Tattoos & Piercings

"Die Welt unter der Haut"

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Marplan hat fast jeder zehnte Deutsche ein Tattoo. Bei jungen Erwachsenen ist die Zahl noch höher. Aber was steckt dahinter? Warum lassen sich Menschen überhaupt tätowieren?
Tätowierungen
Tätowierungen - Permanenter Körperschmuck als Ausdrucksmittel?

Von der Identifikation zum Mainstream

Tattoos sind allgegenwärtig. Und sie sind auch längst kein Tabuthema mehr. Sie dienen als permanenter Körperschmuck, als Darstellung von Wünschen und Träumen oder zur Identifikation. Sie können aber auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Gemeinschaft oder Religion demonstrieren. Noch vor 100 Jahren waren Tätowierungen verschrien und nur Seefahrern oder Sträflingen vorbehalten. Tattoos wurden also mit dem Bösen und Verruchten verbunden. In den letzten Jahren wurden Tätowierungen und Piercings immer mehr ein Zeichen der Jugendkultur. Jugendliche rebellieren gegen Autoritäten und lassen sich zur Abgrenzung tätowieren. Mittlerweile sind Tattoos und Piercings zu einem Modeaccessoire geworden. 

Tattoo stechen

Stolz & Vorurteil(e)

Allerdings sind Tätowierungen immer noch nicht vollends in unserer Gesellschaft angekommen. Es gibt Arbeitgeber, die Piercings, Tattoos und jeglichen sichtbaren Körperschmuck verbieten. Tattoos werden teilweise noch als unschön und unpassend abgestempelt. Dadurch entstehen auch Vorurteile gegenüber Menschen mit sogenannten Body-Modifications. Als Body-Modifications werden Veränderungen des eigenen Aussehens bezeichnet. Dazu zählen Tätowierungen, Piercings, aber auch Schönheitsoperationen und im weitesten Sinne das Entfernen von Körperbehaarung. Vorurteile, die sich nicht einfach so abbauen lassen. 

Elmar Brähler leitete von 1994 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2013 die Abteilung für die Medizinische Psychologie und Soziologie der Universität Leipzig. Er untersucht seit den 90er Jahren das Körperbild und die Selbstzufriedenheit von jungen Erwachsenen mit Tattoos und Piercings. In seinen Befragungen hat er herausgefunden, dass Jugendliche mit Body-Modifications zufriedener mit sich und ihrem Aussehen sind und im Allgemeinen ein besseres Selbstbild haben.

Die jungen Leute, die sich tätowieren lassen, ähneln in den Persönlichkeitseigenschaften den Leuten, die sich nicht tätowieren lassen. Das Einzige, was sie so unterscheidet ist, dass sie offen für Neueres sind. [...] Und sie sind sehr viel neugieriger.

 

Elmar Brähler, forscht zu Körperbildern und Körperschmuck

Möglichkeiten zum Austausch

Mut, Stolz und Selbstbewusstsein bringen einen aber nicht weiter, wenn man in der Gesellschaft mit Vorurteilen konfrontiert ist. Was kann man tun, um diesen Vorurteilen entgegenzuwirken? Wie kann man tätowierte und nicht-tätowierte Menschen zusammenbringen? Wie schafft man einen Austausch? Um junge Leipziger Bürger nicht nur zum Austausch zu bewegen, sondern auch mehr junge Menschen wieder für Museen zu begeistern, hat das Grassi Museum für Völkerkunde Leipzig die Aktion Grassi invites ins Leben gerufen. Heute Abend geht Grassi invites bereits in die vierte Runde. Unter dem Namen Grassi invites #4 - Tattoo und Piercing: Die Welt unter der Haut sollen Fotos und Geschichten von Leipziger Bürgern gesammelt werden. Diese Bilder werden dann gesammelt und ab September im Grassi Museum ausgestellt. 

Die wirkliche Ausstellung ist eine Ausstellung mit Objekten, mit Fotografien, aber auch natürlich mit sehr viel Multimedia, mit Videoinstallationen und so weiter. Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Erinnerungsobjekte, Interviews. Wir möchten gern, dass es eine sehr lebendige, partizipative Ausstellung ist.

Nanette Snoep, Direktorin des Grassi Museums für Völkerkunde Leipzig 

Außenansicht Grassi Museum
 

Zukunftsvisionen 

In der Zukunft gibt es vielleicht keine Vorurteile gegenüber tätowierten und gepiercten Menschen mehr. Auch Arbeitgeber werden dann Körperschmuck toleranter aufnehmen. Menschen müssen nicht mehr ihre Piercings rausnehmen oder ihre Tattoos abdecken. Das sind natürlich alles nur Hoffnungen und Vermutungen. Und wie sieht es mit Trends in Sachen Body-Modification aus? Werden wir in der Zukunft Tattoos austauschen können wie unsere Unterhosen? Oder gibt es Tattoofarbe, die mit elektronischen Geräten verbunden ist und vibriert, wenn das Smartphone klingelt? Oder werden Cover-Ups, also das Überstechen eines Tattoos mit einem anderen, neuen Motiv, zunehmen? Weil Tattoo-Motive vielleicht doch immer den gängigen Trends entsprechen müssen und endgültig im Mainstream angekommen sind? Wird bald nicht mehr nur jeder zehnte Deutsche ein Tattoo haben, sondern jeder Zweite?

In ein paar Jahren wird es vermutlich noch viel mehr geben, als jetzt, weil sich die Stilrichtungen immer weiter entfalten und immer breiter werden. Und weil es auch einfach nie aufhört mit irgendeinem Trend in dem Maße.

 

Peggy Miksch, Leipziger Tätowiererin

Peggy Miksch betreibt seit 2015 ihr eigenes Tattoo-Studio in Leipzig-Lindenau und zeichnet und tätowiert aus Leidenschaft. Sie hat schon viele Kunden kommen und gehen sehen. Für sie sind Tattoos und Piercings Faszination, aber auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Auch sie wünscht sich einen regeren Austausch zwischen den Menschen, um Klischees und Vorurteile abzubauen. Aktionen wie "Grassi invites #4" sind vielleicht ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Mehr zu dem Thema Body-Modifications hören Sie in dem Beitrag von mephisto 97.6 Redakteurin Josefine Farkas:

mephisto 97.6 Redakteurin Josefine Farkas mit einem Beitrag über die Tattoo- und Piercingkultur
 
 

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Grassi invites #4 - Tattoo und Piercing - Die Welt unter der Haut

Part 1: SHOWTIME
Wann? 17.03.2017, ab 19 Uhr 
Wo? Grassi Museum für Völkerkunde zu Leipzig
Was? Tatwalk mit Musik, Gespräche, Fotoshootings 

Part 2: LIVING ARCHIVE
Wann? 22.09.2017 - 07.01.2018
Wo? Grassi Museum für Völkerkunde zu Leipzig
Was? Ausstellung des "Living Archive" mit persönlichen Geschichten, Bildern, Ausstellungsobjekten, Videos etc.

- Mehr Infos: www.grassiinvites.info