euro-scene 2017

Die Toten tanzen wieder

Unter dem Titel "Von Serenata zum Totentanz" präsentiert die euro-scene 2017 im Theater der jungen Welt die Rekonstruktion von 5 historischen Tanzstücken und setzt drei der herausragendsten Künstlerinnen deutscher Tanzgeschichte ein Denkmal.
Totentanz II von Mary Wigman
Bei Mary Wigman finden die Geister der Toten keine Ruhe

Von Serenata zum Totentanz widmet sich der Rekonstruktion von fünf Choreografien von Gret Palucca, Marianne Vogelsang und Mary Wigman. Auf der Bühne sind somit die Arbeiten dreier Generationen von Künstlerinnen zu erleben, die alle miteinander verbunden sind und doch ihren ganz eigenen Stil entfalten. Ein großes Stück deutscher Tanzgeschichte erwacht wieder zum Leben.

Fließende Eleganz

Eröffnet wird der Abend von Gret Paluccas Serenata. Palucca (1902-1993) selbst war die Bewahrung ihrer Choreografien nicht besonders wichtig, weshalb kaum tänzerisches Material von ihr überliefert wurde. Von Serenata, einer von Paluccas herausragendsten Solotänzen, existiert allerdings eine Videoaufnahme von 1934, die die Rekonstruktion ermöglichte.  Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden ergänzt das Solo um zwei weitere Tänzerinnen auf der Bühne. In weißen Gewändern ziehen sie das Publikum mit den fließenden Bewegungen in ihren Bann. Ein äußerst stimmungsvoller Auftakt für diesen Abend! Anschließend geben die Tänzer und Tänzerinnen der Palucca Hochschule eine Improvisation zum Besten, die Themen (Spiegelung, Isolation und Schatten) werden per Publikumsabstimmung ermittelt. Zwar präsentiert das Tanz-Ensemble dabei eine ordentliche Leistung, dennoch wirkt dieser Programmpunkt etwas überflüssig zwischen all den beeindruckenden Choreografien.

Kann man Bach tanzen?

Marianne Vogelsang, einst Schülerin von Gret Palucca, bot 1971 ihrem ehemaligen Schüler Manfred Schnelle die Übertragung ihrer Choreografie zum 1. Präludium aus Bachs Wohltemperierten Klavier an und entwickelte für ihn Choreografien zu vier weiteren Präludien. 1973 starb Vogelsang in Berlin. Schnelle erkannte, dass Vogelsang bei ihrer Arbeit an den fünf Tänzen maßgeblich von der Vorahnung ihres eigenen Todes beeinflusst wurde. Am Ende des fünften Präludiums sei Vogelsang bei einer Probe zusammengebrochen. Aus diesem Grund entschied sich Schnelle dazu, dass genau an diesem Punkt die restlichen vier Präludien noch einmal getanzt werden sollen, nur dieses Mal in umgekehrter Reihenfolge. Manfred Schnelle selbst gab vor seinem Tod im Jahr 2016 die Choreografien an den Tänzer Nils Freyer weiter, der im Theater der jungen Welt an diesem Abend auch Vogelsangs Fünf Präludien großartig tanzt. Man kann der Reihe von Tänzen gewisse Längen nicht absprechen. Dennoch steckt in ihr eine Intensität, die bei jedem Zuschauer andere andere Assoziationen weckt. Schließlich sind die Fünf Präludien der Marianne Vogelsang eine nachdenklich stimmende Auseinandersetzung mit dem Kreislauf des Werdens und Vergehens.

Szene aus "Fünf Präludien"
Nils Freyer tanzt die "Fünf Präludien" von Marianne Vogelsang zur Musik von Johann Sebastian Bach.

Hexen, Geister und Dämonen

Krönender Abschluss des Abends ist die Aufführung dreier Choreografien der Tanz-Pionierin Mary Wigman. In der Rekonstruktion des Hexentanzes präsentiert Olivia Jane Mitchell die tänzerisch beeindruckendste Leistung der Veranstaltung. Mit nur 16 Jahren zeigt sie eine Kraft und Präsenz auf der Bühne, dass man vor ihrer Leistung nur höchsten Respekt aussprechen kann. Mit den schroffen Gesten und teils verstörenden Klängen bildet der Hexentanz ein klares Kontrastprogramm zu den bisherigen Choreografien des Abends. Zusätzlich wurde die Rekonstruktion von Wigmans Totentänzen aufgeführt und man kann dabei tatsächlich mal wieder sagen, dass das Beste zum Schluss kommt. Ist der Totentanz I mit den bunten Kitteln der Tänzer und der ekstatischen Musik noch heiter und fröhlich, geht es im Totentanz II, der das Finale der Veranstaltung bildet, sehr düster zur Sache.

Nebel wabert über die Bühne. Mit unheimlichen Masken erheben sich geisterhafte Gestalten aus ihren Gräbern, umhergetrieben von einem Dämon, der sich nun auch noch eine unbekannte weibliche Gestalt ins Totenreich holen will. Oftmals herrscht gespenstische Stille, bevor ein Schlagzeug für vereinzelte Schockmomente sorgt und die Spannung auf die Spitze treibt. Wie nahe die Rekonstruktion an Mary Wigmans Aufführung in den 1920er Jahren heranreicht, lässt sich natürlich nie sagen. Fakt ist, dass die Kraft und Faszination an den Arbeiten der drei Tanz-Legenden Wigman, Palucca und Vogelsang ungebrochen bleibt. Das zeigt auch der lang anhaltende Applaus am Ende der Aufführung.

Szene aus Mary Wigmans "Hexentanz"

 

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Das 27. Festival zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes Leipzig, kurz euro-scene 2017, steht ganz unter dem Motto "Ausgrabungen" und setzt daher besonders auf Rekonstruktionen. Werke einiger der größten Choreografen des Zwanzigsten Jahrhunderts werden dafür quasi ausgebuddelt, unter anderem die der 1993 gestorbenen Tänzerin Gret Palucca. Damit übernimmt die euro-scene die wichtige Verantwortung des Erhalts historischer Tanzstücke. Viele Choreografen des vergangenen Jahrhunderts weigerten sich, große Teile ihrer Arbeiten in Videos zu dokumentieren, da Tanz nun einmal auch vom Moment lebt. Mit den Rekonstruktionen wird das Leipziger Publikum in diesem Jahr vielleicht keine exakte Zeitreise machen, aber sicherlich einen kleinen Blick in die Tanz- und Theatergeschichte werfen.

Das euro-scene Festival findet seit 1991 statt und bringt damit schon seit unmittelbar nach der Wende internationale Performance-Highlights nach Leipzig. Für die hiesige Theaterkultur ist das eher die Ausnahme, da in Deutschland der Löwenanteil an Produktionen von kommunalen Spielstätten und nicht von mobilen Kompanien umgesetzt wird. So ist die euro-scene enorm wichtig, um auch renommierten Künstlern wie Alain Platel die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeiten auch hierzulande bei Gastspielen zu präsentieren.

Dienstag

19:30 Das Triadische Ballett

Mittwoch

16:00 Goldkugeln der Tanzgeschichte

19:30 Das Triadische Ballett

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

Donnerstag

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 Bombyx Mori

Freitag

16/17/18 Uhr Pakman

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 Vangelo

22:00 Bombyx Mori

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Samstag

14/17/20 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

16/17/18 Uhr Pakman

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 The wanderer's peace

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Sonntag

11/15/16 Uhr Pakman

11/14/17 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

17:00 The wanderer's peace

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo