Sexualität in der DDR

Die stille Revolution

Vor rund fünfzig Jahren zettelte die 68er-Bewegung mit brennenden BHs die sexuelle Revolution in Westdeutschland an. In der DDR verlief sie anders, erzählt Sexualwissenschaftler Kurt Starke.
Revolution Bild
Revolution als Kampf für Veränderung

Die DDR in den 50er-Jahren: Auf überfüllten FKK-Stränden tummelten sich Hunderte nackte Menschen. An den Anblick blanker Hintern hatte man sich längst gewöhnt. Verächtlich blickten DDR-Bürger und die SED-Führung vielmehr auf den ach so verklemmten Westen. Eine sexuelle Revolution brauchte man im Osten nicht, so scheint es. Doch hinter der freizügigen Fassade herrschte damals auch in Ostdeutschland eine prüde Sexualmoral - Sex war ein Tabuthema. Frauen sollten wie im Westen jungfräulich in die Ehe gehen.

In diesem Umfeld begann Kurt Starke mit seinen Forschungen zu Sexualität und Partnerschaft. Er war lange Zeit Professor an der damaligen Karl-Marx-Universität Leipzig und Forschungsdirektor des Zentralinstituts für Jugendforschung. Schon bei seinen ersten Untersuchungen in den 1960er Jahren stellte er fest, wie sich Sexualität wandelte:

Nämlich, dass der sogenannte voreheliche Geschlechtsverkehr nicht nur toleriert, sondern praktisch gelebt wurde.

Kurt Starke, Sexualwissenschaftler

Treibend dabei waren die jungen Ost-Frauen – sie hatten im Ost-West-Vergleich am frühesten Sex.

Männer und Frauen auf Augenhöhe

Der Wandel der Sexualität hängt laut Kurt Starke vor allem mit Frauen und ihrer neuen Stellung in der Gesellschaft zusammen. Ein Grund dafür war die Pille: Als diese in den 1960er Jahren auf den Markt kam, konnten Frauen endlich freier mit Sex umgehen. Außerdem waren in der DDR der 1950er Jahre bereits über die Hälfte der Studierenden weiblich. Und sie hatten auch nach dem Studium keine beruflichen Zukunftsängste:

Sie wussten genau, sie kriegen Arbeit, sie können etwas verdienen, gemeinsam mit dem Mann. Und das schafft ein ungeheures Selbstbewusstsein, wenn man so eine Zukunftsperspektive hat.

Kurt Starke

Anders als in Westdeutschland arbeiteten in der DDR fast alle Frauen Vollzeit. Finanziell waren sie deshalb nicht vom Mann abhängig. Das wirkte sich auch auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern aus: Männer und Frauen nahmen sich in Ostdeutschland weniger in ihren Geschlechterrollen wahr. Auch feministisches Denken – im Westen eng verbunden mit der sexuellen Revolution – war kaum vorhanden.

Dort laut, hier leise

Während die sexuelle Revolution in Westdeutschland lautstark auf der Straße stattfand, veränderte sich Sexualität in der DDR abseits der Öffentlichkeit. Die Prozesse verliefen meist still und fanden in der Famile statt. Nicht zum Beispiel in Talkshows. Auch vermarkteten Sex, zum Beispiel in der Werbung, gab es kaum. Pornos und erotische Literatur verbot die SED-Führung. Subkulturen hatten es in der DDR schwer.

Wer eine spezielle Vorliebe hatte, zum Beispiel Lederfetischist war, der hatte es schwer, weil in der DDR das Leder knapp war.

Kurt Starke

Vieles spielte sich in der DDR im Verborgenen ab – auch die sexuelle Revolution. Der Unterschied zu Westdeutschland: Dort ging es laut und lärmend zu.

mephisto 97.6-Redakteurin Jana Lapper hat sich genauer mit dem Ablauf der sexuellen Revolution beschäftigt:

 
 

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Jana Lapper
08.06.2017 - 12:35