DOK 2017

DOK am Dienstag

Am Montag wurde die DOK Woche eröffnet - mit weit über 300 Filme im Programm. Um sich in diesem "Film-Berg" zurechtzufinden, gibt es aus unserer Redaktion täglich eine Rückschau auf den Vortag.
"The World is Mine" besticht durch faszinierende Bilder.

Nachdem das DOK Festival am Montag feierlich und mit vielen Reden mit dem großartigen "Betrug" ​eröffnet worden ist, ging es am Dienstag los mit dem Tagesgeschäft: Von morgens um 10 Uhr bis spätabends um halb 11 starteten Filme in den verschiedene Kinos überall in der Stadt. Insgesamt laufen in diesem Jahr weit über 300 Filme. Um da nicht den Überblick zu verlieren, gibt es an dieser Stelle täglich einen Rückblick auf den Vortag, um unsere Highlights vorzustellen.

Der Dienstag lieferte dabei einen vielversprechenden Vorgeschmack, auf das, was uns die kommenden Tage noch erwarten wird. Das Festivalmotto "Nach der Angst" lässt sich in all den Filmen wiederfinden, und sie alle bieten unterschiedliche Antworten auf die Frage, was denn nach der Angst ist.

"Silent War"

Der Film ​"Silent War" ist bereits zu Beginn des diesjährigen Festivals ein emotionaler Höhepunkt. Regisseurin Manon Loizeau wollte einen Film über syrische Frauen drehen. Herausgekommen ist eine verstörende Klage gegen ein politisches System und eine Gesellschaft, die immer nur wegsieht. Loizeaus Film wirft einen Blick auf die Opfer des Assad Regimes, das in seinen Foltergefängnissen Vergewaltigungen als Kriegswaffe einsetzt. Mehrere Frauen haben den Mut gefunden, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Die erschütternden Berichte sind kaum zu ertragen und lassen sich nicht so einfach wieder abschütteln. Silent War ist mehr als eine Dokumentation: Ein zutiefst bewegender Hilferuf.  

"Die neuen Kinder von Golzow"

Die drei syrischen Familien, die im Film ​"Die neuen Kinder von Golzow"​ im Mittelpunkt stehen, mussten aus ihrem von Bürgerkrieg erschütterten Heimatland fliehen. Sie landen in Golzow, einem brandenburgischen Dorf mit 867 Einwohnern. Regisseurin Simone Catharina Gaul hat die Familien und Dorfbewohner besucht. Der Film zeigt, wie schön und einfach die Integration von Geflüchteten in Deutschland eigentlich ablaufen könnte. Das funktioniert vor allem durch starke Protagonisten, die mit viel positiver Energie versuchen, sich an die neue Lebenssituation anzupassen. Auch die Kinder spielen eine wichtige Rolle, denn durch sie finden die Erwachsenen den kleinsten gemeinsamen Nenner. Gleichzeitig ist man schockiert über das engstirnige Weltbild vieler Landbewohner, welche zwar die integrationswillige Familie, aber keine anderen Geflüchteten zu akzeptieren bereit sind. Diese und andere im Dokumentarfilm dargebrachte Meinungen bleiben leider unreflektiert. "Die neuen Kinder von Golzow" ist ein hochrelevantes Zeitzeugnis einer ganzen Generation nach Europa getriebener Syrer und kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Gaul begleitet die Familie und auch die restliche Dorfgemeinschaft möglichst objektiv und lässt nur die Persönlichkeiten der gezeigten Menschen sprechen, statt sich selbst stark in die Geschichte einzumischen.

​"Baek-Gu"

Aus der brandenburgischen Provinz trägt "Baek-Gu" ​den Zuschauer einmal um den Globus in eine Randregion der Millionenmetropole Seoul. Die Befragung der bunt durchgewürfelten Nachbarschaft über das Schicksal eines herumstreunenden, hinkenden Vierbeiners namens „Baek-gu“ (quasi „Aufhänger“ der Geschichte) entwickelt sich zu einer assoziativen, leider etwas langatmigen Selbstreflexion der Regisseurin Kim (ihr Langzeit-Doku-Debüt), die versucht ihre aktuelle Gefühlslage (nach dem 15. Mal Umziehen) − teils per Voice-Over − auszudrücken. Nebenbei werden Themen wie generationsübergreifende Kommunikation, Einsamkeit und Suche nach sozialen Kontakten in anonymer Großstadtkulisse gestreift. Wirklich bewegend sind jedoch die kleinen vergänglichen Momente voller Glück, die die Tristesse der Bewohner von Gefängniszellen ähnlichen „coffin“ Apartments konterkarieren: Ein Kinderlachen, das Wedeln eines Hundeschwanzes, ausgelassen tanzende Menschen auf der Straße oder die staunenden Gesichter von Fremden, die das Neujahrsfeuerwerk genießen.

