Der Fall Relotius

Ein Genre in Verruf

Claas Relotius hat nicht nur den SPIEGEL in Verruf gebracht, er zieht eine Debatte nach sich, die ein ganzes Genre betrifft: Die Reportage. Dürfen Journalistinnen und Journalisten in Reportagen Tatsachen verändern, wenn es dem Erzählfluss dient?
DER SPIEGEL
Im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE sind in den vergangenen Jahren rund 60 Texte erschienen, die Claas Relotius geschrieben hat.

Claas Relotius hat uns auf ein grundlegendes Problem gestoßen: Die Reportage und unsere Ansprüche daran. Und mit "uns" meine ich uns Journalistinnen und Journalisten. Nicht Sie, liebe Hörerinnen und Hörer. Denn Sie werden in dieser Diskussion leider gar nicht erst gefragt. Was paradox ist, denn schließlich schreiben wir unsere Reportagen für Sie. Aber anstatt Sie zu fragen, was Sie von einer Reportage erwarten, folgen wir lieber dem, was uns andere Journalistinnen und Journalisten erzählen. 

Hohe Ansprüche

Wie oft ich als angehende Journalistin in Seminaren schon Sätze zu hören bekommen habe wie: "Eine Reportage braucht starke Protagonisten!", oder: "Eine gute Reportage geht unter die Haut!" Aber wem wollen wir mit diesem Anspruch eigentlich gerecht werden? Uns selbst oder den Hörerinnen und Hörern? Ach ne, stimmt! Die fragen wir ja gar nicht erst. Stattdessen klappen wir lieber ein Lehrbuch auf, das einst ein Journalist in seinem stillen Kämmerlein für uns geschrieben hat. "Die Reportage" von Michael Haller – ein Standardwerk in der Journalismusausbildung.

Betrügen nach Lehrbuch

Darin schreibt Haller über das "journalistische Realitätsprinzip." Das besage, "dass die zurzeit anzutreffenden Verhältnisse gestalterisch ausgeschöpft, aber nicht entstellt werden dürfen." Was Haller unter "gestalterisch ausgeschöpft" versteht, zeigt er beispielhaft an einer Reportage. Die stammt von Michael Geffken, heute Leiter der Leipzig School of Media, und handelt von einem Tag auf der Rennbahn. Haller schreibt:

Der Verfasser hatte im Verlauf seines Nachmittags auf der Trabrennbahn mehrere Zocker angesprochen und kennengelernt, darunter auch (…) Eddy. Allerdings absolvierte er den Rest des Nachmittags und die Heimfahrt in Begleitung anderer Helfer und Ratgeber. Um nun das Geschehen nicht kompliziert und den roten Faden unübersichtlich werden zu lassen, verschmolz der Autor beim Schreiben der Reportage zwei Zocker zu dem einen Eddy (…) – eine nicht nur zulässige, sondern richtige Montage, weil durch sie ihre Schilderungen aufs Wesentliche vereinfacht, aber die Realitäten nicht entstellt werden.

Michael Haller, "Die Reportage"

Und dann wundert sich die deutsche Medienbranche wochenlang, was Claas Relotius wohl angetrieben haben könnte, obwohl die Antwort – zumindest in Ansätzen – seit Jahrzehnten schwarz auf weiß gedruckt in diesem renommierten Lehrbuch steht. Laut Haller ist eine Montage zulässig, wenn inhaltlich bedeutungslos. Das hat er im Interview mit der taz vor einigen Wochen auch noch mal bekräftigt.

Wann ist eine Reportage wahr?

Und dann sagt Haller noch: Selbst Fakten machen eine Reportage nicht automatisch wahr.

Der Reporter hat viele Möglichkeiten, wie er das, was er erleben will, gestalten kann. Allein die Entscheidung, wann er vor Ort sein will, steuert, welche Situation er antrifft. Die Frau an der Kasse des Supermarkts ist am Morgen anders drauf als in der Rushhour zum Feierabend. (…) Die Organisation des Augenscheins, die Wahl der Protagonisten und Gesprächsthemen gehören zum Gestaltungsraum des Reporters.  

Michael Haller, "Die Reportage"

Was Haller Gestaltungsraum nennt, sind für mich Kompromisse, die ich bei einer Reportage eingehen muss. Der Moment, den ich abgreife; die Beitragsminuten, die ich später habe, um das Erlebte zu erzählen; und mein subjektiver Blick auf das Geschehen – all das verzerrt die Wirklichkeit. Doch gerade deswegen sollten wir dort, wo wir es selbst in der Hand haben, nicht noch mehr Kompromisse eingehen. Als Leserin erwarte ich vielleicht nicht, Eddy jeden Nachmittag beim Pferderennen anzutreffen. Ich erwarte aber durchaus, dass Eddy existiert und zunächst einmal die Möglichkeit besteht, ihn zu treffen.

​Geschichten finden, nicht er​​finden

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte das Handwerk der Reportage, wie es seit Jahrzehnten gelehrt wird, nicht verteufeln. Im Gegenteil: Natürlich ist eine Reportage gut, wenn sie unter die Haut geht. Aber eine Reportage kann eben auch dann gut sein, wenn das nicht der Fall ist. Weil das die Wirklichkeit eben nicht immer hergibt. Und auch das müssen wir abbilden. Schade, dass so was in Seminaren meistens nicht gelehrt wird. Dann würde gar nicht erst dieser Druck entstehen, der Menschen wie Relotius irgendwann Geschichten erfinden lässt.

Dabei muss ich als Journalistin meine Geschichten nicht erfinden, sondern einfach nur finden. Und das geht mit Vorbereitung, Recherche, guter Gesprächsführung und präzisen Beobachtungen. Wer das alles mitbringt, der findet seine eine Geschichte, ganz ohne im Nachhinein etwas zu verdichten.

 

Kommentieren

Was erwarten Sie von einer Reportage?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung!
 

chefredaktion@mephisto976.de

Facebook