Rezension

Ein ganz öffentlicher Abschied

Touché Amoré veröffentlichten bereits drei Alben vor dem Release von "Stage Four". Doch mit dieser Platte schufen sie ihr Meisterwerk. Es ist ein unfassbar persönliches Album, dass der verstorbenen Mutter des Sängers Jeremy Bolm gewidmet ist.
Touché Amoré in Malibu
Touché Amoré

I took inventory of everything I took for granted and I ended up with more than I imagined

...so Jeremy Bolm im Song "Flowers And You". Von diesem ersten Song bis zum letzten sind die Texte so persönlich, dass es einem fast ein bisschen unangenehm ist, zuzuhören. Es ist so, als würde man Gedanken lesen können. Jeremy Bolm nimmt seine Hörer mit in die Tiefen seiner Gefühlswelt, in die er nach dem Tod seiner Mutter fällt. Sie starb an Krebs, was den Titel "Stage Four" erklärt - das vierte Krebsstadium.

Brutal ehrlich

...erzählt Jeremy Bolm von all den Gedanken, die er hatte. Er lässt dabei nichts aus. Auch unangenehme oder gar peinliche Ideen verarbeitet er in seinen Songs: 

Not surprising I put off the call, socialized and put up a wall - anything to prolong the chances, before confirming she was really gone

Er geht dabei sehr hart mit sich selbst ins Gericht. Der Schmerz wird auch durch persönliche Erinnerungen und die Auseinandersetzung mit der Beziehung zu seiner Mutter spürbar. Gleichzeitig sind die Texte so simpel und anschaulich gehalten, dass man sich sofort damit identifizieren kann. In "New Halloween" berichtet Jeremy Bolm davon, dass er kaum fassen kann, dass es bereits ein Jahr her sei, seit seine Mutter verstorben ist. Der Song endet mit der Textzeile "I haven't found that courage to listen to your last message to me".

Mal gewohnt, mal ganz anders

Viele Songs auf "Stage Four" weisen typische Elemente auf, die man von Touché Amoré gewohnt ist. Jeremy Bolms Shout-Stil klingt oftmals wie rauer Gesang, weshalb die Gesangs- und Shoutparts fast schon fließend ineinander übergehen. Außerdem hört man oft eine melancholische Schwere durch die schnellen Gitarren und das prägnante Schlagzeug durchklingen. Dennoch überrascht die Platte auch immer wieder mit völlig unerwarteten Songs. So zum Beispiel dem fünften Track "Benediction". Der klingt viel mehr nach frühen Emo-Bands als nach Post-Hardcore. Es wird durchgängig gesungen und im Refrain findet man sehr pop-rockige Gitarrenmelodien. Auch der letzte Song, der den Namen "Skyscraper" trägt, hält noch eine Überraschung bereit. Hier singt Jeremy Bolm nicht nur stellenweise in einer Art Sprechgesang, er wird dabei auch von Singer-Songerwriterin Julien Baker begleitet. Am Ende des Songs hört man eine Frauenstimme. Es braucht einen Moment, bis man versteht, dass es sich dabei um die letzte AB-Nachricht von Jeremy Bolms Mutter handelt, die in "New Halloween" bereits besungen wurde. Es ist nur eine kurze Nachricht, die nach dem  Ende der Platte noch lange nachwirkt.

Touche Amore - "Skyscraper" (feat. Julien Baker) from Epitaph Records on Vimeo.

"Stage Four" erinnert zwar immer wieder an frühere Werke von Touché Amoré, bietet aber auch sehr viel Neues. Die Musik passt sich hervorragend an die Lyrics an. Diese machen die Platte letztenendes zu dem Meisterwerk, dass sie zweifellos ist. Es ist wirklich beeindruckend, wie Jeremy Bolm es schafft, eine so persönliche und unvergleichbare Erfahrung darzustellen und gleichzeitig eine tiefe Verbundenheit mit dem Hörer aufzubauen.

 

Kommentieren

Gesa Koy
22.09.2016 - 16:09
  Kultur

Tracklist:

 1. Flowers And You*
 2. New Halloween
 3. Rapture*
 4. Displacement
 5. Benediction
 6.Eight Seconds
 7. Palm Dreams
 8. Softer Spoken*
 9. Posing Holy
10. Water Damage
11. Skyscraper

*Anspieltipps