​"The Centaur´s Nostalgia"

Die Isolation aus der großen Stadt wird in "The Centaur´s Nostalgia" zur Isolation in der großen Wildnis: Der großen Landschaften Argentiniens. Nur die letzten Gauchos leben hier in der gewaltigen Natur und verdienen ihr Geld mit der Ziegenhaltung. Die Stille ist wichtiger Bestandteil des Films. Sie wird nur durchbrochen vom Gesang des alten Gauchos oder dem Gebet seiner Frau. Der Gaucho ist fast blind und sitzt kaum noch auf dem Pferd. Und es heißt: Ein Gaucho, der nicht auf dem Pferd sitzt, ist nur ein halber Zentaur. Nach etwa 40 Minuten erfährt man endlich mehr über das Leben des alten Paares, ihre eingerostete Liebe und die Schwierigkeiten auf dem Land. Bis zu dieser Stelle fehlt eine grundsätzliche Orientierung, stattdessen wird der Zuschauer weitestgehend  mit poetischen Bildern allein gelassen und muss sich den Kontext selbst erarbeiten. Dabei schwankt der Film zwischen Dokumentation und Fiktion. Wer Geduld mitbringt und sich auf die Stimmung des Films einlässt, bekommt ein Gefühl für die letzten Zentauren Argentiniens.

"The World is Mine"

Zurück in die Großstadt zieht es den Zuschauer in ​"The World is Mine"​, einem Film aus dem Jugendsonderprogramm "Escaping Realities". Diesmal ist es Tokio, denn hier hat sich um einen Personenkult um die Sängerin Hatsune Miku eine regelrechte Subkultur gebildet. Obwohl, Personenkult scheint hier das falsche Wort: Miku ist nämlich eigentlich gar keine Sängerin, sondern eine Computersoftware, die es Fans leicht macht, Musik mit hochgepegelter Stimme zu produzieren. Um die Software besser vermarkten zu können wurde kurzerhand eine weibliche Animefigur dazu entwickelt, Hatsune Miku. Die ist nun allseits bekannt und wird in manchen Szenen sogar als Göttin angesehen. In eben diese Szenen begibt sich die Regisseurin Ann Oren, stilecht wie viele andere auch als Miku verkleidet. Die Einblicke, die sie erhält und dem Zuschauer gibt, sind bemerkenswert: Die Figuren stehen zwischen dem Drang nach totaler Selbstentfaltung, was zur kompletten Identitätsaufgabe führt, zur Glorifizierung von Objekten und Objektifizierung von Personen. Der Film wirft einen Blick in diese Parallelwelt, an der man sich kaum sattsehen kann, so faszinierend ist das Gezeigte.

Auch morgen wird es hier an dieser Stelle wieder eine Auswahl von Filmen geben. Bis dahin, weiterhin viel Spaß auf dem DOK Festival!

 

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Lennart Johannsen, Janick Nolting, Nadja Bascheck, Maximilian Enderling, Karen Müller
01.11.2017 - 19:55
  Kultur

​Spielzeiten

"The Silent War"

​01.11.2017: Cinematheque Leipzig, 14.00 Uhr

​"Die neuen Kinder von Golzow"

​05.11.2017: CineStar 4, 16.15 Uhr

"Baek-Gu"

​02.11.2017: CineStar 6, 22.30 Uhr

05.11.2017: Cinematheque Leipzig, 11.00 Uhr

"The Centaur´s Nostalgia"

​05.11.2017: CineStar 6, 16.30 Uhr

​"The World is Mine"

​02.11.2017: Cinematheque Leipzig, 20.00 Uhr