Kolumne

Die Stille nach dem Knall

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Lisanne Surborg über Rauch, Rebellen und Randale.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

"Die Stille nach dem Knall" - Die Kolumne von Lisanne Surborg
0902 Kolumne

Wenn ich abends versuche, einzuschlafen, knallt es draußen und ich denke jedes Mal, dass Banden vor meinem Schlafzimmerfenster aufeinander schießen oder der dritte Weltkrieg losbricht.

Meistens halte ich dann für ein paar Sekunden die Luft an und lausche. Aber niemand beginnt zu schreien oder zu wimmern. Da ist nur Stille. Seit Jahren frage ich mich, was da nachts so bombenartig knallt. Diese Woche hat die LVZ eine Antwort für mich:

Zigarettenautomaten.

In Leipzig werden immer mehr Zigarettenautomaten in die Luft gesprengt. Nachts, im Schutze der Dunkelheit, wenn ich schlafen will. Nur warum? Und wer steckt dahinter?

- Sind es:

A) Raucher ohne das nötige Kleingeld, aber mit einer Stange Qualitätsböller

B) unpolitische Vandalen, die ihre Zerstörungslust ausleben

Oder

C) militante Nichtraucher, die ein Zeichen gegen Teer und Nikotin in Leipzig setzen wollen?

Ah, knifflig.

Antwort A, Raucher mit Böllern, aber ohne Geld… out: Silvester war gerade erst. Antwort B, Zerstörungswütige… auch langweilig. Von Randalierern liest man ja täglich.

Aber C) militante Nichtraucher, die aus Protest gegen das Rauchen nicht einzelne Zigaretten, sondern gleich den ganzen Automaten zerstören… Da hat jemand eine Mission, das spricht mich an!

Kolumnistin Lisanne Surborg
Schockiert, überfordert und ein bisschen angewidert: unsere Kolumnistin Lisanne Surborg

Ich gehöre zu einer Generation, die mit dem Rauchverbot in Gaststätten aufgewachsen ist. Das Gesetz trat im Juni 2007 in Kraft, da war ich 13 und noch nicht in meiner Bar-Phase. Als meine Bar-Phase dann kam, waren da kleine Raucherräume und die großen Schankräume, in denen nicht geraucht wurde.

In letzter Zeit hat sich da was verändert, für mich zumindest. Laut Statistik rauchen zwar immer weniger Menschen, sowohl die Jugendlichen als auch die bis 25-Jährigen. Aber in den hippen neuen Bars, wo absichtlich abwetzte Möbel stehen und nackte Glühbirnen stylisch aus den Wänden ragen, sammelt sich der Zigarettenrauch unter den Decken. Und plötzlich bin ich bei einer Lesung in solch einer Bar der einzig nicht-rauchende Gast.

Die Luft wird dicker, es brennt mir in den Augen und ich frage mich, wie da vorn noch jemand laut vorlesen kann. Am Anfang wird auf mein Bitten noch ein Fenster gekippt. Aber nach einer Minute frösteln die Anderen und die Fenster klappen zu.

Schade. Ich hätte gern besser zugehört, aber ich war so mit Atmen beschäftigt. Nach der Lesung gehe ich draußen meinen Kopf auslüften, die Klamotten hänge ich über Nacht auf den Balkon, aber am nächsten Tag stinken sie immer noch. Von Haut und Haar bekomme ich mein Eau de Aschenbecher nur durch eine sofortige Notdusche.

Vielleicht stört das auch die militanten Nichtraucher, die als Protestaktion Zigarettenautomaten in die Luft sprengen?

- Ich logge ein: C) militante Nichtraucher, die ein Zeichen gegen Teer und Nikotin in Leipzig setzen wollen.

Ich durchblicke das Gesetz noch nicht so richtig. Kleine Kneipen mit nur einem Raum dürfen Rauchen erlauben. Wenn sie kleiner sind als 75 qm. 75 qm, das ist gar nicht so wenig. Ich kenne 3-Mann-WGs, die auf kleinerem Fuß hausen.

Ich stelle mir die Automatensprenger als verwegene, Kapuzenpulli tragende Gestalten vor, die unsere Lungen schützen wollen. Bei Nacht und Nebel auf Mission, die Robin Hoods der Frischluft. Sie fordern „Care statt Teer!“. Und jedes Mal, wenn ein Knall mich weckt, weiß ich: Jemand denkt an mich.

- Antwort C ist falsch.

Oh.

- Es sind vermutlich mal wieder nur B) unpolitische Vandalen, die ihre Zerstörungslust ausleben.

Tja, schade.

 

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