Frisch Gepresst: LIFE

Dreckig, rotzig, liebevoll

Die britische Rockband LIFE ist mit ihrem zweiten Album „A Picture Of Good Health“ zurück – und fügt dem britischen Post-Punk-Revival der letzten Jahre ein weiteres gutes Album hinzu.

Die Stadt Kingston upon Hull an der Ostküste Englands hat in Großbritannien keinen guten Ruf. Der Fußball ist schlecht, der Hafen ist hässlich, bekannte Sehenswürdigkeiten gibt es eigentlich keine. Auf der britischen Insel gibt es deswegen die Redewendung „Hull is dull“ – „Hull ist öde“. Den Vorwurf der Langeweile müssen sich die Bandmitglieder von LIFE aber nicht gefallen lassen. Obwohl sie aus Kingston upon Hull kommen, ist ihr neues Album vor allem eines nicht – öde.

Noch besser als zuvor

„A Picture Of Good Health“ macht vieles besser, was die Band 2016 mit ihrer Platte „Popular Music“ angedeutet hatte. Zuallererst fällt auf: Die Produktion und der Mix sind klarer, ohne die Rohheit der Gruppe unter den Tisch fallen zu lassen. Das darf hauptsächlich Luke Smith („Foals“) und Claudius Mittendorfer („Parquet Courts“) zugerechnet werden, die das Album produziert bzw. gemischt haben. Das gibt der Band die Möglichkeit, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Und das funktioniert: Die Songs sind noch eingängiger und dreckiger geworden. Hypnotische E- und Bassgitarrenloops, schnelle Drums, so wenig Akkorde wie möglich: LIFE macht genau das ziemlich routiniert über die Länge des Albums hinweg, erfindet damit aber ehrlicherweise auch das Rad nicht neu.

Beeindruckender Frontsänger

Ein weiteres Highlight der Platte: Frontsänger Mez Green. Seine Stimme ist noch ausufernder, noch ausdrucksstärker. Bestes Beispiel ist der Albumopener, „Good Health“. Nahe an der Kopfstimme fast schreiend und gefühlt ganz knapp am inneren Kollaps vorbei, singt er dabei auch ein paar der einprägsamsten Zeilen des Albums:

And it feels like your life must mean something
But it points to nothing
It's what fucking happens

LIFE im Song "Good Health"

Die Platte lebt enorm von der Attitüde und der Energie des Frontsängers. Selbst langsamere Songs wie „Bum Hour“, eine Ode ans Nichtstun und Faulsein, sind absolute Highlights. Auf die ruhigeren Strophen, in welchen Green schon fast divenhaft seinen drögen Alltag beschreibt, folgt ein Refrain wie eine Polizeisirene: mit jaulenden Gitarrenriffs und einem brüllenden Frontsänger.

Wenn Liebe zu Punk wird

LIFE ist für ihre politischen Texte bekannt, setzt das auf „A Picture Of Good Health“ aber abstrakter um. Auf dem neuen Album macht die Band eher an persönlichen Problemen die politische Dimension ihrer Zeilen deutlich. „Half Pint Fatherhood“ beispielsweise handelt vom Alleinerziehen, „Thoughts“ von sexuellen Sehnsüchten.

Sänger Mez Green sagt selbst über das Album, dass das Gefühl nach Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach Liebe den Kern des Albums ausmachen. Das klingt zunächst ungewöhnlich für eine Punk-Band. Wenn sich der britische Mainstream momentan aber aus Scheuklappen, Spaltung und Filter Bubbles zusammensetzt, ist die Antihaltung der Post-Punk-Band eben logisch: Liebe, Zusammenhalt, Gemeinschaft. Damit schließt sich LIFE nahtlos an die Auffassung an, die auch die Genrekollegen von IDLES auf ihrer letzten Platte „Joy as an Act of Resistance.“ propagiert haben. Nicht ohne Grund waren LIFE als Support-Act auf der letzten Tour der Band aus Bristol dabei.

Fazit

Und vielleicht ist das auch das Problem der Platte: Zu oft erinnert „A Picture Of Good Health“ an IDLES-Motive. Dafür können die LIFE-Mitglieder nicht einmal unbedingt etwas. Die Vertrautheit, das Gefühl, das Ganze irgendwie schon mal gehört zu haben, ist Fluch und Segen zugleich. Lässt man das aber fallen, dann ist „A Picture Of Good Health“ ein energetisches und wildes Punkalbum. Und es muss ja nicht immer die ganz große, genreprägende Platte sein.

 

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LIFE: A Picture Of Good Health

Tracklist:

1. Good Health

2. Moral Fibre

3. Bum Hour

4. Hollow Thing

5. Excites Me

6. Never Love Again

7. Half Pint Fatherhood

8. Grown Up

9. Niceties

10. Thoughts

11. It's A Con

12. Don't Give Up Yet

13. New Rose In Love

Erscheinungsdatum: 20.09.2019
Afghan Moon