Filmkritik: The Guilty

Ein Film, der im Kopf abläuft

Der minimalistische Telefonthriller „The Guilty“ spielt ausschließlich in der Polizei-Notrufzentrale und wartet mit nur einem sichtbaren Protagonisten auf. Ein kühnes Konzept im Sehmedium Kino, das erstaunlich gut funktioniert!
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Asger Holm (Jakob Cedergren) an seinem Arbeits- und alleinigen Schauplatz von "The Guilty": der Kopenhagener Notrufzentrale.
Kinoredakteurin Karen Müller im Gespräch mit Moderatorin Sophie Rauch über "The Guilty"
2410 SG The Guilty

Bei seinem ersten Leinwandauftritt wirkt Asger Holm (elektrisierend: Jakob Cedergren) noch gefasst und einigermaßen aufgeräumt – sprich: Herr der Lage. In den folgenden spannend-kurzweiligen 85 Minuten wird er mehr und mehr die Kontrolle verlieren: Irgendwann liegen die Nerven derart blank, dass er infolge eines Wutausbruchs seine Schreibtischlampe samt Telefonanlage demoliert.

Erst Dienst nach Vorschrift...

Mit einer Mischung aus herablassender Gefälligkeit und gelangweilter Routine nimmt der ehemalige Polizist zu Filmbeginn jedoch erst einmal die Anrufe verzweifelter Hilfesuchender entgegen. Es ist seine letzte Arbeitsschicht im Callcenter der Polizei Kopenhagens. Durch diverse Telefonate mit Vorgesetzten, Kollegen und panischen Anrufern wird schnell ersichtlich: Asger erweckt nicht gerade den Eindruck, ein großer Menschenfreund zu sein. So manchen Pechvogel am anderen Ende der Leitung hält der Zyniker absichtlich hin, bevor er eine Streife auf den Weg schickt. Ein anderes Mal wimmelt er einen aufgelösten, offensichtlich unter Drogeneinfluss stehenden Mann entnervt mit den Worten „Das hast du dir selbst eingebrockt“ ab.

Wer den zahlreichen Headsetgesprächen aufmerksam lauscht, wird über eine weitere Facette von Asgers ambivalenten Charakter aufgeklärt: Der unleidliche Zeitgenosse ist unfreiwillig an seinen Schreibtisch, oder besser gesagt Monitor, gekettet. Asger wurde strafversetzt – aufgrund eines tödlich endenden Zwischenfalls im polizeilichen Außeneinsatz, wegen dem er sich am nächsten Tag vor Gericht zu verantworten hat. 

...dann Befreiungsmission unter Zeitdruck und Missachtung jeglicher Regel 

Ein eingehender Notruf kurz vor Schichtende lässt Asger sein lustloses „Dienst nach Vorschrift“-Gebaren vergessen. Mit Hochdruck arbeitet er fortan daran, den Aufenthaltsort von Iben (Jessica Dinnage), einem Entführungsopfer im weißen Transporter, zu ermitteln und dafür zu sorgen, dass die junge Frau unbeschadet nach Hause zurückkehrt. Immerhin hat er das Ibens kleiner, angsterfüllter Tochter zugesichert. Jenes Versprechen einzulösen, wird an diesem langen, nervenaufreibenden Abend zu Asgers Besessenheit. Seine einzigen Waffen bei dieser Rettungsmission aus der Ferne: Ein Telefon und sein vermeintlich untrüglicher, detektivischer Spürsinn…

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Jakob Cedergren in "The Guilty"

Rätsel- und Geduldsspiel

„The Guilty“ ist packendes Kopfkino im doppelten Sinne: Der Psychothriller funktioniert bestens auf der Ebene eines „klassischen“ Rätselkrimis zum Mitdenken und Mitfiebern. An der Seite von Asger (wie das Publikum an einen Stuhl gefesselt) lauscht man angestrengt den Stimmen und Hintergrundgeräuschen am Telefon; versucht, die neugewonnenen Informationen richtig zu deuten – und zieht mitunter dieselben (voreiligen) Schlüsse, nur um am Ende bestürzt feststellen zu müssen: Die Enthüllungen, die Asger im Laufe seiner unermüdlichen Ermittlungsarbeiten zu Tage fördert, sind nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. 

Minimalismus gibt den Ton an

Der Film taucht ganz in die subjektive Perspektive der Hauptfigur ein, verharrt über die gesamte Laufzeit an ein und demselben, klaustrophobischen Handlungsort – der Notrufzentrale. Unweigerlich sorgt diese inszenatorische Entscheidung für eine eingeschränkte Sinneswahrnehmung. Wiederholt dirigiert der selbstsicher-zynische (Anti)Held seine Mitmenschen per Headset, erteilt seinem Kumpel und Kollegen rechtswidrige Befehle („Brich ins Haus ein!“). Nur mit seiner Stimme nimmt er Einfluss auf das Geschehen außerhalb seiner Reichweite. Je weiter die Handlung jedoch voranschreitet, desto deutlicher wird einem auch die Ohnmacht des Beamten vor Augen geführt. Asger ist – wieder eine Parallele zum Publikum – zum passiven Zuhören verdammt und muss sich blindlings darauf verlassen, dass die Person am anderen Ende der Leitung die Situation vor Ort korrekt einschätzt. Aus dieser Diskrepanz – zwischen Gehörtem und den fehlenden Bildern dazu – zieht „The Guilty“ ein großes Maß an Spannung. 

Bilder im Kopf statt auf der Leinwand

Regisseur Gustav Möller erreicht in seinem Spielfilmdebüt auch deshalb eine solch fiebrige Intensität und Beklemmung, weil sich ein Großteil der Geschichte im Kopf des Publikums abspielt – wie in einem alten Paul-Temple-Hörspiel. Die lebhafte Tonspur, auf der es ordentlich knirscht, knackt und prasselt, regt dazu an, die eigene Fantasie zu benutzen, sich das Grauen quasi in "Eigenregie" auszumalen. Dadurch entfaltet der Krimi eine tiefere, psychologische Wirkung, als wenn Gewalttaten auf der Leinwand einfach reißerisch zur Schau gestellt würden. 

Manchmal ist weniger mehr

"The Guilty" ist ein kompromissloser wie innovativer Kammerspielthriller, der mit einer ausgefeilten Dramaturgie, inszenatorischen Klarheit und einem tollen Hauptdarsteller punktet: Zügig erzählt, abwechslungsreich gefilmt – und zwischendurch blitzt immer mal wieder staubtrockener Humor auf. Selbst dann, wenn die endlose Telefoniererei droht, die Geduld des Publikums überzustrapazieren, nimmt die verzwickte Geschichte eine unerwartete Wendung, die alles in neuem Licht erscheinen lässt. Kurzum: Dieser fesselnde Entführungsthriller geht wunderbar ins Ohr und bleibt auch noch Tage nach Sichtung dort, wo Filme idealerweise hängen bleiben (sollten): im Kopf.

The Guilty Trailer

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The Guilty

Regie: Gustav Möller

FSK: 12

Laufzeit: 85 Minuten

Kinostart: 18.10.2018

Cast: Jakob Cedergren, Jessica Dinnage, Omar Shargawi, Johan Olsen, Jacob Lohmann