CD der Woche: Bonaparte

Die Reise der Katze

Sex, Drugs, Rock’n’Roll – wenn ein Künstler ganz nach diesem Motto gelebt hat, dann Bonaparte. Mit seinem neuen Album „The Return Of Stravinsky Wellington“ schlägt der Schweizer Produzent und Songwriter jetzt ruhigere Töne an.
Bonaparte hat mit "The Return Of Stravinsky Wellington" ein neues Album am Start
Bonaparte

Ein Dutzend Leute auf der Bühne, eine Zirkusshow mit als Tiere verkleideten Menschen und schockierende Erotik-Performances. Dafür steht der Name Bonaparte. Hinter dem Künstlernamen steckt eigentlich Tobias Jundt. Nach einem Roadtrip gründete er 2006 in Barcelona das Projekt Bonaparte, zu dem eine wechselnde Besetzung gehörte. Mit seinem ersten Album „Too Much“ startete Bonaparte eine Revue des Trash-Punks. Den lebte er auch auf der Bühne aus. Fast zehn Jahre sind seitdem vergangen, und selbst vor einem scheinbaren Jungbrunnen wie Bonaparte macht das Alter keinen Halt. Eine Frau, zwei Kinder und ein paar Katzen – klingt nach einem fast spießigen Leben.

Die größte Veränderung für Bonaparte? Am Tag und nicht in der Nacht aktiv sein. Das hat auch den Sound seines fünften Studioalbums beeinflusst. Nach Platten für Nachteulen hat Bonaparte einen Soundtrack für den Alltag aufgenommen – unaufgeregt und erwachsen.

Die Rückkehr der Katze

„The Return Of Stravinsky Wellington“. Ein Name, der im Vergleich zum vorherigen Albumtitel „Bonaparte“ doch nicht ganz eindeutig ist. Wellington kennt man als Stadt in Neuseeland. Hier wurden auch die Bläser für das neue Bonaparte-Album aufgenommen, die in Songs wie „Wolfenbüttel“  ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Gleichzeitig war es auch General Wellington, der Napoleon in der Schlacht bei Waterloo zu Fall brachte. Und Stravinsky Wellington? Das ist einfach eine von Jundts Katzen. Betrachtet man den Albumtitel von dieser Seite, stellt sich also die Frage, woher die Katze kommt, warum sie wiederkehrt und wohin sie geht. Übertragen auf Menschen heißt das nichts anderes, als dass Bonaparte ein Album über’s Reisen, viel mehr noch aber über’s nach Hause kommen, aufgenommen hat. Den perfekten Song für’s Welt erkunden liefert Bonaparte übrigens mit dem Song „Kinofolk“, der gute Laune verbreitet und für Aufbruchstimmung sorgt.

Ruhige Aufbruchstimmung

Indem Bonaparte auf „The Return Of Stravinsky Wellington“ nach Hause kommt, kommt er auch zur Ruhe. An die Stelle von Trash und Punk sind minimalistische, aber einprägsame Melodien getreten. Der Sound wird gelassen und entspannt; so als hätte Bonaparte zu sich selbst gefunden.

„Now these days I’m feeling more like being myself / And that’s a good thing maybe you should try it yourself” (Halfway House)

Der Party-Lifestyle bleibt auf der neuen Platte weitestgehend auf der Stecke. Bonaparte singt zwar “There’s a party in the halfway house”; die Melodie des Songs zieht aber mit Sicherheit nicht jeden auf die Tanzfläche. Ein kleines Kopfnicken wird man aber kaum unterdrücken können. “Hey (Is For Horses)” sorgt dann dafür, dass auch der Letzte Lust auf Tanzen hat.
Der Song mit dem größten Ohrwurmpotenzial ist allerdings “Fuck Your Accent”. Eine Liebeserklärung an die Sprache und eine Ode an nicht-körperlichen Sex.

"And the world goes tweet, tweet, tweet"

Textlich begibt sich Bonaparte ebenfalls auf eine Reise. Während er im Song “White Noize” die politische Entwicklung der letzten Jahre reflektiert, geht es im Song “Polyamorous” um den stereotypen, monogamen Mann vom Dorf, der mit der polyamourösen Polly auf eine gänzlich andere Welt stößt. Gemeinsam mit seiner Frau hat Bonaparte außerdem eine Liebesgeschichte in einer Entzugsanstalt geschrieben.
Neben seiner Frau, hat Bonaparte auch tatkräftige Untertsützung von seiner Tochter bekommen, die den letzten Song der Platte “High Five In Your Face” selbst getextet und eingesungen hat. “The Return Of Stravinsky Wellington” ist in diesem Sinne also ein echtes Familienprojekt.

Und ist das gelungen?

Ja. Ja. Und Ja. Bonaparte hat sich entwickelt. Mit Exzessen ist jetzt Schluss. Das kann man langweilig und spießig finden oder einfach natürlich. Das Album klingt wie Bonaparte. Nur eben in minimalistischer Form. Aber es ist doch noch Bonaparte. Laut dem Management hat er so viel Liebe, Zeit und Herz in die Platte gesteckt wie noch nie. Hat sich schon gelohnt. Wer sonst könnte ein gutes Lied über Wolfenbüttel schreiben? 

 

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Lucie Herrmann
08.06.2017 - 11:36
  Kultur

Bonaparte: The Return Of Stravinsky Wellington

Tracklist:
  1. White Noize *
  2. Halfway House *
  3. Fuck Your Accent *
  4. Let It Ring
  5. Wolfenbüttel
  6. Hey (Is For Horses) *
  7. Melody X
  8. In The Wash
  9. Polyamory
  10. Kinfolk *
  11. High Five In Your Face

* Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 02.06.2017
Belive Digitial / Bonaparte