Filmkritik: Revenge

Du willst sie triumphieren sehen

Drei bewaffnete Fieslinge und eine doppelt penetrierte Frau machen in wüstenähnlicher Ödnis Jagd aufeinander. Unterschätze niemals sexy Blondinen, v.a. wenn sie schießen können. Das ist die schmerzhafte Lektion für ein Männertrio in "Revenge".
Revenge
Ganz Lolita: Bei ihrem ersten Leinwandauftritt trägt Jen (Matilda Lutz) Sonnenbrille und lutscht lasziv am Lolli.

Das Studiogespräch zum Nachhören:

Kinoredakteurin Karen Müller im Gespräch mit Moderator Moritz Döring
SG zu "Revenge"

Wenn einer der Großwildjäger das saftige Prachtexemplar von Beute erspäht, filmt die voyeuristische Kamera diesen ersten Sichtkontakt durch die - typisch weiblich - pink getönte Terassenglasscheibe einer mondänen Wüsten-Villa. Wie durch ein Schaufenster blickt man über seine Schulter auf einen wahrgewordenen Männertraum, eine zum Leben erweckte Barbiepuppe, die das andere Geschlecht mehr noch als die Gluthitze ins Schwitzen bringt: Blonde Lockenmähne, ein sinnlicher Mund, der gebräunte und durchtrainierte Körper (scheint einem Werbespot für Victoria-Secrets-Unterwäsche entstiegen zu sein) ist nur mit einem mädchenhaft rosafarbenen Tanktop und roten Slip bedeckt. Ein makelloser Anblick, der keine erotischen Wünsche offen lässt, möchte man meinen - gleichzeitig könnte die sexuelle Objektivierung nicht größer sein.

Jagdsaison eröffnet

Die zwei urplötzlich aufgetauchten Männer sind für kurze Zeit zu Salzsäulen erstarrt, gaffen ungeniert die junge Frau namens Jennifer (Matilda Anna Ingrid Lutz) an. Ein Lippen lecken können sie sich gerade noch verkneifen, bevor sie vom Hausherrn Richard (Kevin Janssens), Jens vermögenden und verheirateten Sonnyboyfriend, ungehalten in das offene Wohnzimmer gelassen werden. Es folgt peinlich berührtes Schweigen. Schließlich stellt das Alpha-Männchen - Richard - Jen pflichtbewusst seine französischen Geschäftspartner vor. Stan (Vincent Colombe) und Dimitri (Guillaume Bouchède) sind für den traditionellen Männerausflug - natürlich gehen sie jagen - zu früh eingetroffen. Die lüsternen Kumpel stören Richards romantischen Kurzurlaub mit seiner lolitahaften Gespielin. Das in gleißendes Sonnenlicht getauchte Luxus-Feriendomizil bietet hierfür den perfekten Rückzugsort: Das Anwesen ist so einsam gelegen, dass man es nur per Helikopter erreichen kann.

Fressen oder gefressen werden

Mit der Ankunft von Richards Freunden kippt die Stimmung. Die sonst so friedliche Stille hat etwas beunruhigend Trügerisches an sich. Darüber kann auch nicht eine rauschhafte Pool-Party am Abend hinwegtäuschen. Direkt bei sich erst bietender Gelegenheit zeigen die Neuankömmlinge ihr wahres Gesicht: Während Stan Jen brutal vergewaltigt, blendet Komplize Dimitri ihre markerschütternden Schreie Unterwasser im Swimmingpool aus. Um das Verbrechen zu vertuschen, gibt sich ausgerechnet Richard als größter Schuft der 3 Misogynisten zu erkennen und stößt seine Freundin von einer monströsen Klippe. Wie durch ein Wunder überlebt Jennifer den Mordanschlag. Zwischen Jägern und Gejagter entspinnt sich in der Wüsteneinöde ein enervierendes Katz-und-Maus-Spiel.

Revenge Trailer

Kinematografischer Leckerbissen oder Augenschmaus?

Am besten vergleicht man diesen abgefahren-unterhaltsamen Vergeltungs-Reißer mit einem Gourmet-Steak: Vom Sternekoch zubereitet, kein Gramm Fett zuviel dran, schön saftig und vor allem blutig (Nichts für Leute mit Blutphobie, Zartbesaitete oder reaktionäre Frauen-in-die-Küche-Beorderer).

So wie Jen zu Filmbeginn ungeniert als personifiziertes "Eye Candy" vorgestellt wird (obligatorische "Butt-Shots" inklusive), nimmt auch "Revenge" den Blick des Publikums gefangen. Der Horror-Thriller verwöhnt die Netzhaut zunächst mit umwerfend schönen Hochglanzbildern, leuchtend-saturierten Farben und glänzenden (Körper-)Oberflächen.

