Frisch Gepresst: Priests

Die Verführung der Kansas

Die US-Amerikaner von Priests melden sich mit ihrem Zweitling „The Seduction of Kansas“ zurück. Darauf geben sie sich musikalisch abenteuerlustig und inhaltlich bissig und politisch.
Priests - The Seduction of Kansas
Priests - The Seduction of Kansas

Als Donald Trump im November 2016 zum Präsidenten gewählt wurde und sich weite Teile der internationalen Presse im Schockzustand befanden, machte man sich in der Musikpresse zumindest eine Hoffnung: „Wenigstens bekommen wir so wieder gute Punk-Musik!“ So wie in den 80ern unter den rechtskonservativen Regierungen von Thatcher, Reagan und Kohl zahlreiche Klassiker des politischen Punkrocks entstanden waren, würde auch unter Trump die musikalische Agitprop wieder aufblühen. Eine Band, auf die diese Hoffnung schon früh projiziert wurde, waren Priests. Deren Debüt-Album „Nothing Feels Natural“ erschien 2017 wenige Wochen nach Beginn von Trumps Amtszeit und bot den ein oder anderen Seitenhieb gegen den neuen nationalistischen Zeitgeist. Der Band verschaffte das ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit und großartige Kritiken. Dabei fühlten sie sich wohl aber auch etwas missverstanden. Auch wenn Priests aus Washington D.C. kommen, der politischen Hauptstadt der USA und Heimat berühmter Hardcore und Punk Acts wie Bad Brains, Minor Threat und Fugazi und ihre Musik komplett unabhängig über ihr eigenes Label vertreiben, versteht sich das Trio selbst nicht als Punk-Band. Auf ihrem neuen Album „The Seduction of Kansas“ öffnet sich die Band noch weiter als bisher für musikalische Experimente.

 

Mehr als nur Punk

Im Interview mit mephisto97.6 bezeichnete Frontfrau Katie Alice Greer so unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler wie Nine Inch Nails, Massive Attack und den kürzlich verstorbenen Noise-Musiker Scott Walker oder David Bowies Berlin-Trilogie als Einflüsse. Auch wenn die einzelnen Referenzen nicht unbedingt hörbar sind, hebt sich das Album von seinem Vorgänger durch eine größere musikalische Vielfalt ab. Die Experimente fügen Priests dabei in ihre Grundstärken ein: kraftvolle Rocksongs mit Köpfchen und jeder Menge Attitüde. Der Titeltrack setzt verstärkt auf elektronische Klänge und erzeugt mit poppiger Melodie und fröhlicher Stimmung einen scharfen Kontrast zu den vor Zynismus triefenden Lyrics.

It's the last picture show, all the cowboys, they get ready for a drawn-out, charismatic parody of what a country thought it used to be

The Seduction of Kansas

Katie Alice Greer ging es laut eigener Aussage beim Songschreiben nicht so sehr darum, eine politische Botschaft zu vermitteln. Vielmehr wollte sie mit dem Album darstellen, wie die Menschen die Mythologie Amerikas wahrnehmen. Dazu passt auch der Titel: „The Seduction of Kansas“. Er bezieht sich einerseits auf das politische Buch „What's the Matter with Kansas?“ des Autors Tom Frank über die Entwicklung der ländlichen Gegenden der USA zur Hochburg der Konservativen, und spielt andererseits mit Augenzwinkern auf die Titel epischer Literatur und Lyrik an. Diese humorvolle Sichtweise auf die Politik Amerikas macht die Musik von Priests so spannend und lädt zum Blick ins Booklet ein. Die Lyrics auf „The Seduction of Kansas“ sind aktuell und doch zeitlos. So behandelt der Song „Youtube Sartre“ die Frage, wie leicht im Internetzeitalter Informationen aus dem Kontext gerissen werden können. „I’m Clean“ richtet sich gegen die männliche Sicht auf Frauen als leere Hüllen, die lediglich über ihr Verhältnis zu Männern definiert werden. Am explizitesten wird jedoch der Song „Good Time Charlie“. Darin machen sich Priests über amerikanische Außenpolitik und die mediale Wahrnehmung lustig, am Beispiel des Hollywood-Films „Der Krieg des Charlie Wilson“.

Fazit:

Priests ist mit „The Seduction of Kansas“ ein starker Zweitling gelungen, der auf ihren Stärken aufbaut und ihren Sound um neue Facetten erweitert. Fetzige Rockmusik, poppige Melodien und das ein oder andere elektronische Experiment sind für die US-Amerikaner keine Gegensätze. Auch wenn die Band sich gegen Labels wie „Punk“ oder „politisch“ eher wehrt, zeichnet sich das Album durch eine herrlich rotzige Attitüde und zynische Beobachtungen über den amerikanischen Zeitgeist aus. Dank cleverem Songwriting frei von oberflächlichen Slogans oder ausgelutschten Allerweltsweisheiten ist „The Seduction of Kansas“ vergleichbaren, aktuellen Alben aus dem Punk-Bereich aber tatsächlich weit voraus.

 

Im Gespräch mit mephisto 97.6 sprach Priests-Frontfrau Katie Alice Greer über das neue Album „The Seduction of Kansas“, musikalische Einflüsse und die Macht der Kunst:

Musikredakteur Martin Pfingstl im Gespräch mit Katie Alice Greer von Priests
Interview mit Katie Alice Greer von Priests
 

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Priests: The Seduction of Kansas

Tracklist:

1.            Jesus' Son *

 2.           The Seduction of Kansas *

 3.           Youtube Sartre

 4.           I'm Clean

 5.           Ice Cream

 6.           Good Time Charlie *

 7.           68 Screen

 8.           Not Perceived

 9.           Control Freak

10.          Carol *

11.          Interlude (IDTDIWMBIMO)

12.          Texas Instruments

Erscheinungsdatum: 05.04.2019
Sister Polygon Records / Cargo