Kolumne

Die Löcher im Latexanzug

Die Kolumne. Immer Freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Lisanne Surborg über Reifrockroben und Stacheldrahtkronen.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

"Die Löcher im Latexanzug" - Die Kolumne von Lisanne Surborg
2505 Kolumne

 

So, ich war ein paar Tage nicht da. Was hab ich verpasst?

 

„Fahrraddemo fordert sichere Mobilität in Leipzig“

„Mehr Feuerwehreinsätze bei XXL-Patienten“

„Gewitter in Sachsen – Leipzig bleibt verschont“

„Wave-Gotik-Treffen in der Messestadt“

 

Richtig, das WGT hab ich dieses Jahr verpasst. Die ersten Schwarzgekleideten fielen mir Donnerstag am Fernbus Terminal auf. Den totenkopfbesetzten Spazierstock gezückt und mit Plastiktüten voll gehörnter Zylinder und Stacheldrahtkronen machten sie sich auf, die Stadt zu übernehmen.

Ich habe Kollegen, die zum WGT aus der Stadt fliehen. Ich dagegen bin fast schweren Herzens gegangen, denn ich finde das WGT unglaublich spannend.

Es ist ja kein schwarzer Einheitsbrei, der durch die Innenstadt schwappt. Da sind Steampunk-Helden mit selbsterfundenen Maschinen, viktorianische Damen in prachtvollen Reifrockroben und alles an Fabelwesen, was man sich vorstellen kann. Das Heidnische Dorf und das Viktorianische Frühstück bauen eine wundervolle Parallelwelt auf, wie ein Buch, wie ein Film – nur live.

An Pfingsten ist Leipzig schwarz, aber so voll bunter Vielfalt und Fantasie, dass ich mich nicht satt sehen kann.

„Ich finde es bescheuert, Leute so anzugaffen!“, sagt meine Kollegin.

Aber wie soll man denn nicht gucken, wenn eine Frau ihren latexbedeckten Partner wie einen Hund an der Bar anleint?

„Möchtest du was trinken, während du wartest?“, fragt meine Freundin, die jedes Jahr an der Bar arbeitet.

Möchte er nicht. Wie auch, wenn die einzigen Löcher im Latexanzug für die Augen sind.

Klar sollte man keine Leute begaffen, weil sie anders sind. Nur ist das beim WGT ausnahmsweise erlaubt – Die meisten Träger wären doch herbe enttäuscht, wenn niemand ihre aufwändigen Kostüme bestaunen würde.

Die Ästhetik ist aber nicht das einzige, das mir am WGT so gefällt. Es mag im ersten Moment befremdlich klingen, aber das ist der Geist, den ich von den Metal-Festivals meiner Jugend kenne: Je dunkler und härter die Musik, desto friedlicher ihre Fans.

 

Kolumnistin Lisanne Surborg
Unsere Kolumnistin Lisanne Surborg

Ein Freund von mir legt sich im Park in die Pfingstsonne und schreckt hoch, als ein Mann mit Gasmaske und Lederstring ihn an der Schulter berührt. Er hat alles erwartet, aber nicht…

„Du solltest dich in den Schatten legen, du hast schon ein bisschen Sonnenbrand. Möchtest du meine Sonnencreme benutzen?“

Die Polizei bestätigt meinen Eindruck: „Keine Rangeleien zum WGT“. Alles friedlich, alles gut. Jedes Jahr wieder schön…aber irgendwann auch nicht mehr ganz so aufregend. Nach zehn Fotogalerien ist mein Auge doch gesättigt.

Gut, also was ist sonst noch so passiert?

„Schwerere Erdbeben möglich. Erdbeben in Mitteldeutschland - gerade erst bebte das Vogtland. Aber auch in der Region Leipzig und Halle sind schwerere Beben denkbar, als bisher registriert wurden."

Nein, nein, nicht so viel Aufregung…

„Barocke-Typen in Leipziger Picknick-Laune“

„Die besten Fotos vom Leichenwagen-Treff“

„Jungfernversteigerung im Heidnischen Dorf“

 

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Lisanne Surborg
25.05.2018 - 12:22