Audiodeskription

Durch Stimme sehen

Wenn blinde oder sehbehinderte Sportbegeisterte an sportlichen Events teilnehmen, können sogenannte Blindenreporterinnen und -reporter helfen, die vielen Eindrücke einzuordnen - so auch bei der Deutschen Meisterschaft im Leichtathletik in Leipzig.
Die Blindenreporter mit einem Gast bei der Leichtathletik DM in Leipzig

Große Sportveranstaltungen sind oft eine auditive Reizüberflutung – das laute Klatschen und Anfeuern der Zuschauenden, die Startschüsse, die schnellen Schritte auf dem Hallenboden, der Jubel der Sportlerinnen und Sportler… Menschen, deren Sehsinn eingeschränkt ist, fällt es dabei schwer, die vielen Eindrücke einzuordnen und das sportliche Erlebnis richtig zu genießen. Mittlerweile unterstützen oft ausgebildete Blindenreporterinnen und -reporter bei diesen Veranstaltungen die Gäste.  Über ein Audioguidesystem, ähnlich wie in Galerien oder Museen, bekommen die Gäste live eine noch detaillierte Beschreibung des Geschehens, als sie vielleicht durch Kommentierende erfolgen könnte.

Nahe am Geschehen sein

Ein Blindenreporter ist Sportjournalist Florian Eib: „Unser Ziel ist es, in die Gesellschaft zu tragen, dass es Menschen mit Sehbehinderung gibt, die auch Lust haben, an solchen Events teilzunehmen“ meint der Leipziger. Dieses Ziel verfolgt auch die Sport-Inklusionsmanagerin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Bettina Andres. Auch für sie ist die Teilhabe am Sport ein ganz wichtiger Punkt: „Die Leichtathletik ist unglaublich vielseitig und das wollen wir auch für das Publikum. Die Stimmung, das ist das, was den Unterschied macht, im Gegensatz zu den Übertragungen im Fernsehen.“ Bei den Europameisterschaften im letzten Jahr und bei einzelnen Deutschen Freiluftmeisterschaften gab es dieses Angebot bereits. Durch die Initiative der Blindenreporterinnen und -reporter und die Unterstützung der Gemeinschaft Deutscher Blindenfreunde e.V. und des Lions Club Leipzig können auch sehbehinderte Gäste die Deutsche Leichtathletikhallenmeisterschaft erleben. Nachdem der Vorschlag an den DLV herangetragen wurde, sei man sehr darauf bedacht gewesen, dies auch umsetzen zu können, so Andres.  

Eine möglichst genaue Beschreibung

Die Arbeit der Reporterinnen und Reporter beginnt schon deutlich vor den eigentlichen Wettkämpfen. Etwa zwei Stunden vorher sind sie in der Halle, prüfen die Technik und machen sich mit den Gegebenheiten vertraut. Sie sind es auch, die die sehbehinderten Fans in die Halle bringen und ihnen zunächst ganz genau die Arena beschreiben: Details wie Fußbodenfarben oder die Position der einzelnen Wettkampfstätten, all das gibt den Gästen ein möglichst genaues Bild.

„Die Halle wird in ihrer Gänze jetzt mal ausgenutzt. Eine blaue Tartanbahn schlingt sich einmal komplett um die Innenhalle herum. […] Direkt vor euch auf, so ungefähr auf 11:00 Uhr (oder eher 11.30 Uhr) schräg vor euch ist der Kasten, in den zum Beispiel beim Dreisprung reingesprungen wird. Auf der euch abgewandten Seite ganz links ist die Stabhochsprunganlage. Eine große grau-schwarz-gelbe Matte mit den langen großen Pfosten, wo dann noch die Stange draufgesetzt wird…“

 

Ausschnitt aus der Audiodeskription

Mit Beginn der Wettkämpfe heißt es dann für die Reporterinnen und Reporter: Volle Konzentration. Und das über knapp drei Stunden. Es wird nur kurz innegehalten, wenn Ansagen von den Hallenkommentierenden ertönen oder Interviews mit den Teilnehmenden geführt werden. Ansonsten wird durchgängig gesprochen: Ein Job, der ordentlich auf die Stimmbänder geht. Um die trotzdem zu schonen, teilen sich zwei Sprecherinnen und Sprecher je eine Schicht: zwei übernehmen die erste Hälfte, zwei die andere. Immer abwechselnd beschreiben sie alle Einzelheiten.

Viele Sportarten, Schnelle Wechsel

Florian Eib erklärt, welche Herausforderungen sich für die Reporterinnen und Reporter ergeben, denn die sind normalerweise eher im Fußball oder im Handball Zuhause: „Es sind sehr viele Sportarten, mit denen wir uns intensiv auseinandersetzen mussten. Es ist wesentlich abwechslungsreicher als zum Beispiel beim Fußball oder beim Handball. Außerdem braucht man glaube ich mehr Faktenwissen als in anderen Sportarten, wenn man zum Beispiel bestimmte Weiten einschätzen muss. Das kann man den Gästen mit an die Hand geben.“ Zudem laufen die Wettkämpfe meist parallel, sodass schnelle Wechsel gefragt sind. Bis zu vier Disziplinen finden teilweise nebeneinander statt: Vom Weitsprung, zum Kugelstoßen bis zum 800-Meter-Lauf und wieder zurück müssen sich die Reporterinnen und Reporter schnell umstellen. Nicht nur die Bewegungsabläufe, sondern auch Aussehen und Reaktionen der Sportlerinnen und Sportler fließen bei den Beschreibungen mit ein. Jede dieser Einzelheiten lässt im Kopf der Gäste ein Bild entstehen.  

„…und da haben wir Stefanie Kuhl aus Potsdam, Brandenburg. Langes blondes Haar mit einem Haarband nach hinten und offen getragen…ein rotes Trikot hat sie an…“

 

Ausschnitt aus der Audiodeskription

Da lautet das Fazit von Eib nach zwei Tagen nicht ohne Grund: „Ich bin jetzt erstmal platt im Kopf. Es war sehr anstrengend.“ Aber er ergänzt: „Es macht auch total Spaß. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir auch die kommenden Wettkämpfe mit der Bildbeschreibung ausstatten können und wir da viele Gäste haben.“ Auch Bettina Andres vom DLV zieht eine positive Bilanz: „Ich habe mich mit den Gästen persönlich unterhalten und sie waren alle sehr angetan.“ In Zukunft plane man die Audiodeskription mit in das Hallen- und Freiluftprogramm aufzunehmen.

 

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