M19 bei der Frankfurter Buchmesse

Die Schrecken der modernen Welt

Die kalten Monate sind die optimale Lesezeit. Dabei kann einen das Überangebot an neuen Büchern allerdings schon mal erschlagen. M19 war auf der Frankfurter Buchmesse und hat mit der Autorenschaft der spannendsten Neuerscheinungen gesprochen.
Bücher als Ruhepol in der Hektik des Alltags
Bücher als Ruhepol in der Hektik des Alltags

Reise nach Tschetschenien

Nino Haratischwili
Nino Haratischwili

Auch der neue Roman der georgisch-deutschen Autorin Nino Haratischwili ist ein echtes Schwergewicht geworden. Das bezieht sich nicht nur auf die Wahl des Themas - den zweiten Tschetschenienkrieg, sondern ist auch ganz wörtlich zu nehmen. Mit 750 Seiten ist der Roman zwar schon ein gutes Stück dünner geraten als ihr fast 1300 Seiten starker, hochgelobter letzter Roman "Das achte Leben". Mal eben so weglesen lässt sich allerdings auch "Die Katze und der General" kaum. In ihrem Buch setzt sich Haratischwili mit der Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Tschetschenin auseinander und begleitet den damaligen Täter Alexander Orlow bei seiner späten Suche nach Rache und Vergeltung. Grundlage für das Buch bietet ein Text der 2006 ermordeten russischen Reporterin und Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja, die der Öffentlichkeit vom zweiten Tschetschenienkrieg berichtete. Für die weitere Recherche bereiste Nino Haratischwili selbst das Land und versucht ihre Betrachtungen als Außenstehende in ihre Arbeit einfließen zu lassen.

Im Gespräch mit der Autorin wollten wir erfahren, wie man sich den Schrecken des Krieges sprachlich annähern kann und wie sie das Land auf ihren Reisen wahrgenommen hat.

Moderator Thilo Körting im Gespräch mit der Autorin Nino Haratischwili
Moderator Thilo Körting im Gespräch mit der Autorin Nino Haratischwili

Neben den verschiedenen Perspektiven, die Nino Haratischwili in ihrem Buch aufzeigt, darunter auch die der Täter, spielt auch die sprachliche Verarbeitung ihrer Eindrücke von ihrer Reise eine große Rolle. Hierbei wollte die Deutsch-Georgierin im Roman besonders die Natur in Tschetschenien einfangen, die sie auf ihren Reisen als sehr monumental und bedrückend wahrnahm.

Nino Haratischwili liest aus ihrem Roman "Die Katze und der General"

Nino Haratischwili liest aus "Die Katze und der General"
Nino Haratischwili liest aus "Die Katze und der General"

"Geschichten sind das Leben"

Gianna Molinari auf der Buchmesse

 

Den vermutlich schönsten Titel aller für den Buchpreis nominierten Werke hat die Schweizer Autorin Gianna Molinari gefunden. "Hier ist noch alles möglich" begleitet eine ehemalige Bibliothekarin, welche in einer Fabrik, die bereits kurz vor der Schließung steht, als Nachtwächterin angestellt wird. Eigentlich ein recht unüblicher Zeitpunkt für neues Personal. Diese Tätigkeit wurde ihr aus einem akuten Sicherheitsbedürfnis des Chefs angeboten. Einer der wenigen Angestellten, die überhaupt noch in der Fabrik arbeiten, der Koch, will auf dem Fabrikgelände einen Wolf gesehen haben. Dieser versetzt ihn, den Chef und die restlichen verbliebenen Mitarbeiter in Panik, obwohl über die gesamte Dauer des Romans eigentlich nicht so recht klar wird, ob es diesen Wolf denn überhaupt gibt.

Moderator Thilo Körting im Gespräch mit der Autorin Gianna Molinari
Moderator Thilo Körting im Gespräch mit der Autorin Gianna Molinari

Gianna Molinari bricht in ihrem Roman mit herkömmlichen Erzählstrukturen. Immer wieder fügt die Autorin dem Text etwa auch grafische Elemente hinzu. Auffällig ist zudem der stark motivische Charakter des Buches. Gewisse zentrale Begriffe und Gegenstände wie Grenzen, der Wolf oder auch Inseln werden immer wieder aufgegriffen und variert.

Gianna Molinari liest aus ihrem Debütroman "Hier ist noch alles möglich"

Gianna Molinari liest aus "Hier ist noch alles möglich"
Gianna Molinari liest aus "Hier ist noch alles möglich"

Möglicherweise ist die Anwesenheit des Menschen das Störende an diesem Planeten

Eckhart Nickel
Eckhart Nickel auf der Frankfurter Buchmesse

Mit dem Thema Schrecken hat sich auch Eckhart Nickel auseinandergesetzt. Der ehemalige Popliterat und Weggefährte von Christian Kracht hat in "Hysteria" eine künstliche Zukunftswelt erschaffen, in der ein Ökoterrorismus herrscht. Eine Schale übel aussehender Himbeeren ist hierbei für den sensiblen Gourmet Bergheim der Ausgangspunkt einer schrecklichen Entdeckung. Als er sich aufgewühlt auf die Suche nach ihrer Herkunft macht, macht er die Erfahrung, dass in seiner Gesellschaft alles Natürliche nur noch als Kunstprodukt existiert. Zudem muss er erfahren, dass ausgerechnet seine alte Studienkollegin und frühere Geliebte Charlotte im Zentrum dieser ökologischen Verschwörung steckt.

Mit Eckhart Nickel haben wir uns über die gesteigerte Hysterie in unserer Gesellschaft, Paranoia und einfallslose Werbetexter unterhalten. Zudem haben wir eine der zentralen Aussagen des Buches diskutiert: Die Frage, ob nicht vielleicht der Mensch das Störende an diesem Planeten ist und beseitigt werden müsse.

Moderator Thilo Körting im Gespräch mit dem Autor Eckhart Nickel
Moderator Thilo Körting im Gespräch mit dem Autor Eckhart Nickel

In kaum einer Rezension zu "Hysteria" wurde darauf verzichtet auf den starken Anfangssatz des Romans hinzuweisen. Und in der Tat zeigt Nickels Satz "mit den Himbeeren stimmte etwas nicht" im Kleinen bereits auf, was im Großen verkehrt läuft in seiner dystopischen Zukunftswelt. Und zieht den Lesenden nebenbei sofort in den Bann.

Eckhart Nickel liest den Anfang seines Romans "Hysteria"

Eckhart Nickel liest aus "Hysteria"
Eckhart Nickel liest aus "Hysteria"
 

Kommentieren

Moritz Fehrle
02.11.2018 - 10:51
  Kultur

Die Bücher

Nino Haratischwili: "Die Katze und der General", Frankfurter Verlagsanstalt, 750 Seiten, 30€

Eckhart Nickel: "Hysteria", Piper, 240 Seiten, 22€

Gianna Molinari: "Hier ist noch alles möglich", Aufbau Verlag, 192 Seiten, 18€

Eine ausführliche Rezension finden Sie unter https://mephisto976.de/news/wo-woelfe-wohnen-66592