CD der Woche

Die Reise ins Ich

Auf ihrem neuen Album präsentieren die britischen Elektro-Rocker von Archive eine neue Besetzung, einen neuen Sound und ein neues Konzept. Können so viele Neuerungen gut gehen?
Archive - The False Foundation

Archive waren schon immer eine musikalische Wundertüte. Das liegt allerdings nicht unbedingt  daran, dass sie ständig ihren Stil ändern würden. Der bewegte sich in der Vergangenheit zwischen verschiedenen Genres wie Trip Hop, Electronica, Post Rock und Indie Rock und blieb dabei aber stets unverwechselbar Archive. Vielmehr überrascht ein neues Album der Londoner oft damit, wer darauf eigentlich zu hören sein wird. Wenige andere Gruppen hatten in 22 Jahren Bandgeschichte,  einen vergleichbaren Verschleiß an Mitgliedern.

Ständige Veränderung

Die einzigen festen Mitglieder von Archive sind die Komponisten und Soundtüftler Danny Griffiths und Darius Keeler. Nachdem die Band ihre ersten beiden Alben noch mit einem Rapper und einer Sängerin (die sie zwischendurch auswechselten) am Mikro aufgenommen hatten, damit aber kaum Erfolg hatten, tauschten sie diese Kombination gegen einen einfachen Sänger. Als der dann ebenfalls nach zwei Alben ausgestiegen war, entschieden sich Archive das Konzept einer Band mit Leadsänger aufzugeben und stattdessen lieber als ein Kollektiv weiterzumachen, in dem individuelle Künstler zu dem etablierten Sound beitragen konnten. Dazu verpflichteten sie neben weiteren Instrumentalisten mehrere Sänger und Sängerinnen, die sich auf den folgenden sechs Alben mit Beiträgen abwechselten oder kollaborierten.

Das war jetzt offenbar schon wieder genug Routine für die Masterminds hinter Archive, denn mit dem neuen Album The False Foundation verabschieden sie sich wieder von diesem Ansatz und belassen es bei einem Sänger. Archive scheinen sich wenig darum zu sorgen, Fans zu verschrecken. Man kann ihren Mut also durchaus bewundern.

Schwer durchdringliche Songs

Auch musikalisch wirkt das neue Album reduzierter als die Vorgänger. Wo diese noch eine Vielzahl analoger Instrumente in das Soundkostüm miteinspannen, dominieren auf The False Foundation Synthesizer, Keyboard und Drum-Computer deutlich. Flach wirkt das Album dennoch nicht. Im Gegenteil, denn vor allem die ersten Songs wirken etwas sperrig und wenig greifbar. Der Opener Blue Faces baut über mehrere Minuten hinweg durch eine langsame Pianomelodie und sphärischen Gesang eine düstere Stimmung auf, die dann jäh von elektronischem Krach unterbrochen wird. Ähnlich ungreifbar ist auch der zweite Track Driving In Nails, bei dem ein Drum-Computer, sowie wabernde Synthies im Vordergrund stehen und die titelgebende Zeile in einer Endlosschleife abgespielt wird. All das dient mehr dazu eine psychedelische Atmosphäre zu erzeugen, als mitreißende Melodien zu schaffen.

Dieser Ansatz hat jedoch seine Berechtigung. Die Band beschreibt The False Foundation als ein Konzeptalbum, das sich um das menschliche Unterbewusstsein dreht. Dass sie mit der dazugehörigen Musik erst zur Introspektion einladen, anstatt direkt auf den Endorphin-Haushalt der Zuhörer zu zielen, macht also Sinn.

Das Falsche Fundament

Erst mit dem Titeltrack ziehen Archive das Tempo wieder an, und schaffen einen schnellen Elektro-Rock-Song mit klarer Vers-Refrain-Struktur. Textlich beziehen sie sich hier auf einen ganz speziellen Aspekt des Unterbewusstseins: „The False Foundation“ heißt „Das falsche Fundament“. Gemeint seien damit die unterbewussten Grundannahmen, auf denen unser gesamtes Weltbild basiere. Das seien Annahmen, die wir normalerweise nicht hinterfragen, die in unserem Kopf „eben einfach so sind“. Meist seien diese unproblematisch, manchmal können sie sich jedoch als falsch und gefährlich erweisen und zum Beispiel zu Diskriminierung führen. Auf dem Titeltrack warnen Archive deshalb vor dem King of the False Foundation, also jemandem der solche Vorurteile ausbeutet und für seine Zwecke missbraucht.

Everything you thought now a distant blur

Forgiven for the lies hate twisted horror

The burning of hope and the dreams you had

Left back at home with a mother crying

Arms raised up to the love collected

We’re all going to the land of pure happiness

With the king of the false foundation

Archive

Ob der King of the False Foundation als politischer Kommentar zu verstehen ist, oder sie dabei an eine bestimmte Person dachten, ließen Archive in Interviews bewusst offen.

Eine intensive Reise ins Unterbewusstsein

Einige Fans vorheriger Archive-Werke wird The False Foundation zunächst vor den Kopf stoßen. Das Album ist durch die reduzierte Besetzung und Instrumentierung weniger abwechslungsreich als die Vorgänger. Zwar befinden sich mit Liedern wie dem Titeltrack oder auch Splinter und Stay Tribal wieder ein paar klassische, mitreißende Archive-Songs auf dem Album. Der Fokus liegt jedoch eher darauf, eine Stimmung zu erzeugen, die ganz im Dienst des Konzepts steht. Zum entspannten Nebenbeihören eignet sich The False Foundation somit definitiv nicht. Wer die Geduld mitbringt das Album auf sich wirken zu lassen, der wird jedoch mit einem intensiven Psychotrip belohnt.

 

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Martin Pfingstl
13.10.2016 - 16:40
  Kultur

Archive: The False Foundation

Tracklist:

1. Blue Faces*

2. Driving In Nails

3. The Pull Out

4. The False Foundation*

5. Bright Lights

6. A Thousand Thoughts

7. Splinters*

8. Sell Out

9. Stay Tribal

10. The Weight of the World

Erscheinungsdatum: 07.10.2016
Dangervisit / [PIAS] Cooperative