Widerstand in der DDR

Dieses Gefühl, man kann was verändern

Im Herbst vor 25 Jahren fand der Widerstand in der DDR mit den Montagsdemonstrationen seinen Höhepunkt. Immer mit dabei war damals auch die Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns. Sie spricht über ihre Motivation, die Zeit in Haft und den Druck der Stasi.
Gesine Oltmanns
Gesine Oltmanns vor ihrem Lieblingsbild auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz

Fragt man Gesine Oltmanns nach ihren Erinnerungen an den Herbst vor 25 Jahren, antwortet sie zunächst zögerlich. Gemischte Gefühle seien das damals gewesen, denn auf der einen Seite hatten sie die zahlreichen Aktionen in den Jahren 1988/89 ermutigt, nur waren die meist sehr spontan und konspirativ geplant, und deshalb auch gefährlich. Meist waren die Aufrufe zu Demonstrationen, manchmal aber auch Spektakel wie das Straßenmusikfestival geglückt und hatten Zeichen setzen können. Auf der anderen Seite war die Lage durch die Flüchtlingsströme, die sich im Sommer nach Ungarn orientierten, unsicher. Wie würde sich die Situation im September gestalten? Trotz allem erinnert sich Oltmanns, wie entschlossen sie davon war, Reformen und gesellschaftliche Veränderungen erkämpfen zu wollen.

"Das war ein Gefühl des Aufbruchs"

Meist waren es junge Leute, die sich in den oppositionellen Gruppen stark engagierten. Keine Familie oder Bindung zu haben war bei der unsicheren Lebensperspektive und dem hohen Risiko des Widerstands von Vorteil. Unter ihnen waren nur wenige Berufstätige, die aufgrund ihrer anderen Perspektive sehr geschätzt waren. Gesine Oltmanns betont immer wieder die Notwendigkeit, eine eigene Position zu finden. Es ging den Gruppen vermehrt darum, sich klar zu äußern, für jeden wahrnehmbar. Das führte auch dazu, dass am 4.September zum ersten Mal Transparente bei einer Montagsdemonstration zum Einsatz kamen.

Für ein offenes Land mit freien Menschen

Dieses Transparent entrollte Gesine Oltmanns an der ersten Montagsdemonstration vor der Leipziger Nikolaikirche. Im Rückblick schreibt sie den Westmedien eine bedeutende Rolle zu, die immer wieder auch als Schutz gewirkt hätten. So auch an besagtem Montag, an dem zahlreiche Journalisten aus der BRD nach Leipzig gekommen waren, um über die Messe zu berichten. Kameras, die auf die Transparente gerichteten waren, hielten die Stasi von gewaltsamen Einsätzen ab, so ist Oltmanns überzeugt. Eine Woche später – ohne diesen Schutz – kam es zu zahlreichen Verhaftungen, meist willkürlich.

An den Druck der Stasi habe sie sich schnell gewöhnt, so Oltmanns. Anders als die Überwachung aber seien die Momente der direkten Gewalt durchaus angsteinflößend gewesen. Beispielsweise, als dann bei der zweiten Montagsdemonstration Mitglieder der Stasi die Plakate heruntergerissen hatten. Aber auch die Untersuchungshaft im Januar 1989 sei ein Erlebnis der Isolation gewesen, das sie nur aufgrund der großen Solidarität von außen zu schätzen gelernt hat.

"Diese Gewissheit, wenn uns etwas passiert, dann sind draußen Leute, die sich für uns einsetzen, das hat mir persönlich die Angst genommen."

Allein durch die Unterstützung zahlreicher Aktionen zu ihrer Freilassung, etwa auch dem Einsatz der Charta 77, war es für Oltmanns möglich, die Haft nach nur 10 Tagen wieder zu verlassen. Heute sagt sie, "Die Haft im Januar hat uns noch weiter motiviert – das war eine Erfahrung, die hat überwältigt." Kaum hat sie die Untersuchungshaft verlassen, machte sie weiter im Widerstand.

Totaler Quatsch

Eine entscheidende Rolle spielte auch die Kirche, vor allem die Gemeinde Sankt Nikolai. Dort hatte Gesine Oltmanns viele Kontakte knüpfen können, sie fühlte sich wohl. Dem damaligen Pfarrer Christian Führer schenkt sie Anerkennung dafür, dass er die Friedensgebete sehr gefördert habe.

"Christian Führer war eher derjenige, der eine gewisse Basis zugelassen hat, auf der sich etwas entwickeln konnte. Also er ist für mich nicht der Initiator der Montagsdemonstrationen – das halte ich für einen totalen Quatsch"

Doch glaubt sie, dass es für ihn ebenso schwierig war, eine klare Position zu haben, wie für die gesamte Kirche: "Es war für die Kirche eine sehr schwierige Situation, weil wir immer politischer und radikaler wurden." Nun galt es eine Position zu finden, um der Zwickmühle zwischen Repression und Unterstützung der Bürgerrechtsgruppen zu finden.

Wir sind ein Volk

Die Montagsdemonstrationen veränderten sich nicht nur im Publikum, das zunehmend familiärer und vor allem zahlreicher wurde, sondern auch in den Ausrufen. Aus "Wir sind das Volk" wurde "Wir sind ein Volk". "Für uns junge Leute war der Wandel überraschend – vor allem, dass der so schnell ging," so Gesine Oltmanns, die die Sehnsucht der älteren Generationen nach einem vereinigten Deutschland als deutlich stärker beschreibt, schließlich hätten viele von den Eltern und Großeltern noch das Ende des Zweiten Weltkriegs und die nachfolgende Teilung Deutschlands selbst erlebt.

"Ich hatte dann schon 1989 das Gefühl, dass sich hier im Land sehr viel bewegt und dass das, was wir uns erhofft haben von der DDR, doch ein Ziel hat. "

Trotz der Unterschiede zwischen den Generationen sei allen in der DDR der Wunsch nach Reisefreiheit gemein gewesen, der Oltmanns 1988 auch dazu antrieb, einen Ausreiseantrag zu stellen. Doch bald darauf hatte sie den zurückgezogen, ihre Begründung: "Das war der Blick in eine hoffnungsvolle Bewegung hinein." Sie wollte die DDR nicht einfach verlassen, sondern verändern.

"Das musste erst mal sacken"

Als sich dann in der Nacht des 9. November die Grenze öffnet, trifft das Gesine Oltmanns und ihre Freunde unerwartet. Damit hatte keiner gerechnet, Oltmanns beschreibt die Entwicklung als Traum, die Dynamik sei unglaublich gewesen. Doch teilte sie nicht die Euphorie vieler Westberliner, wartete auch mit ihrem ersten Besuch im Westen noch bis Dezember. Die Zeit danach war für sie wichtig, um sich die Veränderungen bewusst zu machen.

"Ich hatte zwei Jahre lang in einem extremen Zustand der Anspannung gelebt, auch in einem gewissen Aktionismus."

In diesen Tagen trifft man Gesine Oltmanns öfters am Wilhelm-Leuschner Platz. Den Herbstsalon – eine Medienbox – findet sie eine wichtige Möglichkeit. Einfach vorbei gehen, Bilder anschauen und so eine kleine Idee mitnehmen. Das sei genau das, was auch 1989 für sie so besonders gemacht hat. "Ich glaub, man hat aus der Zeit eine innere Haltung mitgenommen." 

mephisto 97.6-Redakteurin Anna Vogel im Gespräch mit Gesine Oltmanns.
 
 

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