Unkommentierte Version von "Mein Kampf"

"Ein Bruch im Umgang!"

Der rechte Leipziger Schelm-Verlag will "Mein Kampf" unkommentiert veröffentlichen. Medienwissenschaftler Thomas Keiderling hält das aus mehreren Gründen für unklug.
Wie gefährlich können Bücher sein?
Wie gefährlich können Bücher sein?

Der Leipziger Schelm-Verlag kündigt auf seiner Website an, Hitlers "Mein Kampf" ab Sommer 2016 unkommentiert zu verkaufen. Aus Sicht des Urheberrechts sei das auch kein Problem, sagt Dr. habil. Thomas Keiderling, Dozent für Medien- und Buchwissenschaften an der Universität Leipzig. Er gibt Seminare zu Medien im Dritten Reich. "Mein Kampf" sei dort unter anderem auch ein Thema. Nach geltendem Urheberrecht sei jedes Buch bis zum 70. Todestag des Autors geschützt, dann werde es gemeinfrei. Seit 2016 befänden wir uns deshalb in der Situation, dass jeder das Buch nachdrucken kann. Strafrechtlich verhindern könne man die Veröffentlichung nur, wenn die Rechte weiterhin beim Freistaat Bayern, vertreten durch das Bayerische Staatsministerium der Finanzen, liegen würden. Dieser bemühe sich im Moment, die Urheberrechte wieder zu bekommen, weil sie das Buch als volksverhetzend einstufen, so Keiderling weiter.

Mit "Mein Kampf" auf Lesereise gehen

Keiderling selbst würde die Inhalte des Buchs nicht als gefährlich einstufen, diese seien für jeden online problemlos aufrufbar. Bei der Veröffentlichung ginge es viel mehr um den Symbolcharakter, den das Buch besitzt. "Mein Kampf" in Schaufenstern ausstellen, auf Lesereise gehen – das hält Keiderling für problematisch:

Das wäre sozusagen ein Bruch im Umgang mit diesem volksverhetzenden Buch. Und ich denke, dass dieser Verleger oder auch andere, die das vorhaben, große Schwierigkeiten bekommen werden.

Thomas Keiderling, Dozent für Medien- und Buchwissenschaften

Der Schelm-Verlag könne aber erstmal versuchen, das Buch rauszubringen. Eine Anzeige würde sicher schnell folgen. Es gebe bestimmt Hebel, die Veröffentlichung zu stoppen, so Keiderling weiter. Finanziell würde sich "Mein Kampf" für den Schelm-Verlag nicht lohnen:

Rein verlegerisch macht es gar keinen Sinn, das Buch zu verlegen, weil es schon in vielen Exemplaren kusiert. [...] Das heißt ein Geschäft wird es nicht sein, dieses Buch herauszubringen.

Thomas Keiderling, Dozent für Medien- und Buchwissenschaften

Das Buch wurde insgesamt über 10 Millionen Mal verkauft, die zuletzt veröffentlichte kritisch kommentierte Version des Buchs knapp 12.000 Mal. Und das auch nur, weil sie einen Mehrwert hatte, so Keiderling weiter. Der Text sei heute teilweise unverständlich, weil Hitler Begriffe verwendet habe, die nur für Zeitgenossen verständlich seien. Deshalb seien die Inhalte erst durch die Kommentierung erschließbar.

mephisto 97.6 Redakteur Marc Zimmer hat mit Thomas Keiderling gesprochen und weiß, wieso die Vervielfältigung von "Mein Kampf" zum Problem werden könnte: 

mephisto 97.6 Redakteur Marc Zimmer im Gespräch zur unkommentierten "Mein Kampf" Version
 

Rechtfertigung des Verlags

Als Grund für die Veröffentlichung gibt der Verlag an, dem "mündigen Staatsbürger, [...], im Rahmen seiner Nachdrucke vorkonstitutionellen Schrifttums Adolf Hitlers Buch 'Mein Kampf' unkommentiert und unverändert zur kritischen Bewertung" vorlegen zu wollen. Von der im April veröffentlichten kritisch kommentierten Version halte der Verlag nicht viel. Man orientiere sich stattdessen lieber an Immanuel Kant, der im Rahmen der Aufklärung 1784 dazu aufrief, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen – das mache eine unkommentierte Version des Buchs möglich. 

Distanzieren von "die menschliche Würde angreifenden Passagen"

Reaktionen auf die Ankündigung des Verlags gab es viele. Unter anderem wurden in der BILD-Zeitung zwei Artikel zu den Plänen von Schelm-Chef Adrian Preißinger veröffentlicht. Dieser gibt auf der Schelm-Seite an, sich von "jedwegen verleumderischen, hetzerischen, beleidigenden und die menschliche Würde angreifenden" Passagen zu distanzieren und "ausschließlich bewertungsfrei" über historische Vorgänge zu informieren. Die Nachricht, die er an BILD-Chefreporter Saure geschrieben und auf der Schelm-Seite veröffentlicht hat, zeichnet aber ein anderes Bild:

Ich Banause begriff bisher [...] nicht, daß unterbelichtete Durchschnittsbürger nicht in der Lage sind, den heimtückischen Charakter des rassistischen Pamphlets 'Mein Kampf' des Dämonen Adolf Hitler zu durchschauen, wenn aufgeklärte Intellektuelle wie unsere hochwohlgeborenen Historiker – Jahve schütze sie! – ihnen keine Erklärungshilfe bieten.

In der Nachricht schreibt er außerdem von den "Platzhirschen der Juden–Lobby" und den "Oberjidden" – diese schmissen das Stöckchen, "Journaillisten, Politiker, das Bayerische Justizministerium und die Generalstaatsanwaltschaft von Bamberg (Oberfranken)" würden brav apportieren.

 

Kommentare

Das Buch ist gemeinfrei und alles andere als die Freigabe ist Zensur. Abgesehen davon kostet die kommentierte Ausgabe 59€ - viel zu teuer. Man fragt sich auch, wozu das Thema NS im Geschichtsunterricht behandelt wird, wenn der Bürger dann doch nicht in der Lage ist, dieses Buch ohne Anleitung zu lesen.

@Die Party Hannover-Ost ,
Du hast vollkommen recht. Überall (in Medien, Schulen, Universitäten usw.) wird über die NS-Zeit referiert, aber wenn man sich dann mal selber darüber informieren möchte, dann werden einen noch Steine in den Weg gelegt. Was interessiert mich die Meinung von irgendwelchen Historikern, die "Mein Kampf" kommentiert veröffentlicht haben. Ich möchte mir meine eigene Meinung über dieses Buch bilden, und das ist nur möglich, wenn man "Mein Kampf" UNKOMMENTIERT verkauft. Wir wissen doch alle, dass Historiker gerade in Deutschland nicht Bewertungsneutral informieren dürfen, sondern befangen agieren! .-(

@Edna Übel Ich finde generell, das man jedes Buch, über welches hier diskutiert wird, gelesen haben muß um mitreden zu können. Die Vielzahl dieser Diskutanten haben das Buch nie gelesen und können so auch keinen objektiven Beitrag leisten. Es ist sicher nicht leicht die über 800 Seiten zu lesen, aber nur so erhält man den wahren Eindruck und versteht auch warum das Buch verboten wurde. Übrigens die größte Bücherverbrennung fand nach 1945 statt. Man kann Gedanken und Bücher durch Verbot und Verbrennung nicht auslöschen. Wer sich dafür interessiert sollte es lesen können und sich seine eigene Meinung bilden.

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Marisa Becker
26.05.2016 - 18:37