten und Eventualitäten findet sich heutzutage eigentlich nur noch in Pen&Paper- Rollenspielen. Es wirkt alles sehr wie ein würdiger Nachfolger der Rollenspiele der alten Schule, wie “Icewind Dale” oder “Planescape Torment”.

Das Kampfsystem wurde seit dem letzten Teil noch mal stark verbessert. In den rundenbasierten Scharmützeln muss man taktisch und vorausschauend agieren. Bloßes Angreifen und Hoffen führen selten zum Erfolg.

Hier liegt auch die größte Schwierigkeit von “Original Sin II”. Wer dieses Spiel anfängt, sollte bereit sein, sich auf die Welt und seine Bewohner einzulassen. Dazu gehört auch das systematische Verteilen der Rollen und Fertigkeiten unter den Gefährten. Wer eine Gruppe aus kampfstarken Kriegern und Magiern zusammenbaut, sieht zwar erst mal cool aus, zieht im Kampf aber schnell den Kürzeren. Ohne Heiler wird die Gruppe aufgerieben und ohne Gauner oder Dieb bleiben einem im wahrsten Sinne des Wortes viele Türen verschlossen. Aufteilung und Rollenmanagement ist hier das A und O. Genreneulinge können da ohne Vorwissen schnell ins Schwimmen geraten. Dennoch ist das Spiel an keinem Punkt frustrierend und die atmosphärische, komplexe Welt, die zuweilen auch mit etwas subtilem Humor aufwarten kann, macht die Kritikpunkte locker wett. "It all happened like I knew it would. A single drop of source magic and like flies to honey the monsters swarmed" - Windego.

Fazit

“Divinity – Original Sin II” ist nichts für Gelegenheitsspieler. Das Spiel ist taktisch anspruchsvoll und zieht einen in die Spielwelt hinein. Wer Spaß am freien Erkunden einer riesigen Welt hat, dem sei “Original Sin II” wärmstens empfohlen. Und auch für Anfänger ist es geeignet. Wer schon immer mal mit rundenbasierten Rollenspielen anfangen wollte, erwischt mit “Divinity – Original Sin II” einen der besten Vertreter der vergangenen zehn Jahre.

Den Beitrag zum Nachhören finden Sie hier:

"Divinity: Original Sin II" - ene Rezension von Johannes Bundemann

Gesprochen von Johannes Bundemann

Divinity: Original Sin II - Johannes Bundemann

 

 

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Johannes Bundemann
01.11.2017 - 09:28
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