Rotes Sofa: Kateřina Tučková

Die Schuld der Deutschen und Tschechen

Der Roman "Gerta. Das deutsche Mädchen" erzählt von den Leiden einer Brünner Deutsch-Tschechin, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem befreiten Protektorat Böhmen-Mähren vertrieben wird und deren Leben auch danach von Ausgrenzung geprägt bleibt.
Redakteurin Angie Fischer im Gespräch mit Autorin Kateřina Tučková.
Redakteurin Angie Fischer im Gespräch mit Autorin Kateřina Tučková.

Die Geschichte von Gerta Schnirch beginnt in den 1930er Jahren im mährischen Brünn. Dort wächst sie als junges Mädchen auf. Ihre Mutter ist Tschechin, ihr Vater Deutscher und genau wie der Bruder ein Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren im Jahr 1938 geht ein Riss durch die Familie. Sie zerfällt - wie die Gesellschaft auch - in einen tschechischen und einen deutschen Teil. 

Deutsche und Tschechen

Für Gerta, die sich eher als Tschechin fühlt, beginnt mit dem Krieg eine leidvolle Zeit. Ihre Mutter stirbt an einer Krankheit und Gerta bleibt allein und isoliert zurück. Von ihrem Vater wird sie irgendwann vergewaltigt und schwanger. 

Nach Ende des Krieges wird Gerta zum Staatsfeind erklärt und mit ihrer Tochter Barbora sowie Tausenden von anderen Deutschen vertrieben – im sogenannten "Brünner Todesmarsch". Gerta und ihre Tochter überleben und landen mit anderen deutschen Frauen zur Zwangsarbeit im tschechischen Perná. 

Als sie Jahre später nach Brünn zurückkehren können, werden sie als Deutsche stigmatisiert. Fortan leben sie am Rande der kommunistischen Gesellschaft in der Tschechoslowakei und Gerta, hin und hergerissen zwischen zwei Identitäten, führt bis zu ihrem Tod ein unerfülltes Leben. 

Fiktiv, aber wahr?

Auch wenn Gerta Schnirch in Wirklichkeit nie existiert hat, Schicksale wie ihres hat es gegeben. Gertas Geschichte beruht auf offiziellen Quellen und Zeitzeugenaussagen, die Autorin Kateřina Tučková zu einer Fiktion verdichtet hat. Mit ihrem Buch stellt sie Fragen nach der historischen Schuld und dem Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen.

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Redakteurin Angie Fischer im Gespräch mit Autorin Kateřina Tučková. .
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Kateřina Tučková ​wurde 1980 in Brünn geboren und lebt heute in Prag. Dort promovierte sie 2014 auch am Institut für Kunstgeschichte der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität. Davor hatte sie in Brünn Kunstgeschichte und tschechische Philogie studiert. Für ihren Roman "Gerta. Das deutsche Mädchen" wurde Tučková ​ 2010 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, den Magnesia Litera, ausgezeichnet.