Frisch gepresst: Ezra Furman

Ein Engel aus Menschenhand

Verliebt in einen Engel - um dieses Szenario geht es auf Ezra Furmans neuem Album „Transangelic Exodus“. Furman erzählt uns eine besondere Liebesgeschichte mit tiefmenschlichen Gefühlen.
Ezra Furman
„A personal companion for a paranoid road trip. A queer outlaw saga“ - so beschreibt Ezra Furman „Transangelic Exodus“.

Mit abgetragenem Make-up und zerrissener Netzstrumpfhose sitzt Ezra Furman auf der Motorhaube eines Autos. Der Wagen steht auf einer leeren Straße, darüber ein grauer Himmel. Die Szenerie dieses Fotos schwankt zwischen Road-Trip-Flair und angespannter Fluchtatmosphäre.

Wäre „Transangelic Exodus“ ein Film, dann gäbe Furmans aktuelles Pressefoto ein hervorragendes Filmplakat ab. Gar nicht mal so abwegig, denn die Geschichte hinter „Transangelic Exodus“ ist filmreif: Furman verliebt sich in einen Engel. Die Regierung aber verbietet Engel und sämtliche Beziehungen zu ihnen. Deshalb flüchtet Furman mit seiner Liebschaft. Die Besonderheit an dieser Geschichte: Engel sind keine übermenschlichen Wesen, die gefallen oder nach Nephilim-Manier auf die Erde gekommen sind. Es sind Menschen, die sich zu Engeln haben umoperieren lassen. Ihre Flügel sind Folge eines medizinischen Eingriffs. Die meisten Nicht-Engel sind wenig begeistert von der Entwicklung in Ezra Furmans romanwürdiger Geschichte: Sie finden Engel unnatürlich, ekelhaft, fürchten sich vor Ansteckungen und verbieten sie deshalb.

Unnatürlich, ekelhaft, ansteckend – Worte, die wir auch im Zusammenhang mit queeren Menschen immer wieder hören. Die Beschreibungen passen auf sie ebenso wenig wie auf Furmans Engel, Ablehnung und Abgrenzung sind für sie dafür umso realer. Auf „Transangelic Exodus“ positioniert sich Ezra Furman – selbst genderfluid – zur amerikanischen Genderpolitik und der Anti-Transattitüde.

Von Trans-Engeln und Menschenproblemen

Die 13 Songs handeln von Liebe, Gender, Sexualität und Religion. Musikalisch bewegt sich Furman zwischen klassischem Singer-Songwriter Handwerk und dezentem Pop. In vielen Songs findet man Referenzen zu seinen Trans-Engeln. In „Driving Down To L.A.“ - einem wunderbar stimmungsvollen, sich aufbauendem Track mit ungehaltenem Refrain - erzählt er, wie er mit seinem Geliebten nach Los Angeles flieht. „Suck The Blood From My Wound“ und „No Place“ sind weitere Earcatcher – packend, dynamisch, aber nie überladen. Andere Songs sind deutlich ruhiger. In „God Lifts Up The Lowly“ singt Furman mit brüchiger Stimme, begleitet von Streichern. Dadurch wird es zu einem der Stücke, die Gefühle wie Einsamkeit und Unruhe besonders gut einfangen. Präsent sind sie fast auf jedem Song, stechen aber besonders in den langsameren Tracks merklich hervor.

Ezra Furman - Meister der guten Geschichte

„A personal companion for a paranoid road trip. A queer outlaw saga“ – so beschreibt Ezra Furman sein Album und liefert damit selbst die perfekte Zusammenfassung. Er zeigt uns eine Liebesgeschichte und eine Flucht, beide mit ihren Höhen und Tiefen. Seine Songs sind ausdrucksstark, aber minimalistisch. Gitarren und Schlagzeug, noch ein paar Bläser hier und ein paar elektronische Verzerrungen da – das Album brilliert durch seinen Minimalismus. „Transangelic Exodus“ sind 13 Songs, die stimmig und abwechslungsreich sind; die fordern, ohne zu überfordern, indem sie spannende und emotionale Geschichten erzählen. Ezra Furmans Musik ähnelt seinen Trans-Engeln: Sie sind bis obenhin voll mit komplizierten Gefühlen, stechen heraus und es fällt unfassbar leicht, sich in sie zu verlieben. 

 

Kommentieren

Ezra Furman: Transangelic Exodus

Tracklist:

*Anspieltipps

1.  Suck The Blood From My Wound*
2. Driving Down To L.A.*
3. God Lifts Up The Lowly
4. No Place*
5. The Great Unknown
6. Compulsive Liar
7. Maraschino-Red Dress $8.99 at Goodwill
8. From A Beach House
9. Love You So Bad
10. Come Here Get Away From Me
11. Peel My Orange Every Morning
12. Psalm 151
13. I Lost My Innocence*

Erscheinungsdatum: 09.02.2018
Bella Union