Die Kolumne

Ein Plädoyer fürs Nachhaltige Aufregen

Die Kolumne. Immer freitags und diesmal: Hanna Kormann mit einem Plädoyer für das nachhaltige Aufregen.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Ein Plädoyer fürs Nachhaltige Aufregen - die Kolumne von Hanna Kormann.
1808 Kolumne Hänna Kormänn

Morgens, halb zehn in Leipzig, Ende August. Ich schlage die Lokalzeitungen auf. Was hier alles los ist. In Lindenau fällt ein Fassadenteil vom Gebäude runter. Schulen werden saniert. RB Leipzig hat jetzt eine neue Stadionbratwurst (die Fans durften sogar mitbestimmen). Ich denke mir: Gibt es eigentlich nichts wichtiges, worüber man schreiben könnte? Vielleicht ist es gar nicht so, dass es die wichtigen Nachrichten nicht gibt. Sondern dass wir sie schlichtweg nicht als solche wahrnehmen oder realisieren. Was hat uns, oder sage ich besser mich zu diesem Punkt gebracht?

Hier könnten Sie unsere Kolumnistin Hanna Kormann sehen - schade für Sie
Behält immer den Überblick - unsere Kolumnistin Hanna Kormann

Meine Schwester hat einmal zu mir gesagt: "Hanna, du regst dich einfach viel zu viel über Dinge auf! Wenn man sich beruflich mit Politik beschäftigen will, dann muss man objektiv und unemotional bleiben!" Und dann hab ich das getan. Nachrichten habe ich nur noch mit einer unsichtbaren Blockade vor mir konsumiert. Aufgenommen und archiviert, aber nicht verarbeitet. Und ganz unrecht hat sie damit ja nicht. Zu viel Emotionalität verklärt unsere Sichtweise und macht uns als neutrale Journalisten unbrauchbar.

Schränkt man sich in seiner Reaktion aber zu sehr ein, dann verblassen einfach alle Nachrichten im selben Sumpf der Bedeutungslosigkeit. Dann ruft ein Artikel über den neuen Pandabären im Leipziger Zoo dieselbe Reaktion hervor wie ein Bericht darüber, dass die LVB schon wieder die Ticket-Preise erhöht hat.

Doch das Problem hat einen weiteren Aspekt: Die schiere Menge an Skandalen und Tragödien hat uns taub werden lassen. Zum Beispiel: Das Paulinum der Uni Leipzig wird endlich eröffnet. Nach acht Jahren Verspätung und endlos teurer als angenommen. Da kann man sich doch fragen: Wieso? Was ist da passiert? Doch bei vielen stellt sich dann der Modus ein: Schon wieder irgendeine Baustelle, die zu spät fertig wird. Die Zigtausendste. Wen interessiert das denn? Und wieso soll ich mich denn da noch darüber aufregen?

Denn es passieren Dinge. Dinge, die unsere Aufmerksamkeit und Detailarbeit verdienen. Wieso haben sich die LVB-Ticketpreise erhöht? In Leipzig sollen Waffenverbotszonen eingeführt werden. Wirklich interessieren tut das um mich herum keinen. Vielleicht weil die Aufmerksamkeit der kosmopolitisch vernetzten Studenten eher auf das Geschehen auf der Weltbühne gerichtet ist. Es gibt schließlich genug halbinformierte Meinungen zu Trump und dem drohenden Atomkrieg mit Nordkorea. Deshalb mein Plädoyer: Kinder, informiert euch. Informiert euch, versteht, hinterfragt, lasst Emotionen zu. Und regt euch auf. Denn sonst denken sich die, auf die wir achten sollten: Wir können machen was wir wollen. Denn auf uns schaut sowieso keiner.

 

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