Kolumne

Ein rechtes Scheinproblem

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Max Brose und die Frage, warum das rechte Problem der deutschen Gesellschaft eigentlich kleiner ist, als es scheint.
Sieht nicht so aus, wird aber manchmal wütend - Max Brose.

 Die Kolumne zum Nachören finden sie hier:

"Ein rechtes Scheinproblem der deutschen Gesellschaft"
Kolumne 2109

 * Korrektur: In der Audiodatei heißt es fälschlicherweise Alexander Gauland habe " die größte mecklenburgische Tageszeitung geleitet". Er war aber Herausgeber der größten brandenburgischen Tageszeitung, der Märkischen Allgemeinen.

Deutschland hat ein Problem. Die rechten Proteste in Chemnitz und Köthen werden groß geredet.

Was heißt hier groß geredet? Rechte haben Menschen gejagt. Die Nazimassen müssen gestoppt werden. Sachsen ist ja schon im braunen Sumpf versunken.  

Naja so viele sind es ja gar nicht. In Chemnitz haben rechtsextreme Kreise aus dem ganzen Land mobilisiert. Und trotzdem nur 5000 teils gewaltbereite Menschen auf die Straße bekommen. Mal zum Vergleich: Im Januar haben über 30000 Menschen in Berlin gegen Massentierhaltung protestiert.

Willst du die gewaltsamen Taten in Chemnitz und Köthen etwa klein machen?

Die Taten ganz sicher nicht. Hitlergrüße, Attacken auf Journalisten und Journalistinnen und Hetzjagden auf Personen mit Migrationshintergrund sind eine der gefährlichsten Entwicklungen der letzten Jahre. Was mich aber daran stört: Es wirkt, als gäbe es gerade eine rechte Massenbewegung. Auf einigen Titelblättern wurde "Ausländerprügeln" ja schon zum sächsischen Volkssport ausgeschrieben. Und diese verzerrte Realität hilft keinem außer dem rechten Lager.

Wieso dem rechten Lager? Schreien die nicht als erstes bei so was Fake news?

Ja und damit sie das schreien können, müssen ihre Themen erst mal aufgeblasen werden. Übrigens hat diese übertriebene Darstellung noch einen anderen Vorteil für AfD, Pegida und Co: Es sieht so aus, als ob unzählige Menschen ihre Meinung teilen.

Das ist kein Zufall, sondern gezielte Strategie.

Ein gutes Beispiel sind die Aktionen der sogenannten Identitären Bewegung. Eine neurechte gewaltbereite Gruppe mit Hauptsitz in Halle. Hier planen 20 Aktivisten und drei Aktivistinnen regelmäßige Protestaktionen. Durch geschickte Kameraeinstellungen wird aus diesen zwei Dutzend Schreihälsen schnell ein rechter Mob. Und der schüchtert ein. Eine ähnliche Drohgebärde macht die ein Prozent Bewegung. Die ist nach eigenen Angaben das größte patriotische Netzwerk Deutschlands. Sie wollen mit ihrem Namen sagen, dass sie ein Prozent der deutschen Bevölkerung seien. Und tatsächlich wären das ziemlich viele. Ein prozent der deutschen Bevölkerung wären 800 000 Menschen. Damit hätte die Bewegung doppelt so viele Mitglieder wie die CDU. Nur sind die gar nicht so viele, wie sie vorgeben. Seit 2016 haben 44.000 Tausend Menschen Ein Prozent unterstützt. 0,05 % wäre also der treffendere Name. Klingt nur nicht wirklich nach revolutionärer Massenidentität.

Aber in den Kommentarspalten der sozialen Medien sieht es nicht gerade nach einer rechten Minderheit aus.

Stimmt, auf der Tagesschau-Facebook-Seite gibt es einen scheinbaren Konsens in der Bevölkerung.

Ja, und zwar: Merkel muss weg und wer was dagegen sagt, den finanziert die staatliche Lügenpresse.

Tatsächlich steckt aber hinter den meisten demokratiefeindlichen Kommentaren eine Handvoll rechter Computernerds. Die betreiben unzählige Fakeaccounts. In Internetforen verabreden sie sich und überschwemmen dann polarisierende Artikel mit rechter Hetze.

Ja ja komm, das ist ja nichts Neues. Requoncista Germanica. Die hat ja Böhmermann aufgedeckt und abgeschossen.

Ja, aber die sind ja nicht die Einzigen. Alice Weidel bezeichnete solche Beeinflussung 2017 noch als Wahlkampfstrategie. Und außerdem erreicht der rechte Scheinriese damit eine neue Größe. Er erzeugt nicht nur Angst und ein vermeintliches Wirgefühl, sondern auch eine alternative Realität. In dieser wird Deutschland von Asylanten überflutet und muss sich wehren. Das dominiert wochenlang den Mainstream der Berichterstattung klassischer und „alternativer“ Medien. Damit scheint Deutschland und ganz besonders Sachsen im rechten Sumpf zu versinken. Der Rechtsstaat und die Demokratie in unserem Land kapitulieren davor.

Das genaue Gegenteil haben Politologen und Politologinnen kürzlich in Berlin herausgefunden. Bei der Expertenkonferenz Gesellschaft extrem stellte sich heraus: Deutschland wird von Jahr zu Jahr demokratischer. Der demokratiefeindliche rechte Kern wird kleiner, schreit aber immer lauter. Das ist aber Wissenschaft. Und die ist ja ohnehin nur eine alternative Realität. Wird also in der rechten Medienblase eh nicht gelesen. 

Okay, also die Rechten machen sich größer, als sie sind und erschaffen so eine Parallelrealität. Das klingt ja so, als hätte das jemand geplant.  

Und zwar die Medienprofis der AfD. Alexander Gauland hat vor seiner politischen Karriere die größte brandenburgische Tageszeitung geleitet. Und wenn er die heute aufschlägt, ließt er nach Chemnitz und Köthen die Konsequenzen der Gewaltausschreitungen. Die Beförderung Hans Georg Maaßens. Ein Verfassungsschutzchef, der ohne Beweise die Echtheit von Hetzjagden anzweifelt. Unter normalen Umständen wäre seine Entlassung ein Federstrich für die Bundeskanzlerin. Dem aufgeblasen rechten Lager würde sie aber damit einen Märtyrer geben. Aber auch so können Gauland und die AfD Kaffeet rinken und fröhlich durch die Zeitungen blättern. Da stehen nämlich nur noch ihre Themen drin.

 

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