DOK 2017

DOK am Mittwoch

Das 60. Dok-Festival hat zu seinem Jubiläum über 300 Filme in seinem Programm. Um sich in diesem "Film-Berg" zurechtzufinden, gibt es aus unserer Redaktion täglich eine Rückschau auf den Vortag.
Szene aus Maned and Macho
In "Maned and Macho" durchlebt ein kleines Mädchen verstörende Visionen

Coal Heap Kids

Ein hochbrisanter und sozialkritischer Blick auf die abgehängte französische Kleinstadt Lens, ein verwahrlostes, ehemaliges Kohlerevier in Nordfrankreich − da scheint es nur folgerichtig zu sein, diesen Ort als „Quasi-Stellvertreter“ für zahlreiche andere europäische, ins (nicht nur wirtschaftliche) Aus manövrierte Regionen zu interpretieren.

Exemplarisch wird hier eine Familie aus dem prekären Milieu (alleinerziehende Arbeitslose mit zwei Söhnen) bei der (Nicht-)Bewältigung ihres problembeladenen Alltags begleitet. Im Fokus steht dabei der ältere Teenager-Sohn Loïc, der sich in einem permanenten Schwebezustand zwischen müder Antriebslosigkeit und aufgedrehter Unbekümmertheit befindet und so ganz aus dem Schema des „leicht kontrollierbaren, leistungsstarken Schülers“ fällt. In einprägsamen Szenen wird ein genaues Bild des sensiblen und gehandicapten Jugendlichen abseits von jeglicher übertriebener Rührseligkeit gezeichnet − ob beim unangenehmen Schuldirektionstermin oder in gelöst-entspannter Stimmung auf der eigenen Geburtstagsfeier. Viele intime Nahaufnahmen und dynamische Musiktracks, die den „Spirit“ des Grenzgängers auch auf der Ton-Ebene verdeutlichen, komplettieren das filmische Charakterportrait. Am Ende sieht man Loïc − aus leichter Untersicht gefilmt −, wie er vor einem endlos blauen Horizont optimistisch-energisch auf die zurückweichende Kamera zuschreitet. Der 16-Jährige blendet die bedrückenden Zukunftsängste aus und kostet einfach „den Moment“ aus.

Nicht immer kann man den Kurzbeschreibungen im begleitenden DOK-Festival-Pressebuch trauen, aber der von R. Eue zu „Coal Heap Kids“ betätigten Aussage „Ein Film wie dieser rechtfertigt das Überleben des dokumentarischen Kinos“ schließen wir uns hundertprozentig an. Zweifellos ein Highlight auf dem diesjährigen DOK-Festival!

Coal Heap Kids - Documentary Trailer - VA from Java Films on Vimeo.

Advantage

Hossein kommt an einen ganz besonderen Ort in Teheran. Einen Ort, an dem gescheiterte Existenzen zusammenkommen, um ihr Leben zu ändern. Sie alle verbindet Drogensucht und Obdachlosigkeit. Auch Hossein ist heroinsüchtig und lässt sich mit den anderen Bewohnern des Heims auf einen kalten Entzug ein. Es sind zweifellos bedrückende Szenen, die Regisseur Mohammad Kart zeigt. Szenen von ausgemergelten, zuckenden Leibern, der Schweiß fließt aus allen Poren und Köpfe werden verzweifelt gegen Wände geschlagen. Gekrönt wird das von einer Alptraumszene, die man so schnell nicht vergisst.                                                              

Drift

Ein faszinierendes Kurzportrait über den exzentrischen Abenteurer Tom Ward und gleichzeitig ein berührend-intimer Blick auf das „Mysterium“, den seinen glanzvollen Erinnerungen nachhängenden Vater (gefilmt vom erwachsenden Sohn Chris).

Ward war einer von mehreren waghalsigen Crewmitgliedern, die Anfang der 70er zu einer gefährlichen Odyssee auf dem Pazifischen Ozean aufbrachen (vermutlich die längste Seereise überhaupt) − nur mit einem provisorischen Floß ausgestattet. An diese einzigartige Unternehmung erinnern alte „körnige“ Filmaufnahmen und Wards persönliches Reisetagebuch, die auch im Kurzfilm auftauchen. Neben Bildern und Interview-Situationen, die den heute gebrechlich wirkenden Eigenbrötler mit tiefen Gesichtsfurchen in seinem mit Werkzeug vollgestopften Rückzugs-Refugium zeigen, werden auch O-Töne aus Telefongesprächen mit der entfremdeten Tochter sowie damals zeitgenössische Musikstücke und aufgenommene Talkshow-Auftritte eingestreut. In einer Alltagsszene steigt Tom Ward in einen zwischen Getränkekisten versteckten Schlafsack auf seiner spartanischen Schlafstätte; ganz so, als ob er versuche, die lebensprägende Erfahrung auf dem Wasser so gut es geht nachzustellen. Es folgt ein Schnitt auf ein Close-Up des anscheinend friedlich Schlafenden. Dem Zuschauer ist am Ende der Doku eine Ahnung von Wards Persönlichkeit insofern mitgegeben worden, dass er erraten kann, welcher Bilderrausch vor Wards innerem Auge in seinen Träumen abgespult wird.

Der Regisseur bemerkte im anschließenden Q & A-Gespräch, dass die gemeinsame Drehzeit ihn und seinen Vater wieder näher zusammengerückt und sie ihre Beziehung erneuert hätten − solch schöne Dinge kann ein Film bewirken!

Drift (Trailer) from Chris Ward on Vimeo.

Montags in Dresden

"Wer geht hier und aus welchen Gründen auf die Straße?", fragt Regisseurin Sabine Michel zu Beginn ihres Films. Mit dieser Frage kehrt die gebürtige Dresdnerin nach 27 Jahren in ihre Heimatstadt zurück. Um eine Antwort darauf zu finden, begleitet sie mit ihrer drei überzeugte Pegida-Anhänger der ersten Stunde. Dabei kommt sie ihnen ganz nah, denn Sabine Michel sucht das Gespräch mit ihren Protagonisten abseits des aufgeheizten Demonstrationsgeschehens. Mit ihrer Kamera ist sie überall mit dabei, zum Beispiel wenn Pegida Demonstrantin Sabine Ban ihren kranken Sohn pflegt oder wenn René Jahn, ehemaliges Mitglied im Pegida-Orga-Team, in seine neue Wohnung zieht. So bekommt der Zuschauer einen ganz ungefilterten Blick auf die Menschen, die hinter jenen abgedroschenen Begriffen stehen: Wutbürger, Abgehängte, besorgte Bürger. Vor allem aber zwingt Montags in Dresden den Zuschauer zu einer eigenen Stellungnahme.
 

International Animation 2

Beim zweiten Kompilationsprogramm in der Kategorie Internationaler Animationsfilm wussten gleich mehrere Filme zu begeistern. In Maned and Macho beschwört Regisseurin Shiva Sadegh Asadi beispielsweise in dunklen Pastelltönen Kindheitsängste herauf, die in der Gestalt von Tieren aus dem heimischen Schlafzimmerschrank hervorbrechen. Ähnlich verstörend fiel An Echoing Memory of a Tongue aus, bei dem der Regisseur versucht hat, das Stottern von Menschen in Formen zu übertragen und in einen sehr intensiven Rhythmus zu bringen. 

Maned & Macho Teaser from Shiva Sadeghasadi on Vimeo.

 
mephisto 97.6 wünscht weiterhin viel Spaß beim 60. Dok-Festival!
 

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Karen Müller, Angela Fischer, Janick Nolting
02.11.2017 - 19:27
  Kultur