Frisch gepresst: Noel Gallagher

Don't Look Back In Anger

Nachdem Liam Gallagher letzten Monat ein Soloalbum veröffentlicht hat, zieht jetzt auch Noel nach. Mit „Who Built The Moon“ beweist er, dass er nicht nur der ältere, sondern auch der musikalischere Gallagher-Bruder ist.
Noel Gallagher
Noel Gallagher

Vor mehr als zwanzig Jahren haben die beiden Brüder ihre Musikkarriere ins Rollen gebracht. Damals noch gemeinsam. Oasis hieß das Projekt – einige erinnern sich vielleicht. Aber trotz des gigantischen musikalischen und kommerziellen Erfolges hat es schon zu der Zeit zwischen den beiden immer wieder gekracht. Die Gallghers sind stur, die Gallaghers sind vulgär, die Gallaghers pöbeln gerne – gegeneinander, aber auch gegen andere. Sie beweisen dabei immer wieder aufs Beeindruckendste, wie man möglichst viele Schimpfworte in möglichst wenig Sprache einbaut. Die ewigen Streitigkeiten haben letztendlich zur Auflösung der Band geführt.

Rock’n’Roll Star

Für Noel bedeutete das Scheitern von Oasis allerdings keineswegs das musikalische Ende. Noch bevor sich Oasis endgültig aufgelöst hatten, war er schon wieder mit einem Soloprojekt am Start: Noel Gallagher’s High Flying Birds. Nachdem er sich bei Oasis noch das Rampenlicht mit seinem Bruder teilen musste, fungieren die High Flying Birds eher als Anhang seines gewaltigen Egos. So richtig von Oasis emanzipieren konnte er sich allerdings trotzdem nicht. Zu ähnlich wirkten viele Songs. Kein Wunder – Noel hat schließlich auch fast alle Oasis Hits geschrieben.

Noel Gallagher’s High Flying Birds - Holy Mountain (Official Lyric Video)

Supersonic

 „Who Built The Moon?“ – diese Frage betitelt Noels neustes Werk. Beim ersten Reinhören wird schnell klar: Von Oasis hat diese Platte nicht mehr allzu viel. Statt ikonischem 90er Jahre Britpop gibt es vor allem eins: Synthesizer und elektronische Effekte. Relativ ungewohnt. Der erste Höreindruck wirkt tatsächlich ein wenig befremdlich und irritierend. Wenige, repetitive Songzeilen und ein Klirren im Hintergrund, als würde man den Schrank mit Omas Kristallgeschirr mit einem Presslufthammer bearbeiten. So begrüßt einen „Fort Knox“ als erster Song des Albums. Der ganze Track wirkt wie eine vierminütige Ramp. Das, was am Ende steht, rechtfertigt allerdings das aufbauende Element. „Holy Mountain“ heißt der nächste Track – eine beschwingte Bluesrocknummer mit elektronischen Einschlägen. Besonders interessant erscheint der Kontrast zwischen Rhythmus und Melodieführung. Auf einem statischen Vierviertel-Schlagzeugbeat baut sich ein grooviger Bass und beschwingte Gitarren und Bläsermelodien auf. Einen ähnlichen stilistischen Kniff verwendet Gallagher im darauffolgenden „Keep on Reaching“. Das Tempo wird noch einmal angezogen. Der Song ruft Erinnerungen an klassische Rock’n’Roll Nummern der 50er Jahre wach.   

Fade Away

Nach anfänglicher Euphorie senkt sich das Album in melancholischere, nachdenklichere Gefilde ab. „She Taught Me How To Fly“ kommt mit verträumter Strophe und kontrastierend kräftigem Refrain daher. Der Track schlägt dadurch eine stilistische Brücke zwischen den beschwingten Einstiegstönen und der abschließenden Melancholie. Mit „Be Careful What you Wish For“ sind wir in Noel Gallaghers verträumter Melancholie angekommen und gleiten mit „The Man Who Built the Moon“ immer weiter ins düstere Zwielicht ein, bis uns „Dead in the Water“ als Abschluss des Albums endgültig in die bodenlose Tiefe reißt. Der Song sticht aus mehrerer Hinsicht aus dem Rest des Albums hervor. Als einziger Song ist er in ein komplett akustisches Gewand gehüllt und verzichtet komplett auf Synthesizer oder andere elektronische Spielereien. Zudem stellt er die einzige Live-Nummer des Albums dar. Eine ergreifende Folk-Pop Ballade mit Klavier und Gitarreninstrumentierung. Ein gelungenes Ende, das einen irgendwie verbraucht zurücklässt.

Some Might Say

Mit seinem neuen Album „Who Built The Moon?“ schafft es Noel Gallagher endlich sich von seinen Oasis Wurzeln zu lösen und seinen eigenen Sound zu finden. Hierfür setzt er stärker auf Synthesizer und elektronische Verzerrungen als zuvor – manchmal vielleicht ein bisschen zu viel. Trotzdem liefert er eine starke Pop-Platte, die den Hörer auf eine Gefühlreise von beschwingter Lebensfreude bis hin zu abgründiger Melancholie mitnimmt.  

 

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Jonas Enke
29.11.2017 - 15:05
  Kultur

Noel Gallagher's High Flying Birds: Who Built The Moon?

Tracklist:

1.  Fort Knox

2.  Holy Mountain

3.  Keep On Reaching*

4.  It's A Beatiful World

5.  She Taught Me How To Fly*

6.  Be Careful What You Wish For

7.  Black & White Sunshine

8.  Interlude (Wednesday Part 1)

9.  If Love Is The Law

10. The Man Who Built The Moon*

11. End Credits (Wednesday Part 2)

12. Bonustrack- "Dead in the Water (Live at RTÉ 2FM Studios, Dublin)"*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 24.11.2017
Sour Master Records Ltd