Literatur

Die Suche nach der Freiheit

"Washington Black" – der hochgelobte Roman der kanadischen Autoren Esi Edugyan ist jetzt auch auf Deutsch erschienen. Die Geschichte eines Sklavenjungen, der nach seiner Flucht den Weg zu sich selbst findet, ist sprachlich schön und inhaltlich tief.
Mit einem Luftschiff machen sich Washington und Titch auf in die Welt.
Mit einem Luftschiff machen sich Washington und Titch auf in die Welt.

Der Beitrag zum Nachhören:

Die Rezension von Redakteur Lucas Wotzka.
Die Rezension von Redakteur Lucas Wotzka

Barbados, im Jahr 1930. Der Sklavenjunge Washington Black erntet Zuckerrohr auf den Feldern einer Plantage. Er ist hier geboren, die Plantage ist seine Heimat. Es ist ein Leben voller Gewalt und Grausamkeit. Washington Black hat keine Familie, er schläft auf dem Boden einer einfachen Hütte. Seinen Namen hat ihm der Plantagenbesitzer gegeben. 

Was es bedeutet, frei zu sein, weiß er nicht. Wäre da nicht seine erwachsene Gefährtin, Big Kit. Sie schmiedet den Plan, sich und Washington umzubringen, um der Grausamkeit zu entgehen. Und sie erklärt ihm, welche Freiheit das bedeuten würde.

„Oh, Kind, das ist wie nichts in dieser Welt. Wenn du frei, du kannst machen, was du willst“. – „Und immer hingehen, wo du willst?“ – „Und immer hingehen, wo du willst. Immer aufstehen, wann du willst. Wenn du frei“ flüsterte sie, „und fragt dich jemand was, musst du nicht antworten. Du musst keine Arbeit fertigmachen, die du nicht fertigmachen willst. Du hörst einfach auf.“ Staunend schloss ich die müden Augen. „Stimmt das wirklich?“. Sie gab mir einen Kuss aufs Haar, gleich hinter mein Ohr. „Mhm. Du legst einfach die Schaufel hin und gehst.“

Der Roman wird von Washington Black selbst erzählt: Aus der Perspektive eines Jungen, der nicht lesen kann, der noch nie die Plantage verlassen hat, den die Aufseher wie einen Gegenstand behandeln.

Doch das ist nur der Anfang der Geschichte, die Washington Black erst auf das Festland, dann in die Arktis und schließlich bis nach England  und Marokko führen soll - immer auf der Suche nach der Freiheit. Es ist eine Geschichte des Erwachsenwerdens und eine Suche nach Identität.

Eines Tages erscheint ein Bruder des Plantagenbesitzers, der Tüftler und Wissenschaftler Titch.

In meinem Kopf hatte ich ihn mir düster und unheimlich vorgestellt. Aber das war er nicht. Sein Haar trug er schulterlang, außerdem einen dunkelblauen Gehrock. Er hatte lange dünne Finger, an jedem Zeigefinger steckte ein juwelenbesetzter Ring. Die Füße standen fest und hüftbreit auseinander vor seinem Stuhl, als wolle er jeden Moment aufstehen. Und doch saß er fast reglos da, während ich das lauwarme Wasser in sein Glas goss, und unterbrach sogar seinen Redefluss, um mir ein schwaches Lächeln zuzuwerfen.

Titch nimmt sich Washington als Assistenten und lehrt ihn das Zeichnen. Er scheint kein weißer Mann zu sein wie die anderen – er setzt sich für die Freiheit von Sklaven ein, wie sich später herausstellt. Gemeinsam mit ihm gelingt Washington schließlich die Flucht von der Plantage.

Das Verhältnis der beiden ist eines der Kernelemente des Romans. Es ist aber nicht die Geschichte des weißen Retters, sondern die einer besonderen Freundschaft, die sich aus ungleichen Voraussetzungen erst entwickeln muss. Der alte, gebildete Titch und der Sklavenjunge Washington, für den alles an der Welt zunächst neu ist. Was sie verbindet, ist die Abkehr von ihrer Heimat.

Titch will in die Arktis reisen, für Washington organisiert er eine Möglichkeit, nach Oberkanada zu gehen – wo er in Freiheit leben könnte. Doch Washington weigert sich, er will bei Titch bleiben.

Ich schätze, mit dieser Entscheidung glaubte ich, Mut zu beweisen. Ich schätze, mein kindisches Ich hielt sie für einen Akt der Treue, der Dankbarkeit, ein Zurückgeben der Freundlichkeit, die er mir erwiesen hatte und an die ich mich nie hatte gewöhnen können. Vielleich fühlte Titch sich für mich an wie die einzige Art Familie, die mir noch geblieben war.

Diese Abhängigkeit verblasst nur langsam. Washington Black ist ständig auf der Hut vor den Sklavenjägern, und wird dabei immer selbstständiger.

Esi Edugyan findet dafür genau die richtigen Worte. Ihre Sprache ist voll von kunstvollen Metaphern, von Naturbeschreibungen der verschiedenen Schauplätze. Es gelingt ihr, einen Abenteuerroman zu schreiben, der nicht plakativ, sondern behutsam auf die zugrundeliegenden Themen verweist: Die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in Nordamerika und das Erwachsenwerden in einer fremden Welt.

Nachdem er Titch verlassen hat, findet Washington Arbeit in einem Hafen.

Ich war kein Kind mehr; ich war ein junger Mann von sechzehn Jahren. […] Ich erinnerte mich daran, was Big Kit einst gesagt hatte – dass der freie Mann, wenn er nicht arbeiten wollte, einfach die Schaufel hinlegte und ging. [...] Doch es kam einem regelrechten Aufrütteln gleich, Titchs verhätschelte Welt zurückzulassen und wieder der Brutalität des weißen Mannes zu begegnen. Nigger genannt und voll Abscheu getreten zu werden wie eine Hafenratte.

Die häufigen Ortswechsel verwirren, nicht immer ist man sich sicher, wozu sie dienen. In der Geschichte passiert sehr viel, immer wieder wendet sich die Handlung, Sprünge von Ort und Zeit häufen sich. Washington findet einen guten Freund, seine erste Liebe, er entdeckt das Zeichnen, und er sucht nach Titch. Vieles wirkt willkürlich, und das Ende bleibt offen.

Trotzdem ist der Roman eine Empfehlung wert: Die Perspektive bleibt immer interessant, und die Auseinandersetzung mit der Sklaverei ist differenziert. Gerade der erste Teil des Romans zeichnet die grausame Heimat auf der Plantage, aber eben doch eine Heimat. Washington Black ist die Geschichte des Verlustes von Heimat, und von dem Versuch, sie wiederzufinden.

 

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„Washington Black“ von Esi Edugyan. Das Buch ist im Eichborn Verlag erschienen, 512 Seiten lang und kostet 24 Euro (Bild: Bastei Lübbe).