Die Kolumne

Ein kräftiger Zug

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Til Schäbitz über Gerüche, Geruchssinn und Geschmacklosigkeiten.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Ein kräftiger Zug - Die Kolumne von Til Schäbitz
Ein kräftiger Zug - Die Kolumne von Til Schäbitz

Achja, was für ein toller Morgen. Meine Fenster sind ausnahmsweise mal nicht beschlagen, mir scheint die Sonne ins Gesicht. Das Thermometer zeigt 10 Grad. Mit überschwänglicher Euphorie trete ich raus vor die Tür, um ein kleiner Teil des aufregenden Reudnitzer-Straßenlebens zu werden. Aber, ähm, Moment mal? Hier riecht es, nein, nicht schon nach Frühling, es riecht nach Bier.

Vielleicht hat heute Nacht ja irgendein Obdachloser seine Flasche auf den Gehweg fallen lassen.

Kann sein. Ich gehe einfach mal ein Stück die Straße runter. Doch es riecht immer noch nach Bier. Ob die in der Brauerei irgendwas umgestellt haben? Ich will es wissen und rufe da einfach mal an:

ich erreiche einen Servicemitarbeiter, frage ihn, warum es im ganzen Viertel so nach Bier riecht, er geht zum Geschäftsführer, währenddessen höre ich etwas Warteschleifen-Musik. Und die, die klingt ungefähr so, als würde ich mit zwei Fingern auf einem Kinderklavier spielen und dann, dann bekomme ich endlich mein Statement: „no, da steht der Wind wohl gerade ein bissel ungünstig!“

Achja, der Wind, der Wind … Aber stört dich der Brauereigeruch so sehr?

Naja, mich nicht. Aber für andere könnte das durchaus problematisch werden: denn Forscher der Uni Leipzig haben gerade nachgewiesen, dass speziell trainierte Hunde DNA riechen können.

Das ist ein Sensationsfund zur Aufklärung von Verbrechen. Blöd nur, dass die Hunde im Crime-Hotspot Leipzig-Ost dann ja immer so von dem Biergeruch abgelenkt werden.

Unser Kolumnist Til Schäbitz.
Unser Kolumnist Til Schäbitz wundert sich über den Geruch in seinem Viertel.

Biergeruch und nasser Hund? Das erinnert mich ziemlich ans morgendliche S-Bahnfahren. Ach übrigens, die deutsche Bahn hält ihre vertraglichen Vorschriften als ausführender Betreiber des mitteldeutschen S-Bahnnetzwerkes nicht ein.

Warum erzählst du mir das gerade?

Naja, die S3 zwischen Leipzig und Halle ist nur deswegen so voll, weil die deutsche Bahn einen zu kleinen Zug fahren lässt. Was sagst du dazu?

Ja, klingt ja erst mal nach einem klassischen Thema für Lokalmedien, aber es ist wirklich gar nicht so unproblematisch. Die Züge sind nämlich teilweise so voll, dass man die Leute, die dann an den Bahnsteigen warten, über Lautsprecher dazu auffordern muss, wegen Überfüllung doch lieber die nächste S-Bahn zu nehmen. Blöd nur, dass nicht jeder einfach ‘ne halbe Stunde zu spät kommen kann. Und noch blöder, dass viele Leute dadurch lieber wieder im Stau stehen als ’ne Stunde am Bahnsteig.

So, und wer ist daran jetzt schuld?   

Das ist eben gar nicht so einfach: die deutsche Bahn ist vertraglich dazu verpflichtet, tagsüber eine Mindestkapazität von 300 Sitzplätzen anzubieten. Das entspricht einem zweiteiligen Zug. Wenn sie das nicht einhält, muss sie dem sogenannten Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig eine Strafe zahlen.

Aber das klingt doch ziemlich simpel?

Bisher ja. Die Deutsche Bahn muss wiederum auch eine Strafe zahlen, wenn sie Züge fahren lässt, die mit Graffitis verziert sind. Da es in und um Leipzig gerade einen explosionsartigen Anstieg an Graffitis auf Zügen gibt, gehen der deutschen Bahn die betriebsfähigen Fahrzeuge aus.

Wie könnte man dieses Problem deiner Meinung nach lösen?

Naja, im einfachsten Fall kann man sich über die Jugend von heute beschweren, die Graffitis auf Züge sprüht. Andererseits könnte man sich aber auch bei den Verkehrsbetrieben darüber beschweren, dass besprühte Züge sofort als nicht mehr fahrtüchtig angesehen werden.

Wie wäre es denn mit einem Mittelweg? Ich selbst fahre ziemlich gerne S-Bahn und ich kann es auch nicht leiden, wenn ich durch Graffitis nicht mehr rausgucken kann. Aber ich kann es noch weniger leiden, stetigen Körperkontakt mit fremden Menschen zu haben.

Also liebe Sprayer, lasst doch in Zukunft einfach die Scheiben frei und liebe Verkehrsbetriebe: ein Zug muss kein steriler OP-Saal sein.

 

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