Später dann, wenn die teure Einrichtungsgarnitur der Villa ruiniert ist, die perfekt geformten Körper blutüberströmt sind und sich die durchgestylte Pop-Art-Welt von "Revenge" wortwörtlich blutrot färbt, verschiebt sich der Unterhaltungswert hin zu etwas anderem, nicht minder Reizvollem: In einigen Momenten kaut man vor Anspannung an den Nägeln, empfindet gerechte Genugtuung angesichts der grausamen Verstümmelungen der Bad guys und amüsiert sich köstlich über die zunehmende Absurdität dieses blutgetränkten Gewaltexzesses.  

Survival is a bitch

Daneben überzeugt die Französin Coralie Fargeat in ihrem furiosen Regiedebüt auch auf anderer Ebene: Empathie mit der Heldin erzeugen und raffiniert mit Genrekonventionen und Geschlechterklischees spielen.

Glücklichweise tappt Fargeat nicht in die "Mary Sue"-Falle à la Star Wars. Die Hauptfigur verkommt nie zur gefühlskalten und unbesiegbaren Killermaschine, die ein Bangen seitens des Publikums überflüssig macht. Im Gegenteil! Jen entwickelt sich zwar zu einer einfallsreichen Überlebenskünstlerin, die von ihren Widersachern sträflich unterschätzt wird, aber schenken tun ihr die Männer trotzdem nichts. Gerade, weil sie Fehler begeht und ordentlich Lehrgeld zahlen muss, wirkt sie (bis auf zwei vor Symbolismus triefende, herrlich trashige Szenen, in denen ein Feuerzeug bzw. eine Bierdose zum Einsatz kommt) sehr menschlich.

Die Regisseurin versetzt einen die meiste Zeit subjektiv in die Lage der Protagonistin. Durch wiederholt geschickte Perspektivenwechsel antizipiert man die lauernde Gefahr und die Spannungsschraube wird bis zum Anschlag angezogen. Umso mehr fiebert man in diesen Duell-Szenen mit dem Underdog mit und drückt der zur toughen Kampf-Amazone gereiften Jen für den Sieg über ihre Peiniger fest die Daumen.

Revenge
DIe Transformation von Jennifer (Martilda Lutz) ist beendet.

Wie Phönix aus der Asche

Besonders auffällig ist, wie Coralie Fargeat Jens Transformationsprozess vom sexualisierten Lustobjekt zur selbstermächtigen Rächerin visuell umsetzt. Während sich die Kamera anfangs ausgiebig an ihrem leicht bekleideten Knack-Po weidet, Jen also explizit für den Male Gaze herrichtet, wird diese für "Exploitationfilme" übliche Inszenierungsart mit ihrer spirituellen Wiederkehr fallengelassen.

In einer bemerkenswerten Szene rotiert die dynamische Kamera um Jens geschundenen, aber gleichzeitig gestählten Körper, schraubt sich vom Boden ausgehend in Richtung ihres oberen Rumpfes. Die junge Frau mag zwar notgedrungen immer noch halbnackt sein; der Seheffekt ist jedoch ein gänzlich anderer: Hier lässt man die Hauptfigur für das erbarmungslos-zielstrebige Badass hochleben, in das sie sich mittlerweile verwandelt hat.

Und der Kreis schließt sich...

Die zunehmend genderuntypische Darstellung ist dabei nicht exklusiv auf die tapfer kämpfende Heldin beschränkt, sondern gilt auch für die arroganten Antagonisten. Fast jede visuelle Enthüllung, jede neue Dialogzeile (viele sind es allgemein nicht) stellt eine traditionell Frauen bzw. Männern zugeschriebene Charaktereigenschaft auf den Kopf. Immer mehr verflüssigen sich die Geschlechtergrenzen. Auf die Spitze getrieben wird dieses Umkehr-Prinzip in dem grandios nervenzerreißenden Blutbad-Showdown.

Erneut schleicht sich ein Räuber scheinbar lautlos an seine Beute heran, überrumpelt den mittlerweile splitterfasernackten, sich in falscher Sicherheit wiegenden Angsthasen. Die Geschichte wiederholt sich - aber mit vertauschten Rollen. Wie paralysiert starrt der Gejagte durch eine - welche Ironie - blaue Glasscheibe eine erfahrene Jägerin an. Entschlossen visiert die begnadete Scharfschützin ihre Trophäe an, bereit zur finalen Abrechnung. Denn: Alle guten Dinge sind bekanntlich drei.

"Revenge" Score

 

 

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Revenge

ab 23. August auf DVD und Bluray

Regie/Drehbuch: Coralie Fargeat

Cast: Matilda Lutz, Kevin Janssens, Vincent Colombe, Guillaume Bouchède

Laufzeit: 108 Minuten 

FSK: 18